Corona-Behandlungen: Etliche Inderinnen und Inder stehen vor enormen Schuldenbergen

  • Die Zahl der Corona-Fälle ist nach dem dramatischen Höhepunkt im Mai wieder gesunken.
  • Doch Millionen Menschen im Land stehen nun vor neuen Herausforderungen.
  • Auf den Kosten der Corona-Behandlungen bleiben sie sitzen – und die betragen teilweise 16 Monate durchschnittlichen Lohn.
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Neu Delhi. Als das Coronavirus im Frühjahr in Indien wütete, besuchte Anil Sharma seinen Sohn Saurav mehr als zwei Monate lang jeden Tag in einer Privatklinik in Neu Delhi. Im Mai, auf dem Höhepunkt der Pandemie in dem Land, wurde Saurav an ein Beatmungsgerät angeschlossen. Der Anblick damals hat sich tief in Sharmas Gedächtnis eingebrannt. „Ich musste stark bleiben, wenn ich bei ihm war, aber sobald ich das Zimmer verlassen habe, habe ich die Fassung verloren“, sagt der Vater.

Der 24-jährige Saurav ist jetzt zu Hause, erholt sich langsam. Aber in die Freude der Familie mischen sich neue Sorgen – über den Berg an medizinischen Schulden, den sie im Zuge seiner Behandlung angehäuft hat. Sharma hat alle seine Ersparnisse ausgeschöpft, um für Krankenwagen, Tests, Medikamente und ein Bett auf der Intensivstation zu zahlen. Zusätzlich nahm er Bankdarlehen auf.

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Medizinische Rechnung belief sich auf 45.000 Euro

Als die Kosten stiegen und stiegen lieh er sich Geld bei Freunden und Verwandten. Dann wandte er sich an Fremde, bat auf der indischen Crowdfunding-Webseite Ketto um Hilfe. Sharma hat mehr als umgerechnet 45.000 Euro an medizinischen Rechnungen bezahlt. Gut die Hälfte kam bei der Online-Geldsammelaktion zusammen, der andere Teil – etwa 22.000 Euro – ist geborgtes Geld, das er zurückzahlen muss.

Sharmas Problem ist in Indien alles andere als ein Einzelfall. Kehrt das Leben angesichts sinkender Corona-Fälle in dem Land langsam zur Normalität zurück, finden sich Millionen Inder in einem Alptraum anderer Art wieder: Nach ihrer eigenen Behandlung oder der eines Familienmitgliedes ertrinken sie in Schulden. Die meisten Einwohner haben keine Krankenversicherung.

„Er hat um sein Leben gekämpft, und wir haben uns bemüht, ihm eine Überlebenschance zu geben“, sagt Sharma über seinen Sohn. „Ich war ein stolzer Vater – und jetzt bin ich ein Bettler geworden.“

Etwa zwölf Millionen Arbeitsplätze gingen verloren

Das Gesundheitssystem war in Indien schon vor der Pandemie schwach, Zugang zur Versorgung ein Problem. Inderinnen und Inder zahlen im Durchschnitt etwa 63 Prozent der Kosten für ihre medizinische Betreuung aus eigener Tasche, typisch für viele arme Länder mit unzureichenden öffentlichen Dienstleistungen. Im Fall von Covid kommt hinzu, dass viele Menschen im Zuge von Restriktionen ihre Arbeit verloren haben, was die finanziellen Belastungen durch Corona-Behandlungen noch verschlimmert.

In Indien sind zwar viele Jobs zurückgekehrt, als Städte nach einem strikten Lockdown im März 2020 wieder öffneten. Aber Volkswirtschaftlerinnen- und Wirtschaftler sind besorgt über den Verlust von etwa zwölf Millionen Arbeitsplätzen mit Gehältern, Sharmas Job im Marketing war einer davon. Als die Sammelaktion auf Ketto begann, hatte er bereits seit 18 Monaten kein Einkommen mehr bezogen. Dem Betreiber der Webseite zufolge dienten 40 Prozent der 4500 Kampagnen via Ketto im Zusammenhang mit Covid zwischen April und Juni dem Bestreiten von Krankenhauskosten.

Die Pandemie hat 32 Millionen Inderinnen und Inder aus der Mittelschicht vertrieben, der Menschen mit Einkommen zwischen 10 und 20 Dollar (8,5 und 17 Euro) am Tag zugeordnet werden, wie eine im März veröffentlichte Studie des Forschungszentrums Pew ergeben hat. Es schätzt, dass die Krise die Zahl der Armen in Indien – jene mit Einkommen von 2 Dollar oder weniger am Tag – um 75 Millionen vergrößert hat.

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Versicherungssystem deckt medizinische Grundversorgung nicht ab

Diana Khumanthem in der nordwestlichen Stadt Imphal hat ihre Mutter und Schwester im Mai durch Covid verloren. Die Behandlungskosten haben sämtliche Ersparnisse ausgelöscht, und Khumanthem musste den Goldschmuck der Familie zum Pfandleiher bringen, um eine Rechnung der Privatklinik zu bezahlen, in der ihre Schwester starb: Die Einrichtung hatte sich geweigert, die Leiche für Rituale herauszugeben, solange die Schulden nicht beglichen seien. Khumanthem musste trotzdem zusätzlich noch Freunde, Angehörige und Kolleginnen und Kollegen ihrer Schwester um Hilfe bitten und schuldet immer noch umgerechnet 850 Euro.

Unter Regierungschef Narendra Modi war 2018 ein Versicherungssystem geschaffen worden, das darauf abzielte, etwa 500 Millionen der 1,3 Milliarden Einwohnerinnen und Einwohner einen Schutz zu bieten. Aber es deckt nicht die Kosten für medizinische Grundversorgung und ambulante Behandlungen ab – und diese machen den größten Teil der Ausgaben aus eigener Tasche aus.

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Covid-19 Behandlung beträgt Lohn aus 16 Monaten Arbeit

Nach einer Studie des Global Health Institute der amerikanischen Duke University und der Public Health Foundation of India entsprechen die Kosten für Covid-Behandlungen auf einer Intensivstation fast den Einkünften aus 16 Monaten Arbeit für typische indische Tagelöhnerinnen und Tagelöhner. Bei Beschäftigten mit Gehältern oder Selbstständigen sind es 7 bis 10 Monate.

Indien zahlt mit am wenigsten ins Gesundheitssystem

Ein Hauptgrund für die Misere in Indiens Gesundheitssystem ist, dass der Staat nur gerade mal 1,6 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts in diesen Sektor steckt – weniger als die meisten anderen armen Länder ausgeben. Als die Pandemie im Mai mit 400.000 neuen Infektionen täglich ihren Höhepunkt erreichte, waren alle Krankenhäuser überfüllt. Aber den öffentlichen Einrichtungen fehlten die Ressourcen, den Andrang auch nur notdürftig zu bewältigen.

Sharma atmete erleichtert auf, als ein Krankenwagen seinen Sohn in der vergangenen Woche nach Hause brachte. Saurav ist zwar noch schwach, benötigt Krankengymnastik, den täglichen Besuch einer Pflegekraft und viele Arzneien. Es könnte Monate dauern, bis der begabte junge Rechtsanwalt wieder einen Gerichtssaal betreten kann. Es werden also weiter Kosten anfallen. „Unsere erste Priorität war es, ihn zu retten“, sagt Sharma. „Jetzt werden wir den Rest ausknobeln müssen.“

RND/AP

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