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Infektionsherd Ischgl: Wie sich Corona von den Skigebieten aus verbreitete

  • Tirol gilt inzwischen als Hochrisikogebiet für die Ausbreitung des Coronavirus in Europa.
  • Bis letzte Woche wurde in Skiurlaub-Hochburgen wie Ischgl aber noch ausgelassen gefeiert.
  • Dabei wussten die Behörden schon viel früher von Infektionsketten bis nach Island.
Stefan Schocher
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Der Skiort Ischgl ist bekannt für Après-Ski, für ausgelassene Stimmung und Party mit Freunden. Jetzt geht dort und im Paznauntal nichts mehr. Ebenso in St. Anton. Normalerweise klingeln hier zu dieser Jahreszeit die Kassen und Jahresumsätze werden erwirtschaftet. Die Orte sind aber isoliert, sie stehen unter Quarantäne. Noch vor einer Woche tobte hier der Ski-Ballermann.

Coronavirus: Verbreitung in Tirol und Europa

So langsam wird klar: Tirol und im Speziellen das Paznauntal und Ischgl waren anscheinend eine Drehscheibe bei der Verbreitung des Coronavirus in ganz Europa. Der zuständige Landesrat Bernhard Tilg allerdings beteuerte zuletzt in einem TV-Interview: „Die Behörden haben alles richtig gemacht.“ Die ausländischen Medien würden einen falschen Eindruck erwecken, so der Landesrat. Auch die Gesundheitsbehörden in Tirol wiesen Berichte über zu spätes Handeln vehement zurück.

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Island erklärte Tirol schon Anfang März zum Risikogebiet

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„Im Paznauntal hat man sicher einiges verschlafen“, sagt hingegen ein Tiroler Mediziner. Es werde in Aufarbeitung der Krise wohl noch vieles zutage treten. Eine der auf der Hand liegenden Vermutungen: In Tirol könnte die mächtige Liftbetreiberlobby kräftig mitgemischt haben.

Nach Urlaub in Tirol: 15 Isländer positiv auf Corona getestet

Zu den Fakten: Vor über zehn Tagen wurden 15 Isländer nach ihrer Heimkehr aus Tirol positiv auf Covid-19 getestet. Die isländischen Behörden erklärten Tirol deshalb schon am 5. März zum Gefahrengebiet. Eine Liste der Patientennamen wurde an die Behörden in Tirol übermittelt, um deren Unterkünfte nachvollziehen zu können. Und in Tirol zu diesem Zeitpunkt? Keine Reaktion.

Barkeeper in Ischgl mit Corona infiziert – Party geht weiter

Dabei ergaben Tests am Wochenende vom 8. März, dass ein Barkeeper in der Ischgler Après-Ski-Bar Kitzloch mit dem Coronavirus infiziert war. Zeitgleich erklärte der Tiroler Landessanitätsdirektor, eine Ansteckung in der Bar sei aus medizinischer Sicht eher unwahrscheinlich. Dabei verkündeten die Bundesbehörden bereits, dass man doch besser ein bis zwei Meter Abstand zu anderen Personen halten solle, um eine Infektion zu vermeiden. Unmöglich in einer Bar wie dem Kitzloch.

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Die Bar blieb also offen, ebenso wie die Partymeile, die Gondeln, der Skibetrieb. Es habe zunächst keine spürbaren Veränderungen in Ischgl gegeben, berichtet auch ein Mitarbeiter des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND). Er habe dort noch bis vergangene Woche Mittwoch Skiurlaub mit Freunden gemacht. “Es gab zwar den Bericht zum Barkeeper in der Zeitung, aber ansonsten ist alles ganz normal weitergegangen", berichtet er.

Virusverbreitung in Europa durch Skiurlauber

Er selbst befinde sich seit der Rückkehr nach Deutschland vorsorglich in Quarantäne. Ein Großteil seines Freundeskreises aus der Reisegruppe sei nach Auftreten von für Covid-19 typischen Symptomen bereits positiv auf das Coronavirus getestet worden. Und das, obwohl sie sich nicht im Kitzloch aufgehalten hatten.

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Das ist kein Einzelfall: Mehr als 1000 Infizierte europaweit sind laut Medienberichten auf einen Skiurlaub in Tirol zurückzuführen, auch in Deutschland. Mit Sorge beobachteten vergangene Woche beispielsweise die Hamburger Behörden einen Anstieg an Infektionen durch Rückkehrer aus den Skigebieten.

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Auch 15 Personen aus dem Umfeld des Barkeepers in Ischgl wurden positiv getestet. Am Dienstag, 10. März, wurde zumindest die Bar geschlossen. Am selben Tag erklärte der Tiroler Landeshauptmann Günther Platter noch, dass das Problem seiner Ansicht nach eher in Italien angesiedelt sei und es eine Quarantäne für Ischgl nicht geben solle, ebenso wie „drastische Maßnahmen“ wie die Beendigung der Skisaison.

Corona in Ischgl und Tirol: Wurde die Skisaison zu spät beendet?

Die Skisaison wurde dann erst am Samstag (14. März) für beendet erklärt. Seit diesem Sonntag sind alle Tiroler Skigebiete geschlossen. Das Tiroler Fiasko ging aber noch weiter: Als die ausländischen Touristen dann letztlich aus dem Paznauntal gebracht wurden, quartierten sich viele Gäste unkoordiniert seitens der Behörden in Innsbruck ein, wo sie auf ihre Flüge nach Hause warteten.

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Tirol ist Hochrisikogebiet für Coronavirus

Tirol selbst gilt jetzt als Hochrisikogebiet. 311 Coronafälle waren bis Dienstagvormittag (17. März) in Tirol bestätigt. Es gilt, wie auch im Rest Österreichs, quasi eine Ausgangssperre. Tirol wurde praktisch abgeriegelt. „Wir haben bis vor einer Woche einfach nicht die Härte der Situation erfasst“, beurteilt Anna Doblander, Leiterin der Rotkreuznotrufstelle in Imst in Tirol, das Vorgehen der Behörden. Erst angesichts der Eskalation in Italien sei bewusst geworden, was für ein riesiges Problem dieses Virus sei. Der Notrufbetrieb sei derzeit noch angesichts der Bewegungsbeschränkungen extrem ruhig. Es sei die Ruhe vor dem Sturm, die Mediziner bereiten sich auf eine Welle an Akutfällen in den kommenden Tagen vor.



Landeshauptmann Plattner hingegen gibt sich uneinsichtig. Er wies am Dienstag Vorwürfe zurück, die Behörden hätten nicht schnell und konsequent genug reagiert. Das Land habe „das Menschenmögliche getan, dass es nicht ein komplettes Chaos gegeben hat“.

RND

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