Was wir aus der Omikron-Welle in Großbritannien lernen können

  • Wegen der Ausbreitung der Omikron-Variante des Coronavirus steigen die Infektionszahlen im Vereinigten Königreich massiv an.
  • Welche Rückschlüsse kann man daraus auf Omikron ziehen? Und was bedeutet das für Deutschland?
  • Die milden Verläufe sind eine gute Nachricht, trotzdem ist das Gesundheitssystem unter Druck.
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Omikron wütet im Vereinigten Königreich. Jüngst verzeichneten die Britinnen und Briten einen neuen Höchstwert an Corona-Neuinfektionen binnen eines Tages. Schon vor Weihnachten war die Variante in Schottland und England dominant. Inzwischen macht Omikron in England bereits über 90 Prozent der Fälle aus.

Die Zahlen aus dem Vereinigten Königreich zeigen aber auch, dass sich die Omikron-Welle anders als frühere Wellen verhält. Aus der Situation im Inselstaat kann auch Deutschland vor der anstehenden Omikron-Welle einige Rückschlüsse ziehen.

Infektionszahlen: Gewaltiger Anstieg im Vereinigten Königreich

Die aktuellen Infektionszahlen im Vereinigten Königreich zeigen, wie ansteckend Omikron ist. Jüngst wurden über 200.000 Fälle binnen 24 Stunden verzeichnet – ein bisheriger Höchstwert in der Pandemie. Zum Vergleich: Während der Delta-Welle im Januar 2021 lag die Höchstzahl der täglichen Infektionen noch bei knapp über 68.000. Bei der aktuellen Entwicklung dürften auch die fehlenden Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie eine Rolle spielen, die seit dem „Freedom Day“ im vergangenen Juli aufgehoben wurden. Zwar hat die Regierung im Zuge der steigenden Fälle schon im November neue Maßnahmen eingeführt, allerdings sind die Einschränkungen bei Weitem nicht so stark wie vor einem Jahr.

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Anders als vor einem Jahr sind jedoch auch deutlich mehr Menschen gegen Covid-19 geimpft. Inzwischen sind im Vereinigten Königreich 70,8 Prozent der Bevölkerung zweifach geimpft, 51,2 Prozent haben nach Angaben der Regierung zudem eine Booster-Impfung erhalten. Doch gerade diese Tatsache macht deutlich, dass Omikron auch bei einer Bevölkerung mit vielen Geimpften nicht Halt macht.

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Was der Anstieg der Infektionszahlen im Vereinigten Königreich für Deutschland bedeutet

Für Deutschland sind die Infektionszahlen im Vereinigten Königreich keine guten Nachrichten und deuten darauf hin, dass die Zahlen auch in Deutschland stark steigen werden, wenn sich Omikron durchsetzt. Die Quote der zweifach geimpften Menschen beträgt hierzulande 71,4 Prozent und ist somit ähnlich wie die britische Impfquote. Allerdings haben in Deutschland derzeit nur 40,1 Prozent der Menschen die Booster-Impfung erhalten – und somit über 10 Prozent weniger als im Vereinigten Königreich.

Virologe Christian Drosten betonte zudem am Freitag im Deutschlandfunk, dass man „zu viele ungeimpfte Leute in Deutschland, gerade über 60″ habe. Auch Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) sagte am Montag auf Twitter, dass im Vereinigten Königreich eine „Tragödie“ bislang auch deshalb ausblieb, weil es eine höhere Impfquote unter den Älteren aufweist.

Allerdings ist die hiesige Situation nicht gänzlich mit der britischen Omikron-Lage vergleichbar. Wie Drosten im NDR-Podcast „Coronavirus Update“ erklärte, verdoppeln sich die Omikron-Fälle alle vier Tage in Deutschland. Im Vereinigten Königreich sind es etwa alle zwei Tage. Omikron sei dort „in die Situation mit offenen Pubs und Schulen“ gekommen. In Deutschland sei das anders gewesen: „Die Intensivstationen wurden immer voller, und es gab regionale Beschlüsse in den Ländern, die wir durchaus vor einem Jahr noch als Lockdown bezeichnet hätten. So ist die Infektion stark reduziert worden. In diese Situation kam Omikron nach Deutschland“, sagte er.

Laut Drosten werde Omikron auch in Deutschland Ende Januar dominieren. Er geht angesichts der Zahlen aus dem Vereinigten Königreich und anderen Ländern davon aus, dass auch Deutschland ein gravierender Anstieg der Infektionszahlen durch Omikron bevorsteht. „Wir werden ganz sicher auch eine steile Welle sehen“, sagte er. Man müsse daher Infektionsgeschehen moderieren und an den richtigen Stellen nachsteuern.

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Weniger Intensiv- und Todesfälle: Omikron verursacht wohl mildere Covid-Verläufe

Es wäre jedoch falsch, die Schwere der aktuellen Welle im Vereinigten Königreich allein an den Infektionszahlen zu messen. So geben andere Daten zu Omikron Grund für – wohlgemerkt vorsichtigen – Optimismus. Daten des Covid-19-Dashboards der britischen Regierung zeigen etwa, dass die Zahl der Covid-19-Patientinnen und -Patienten sowie die der Corona-Todesfälle im Vergleich zum Winter vor einem Jahr derzeit deutlich niedriger ist – und das, obwohl die Fallzahlen deutlich höher als vor einem Jahr sind.

Darauf weist der Journalist John Burn-Murdoch von der britischen Zeitung „Financial Times“ auf Twitter hin: Unter Berufung auf Regierungszahlen zeigt er, dass es bei der Corona-Welle im vergangenen Jahr einen proportionalen Anstieg von Infektionen, Patientinnen und Patienten sowie Todesfällen gab. Seit dem drastischen Anstieg der Covid-Fälle im Dezember 2021 ist die Zahl der Todesfälle sowie die Zahl der Patientinnen und Patienten, die beatmet werden müssen, jedoch verhältnismäßig leicht gestiegen und insgesamt deutlich geringer als vor einem Jahr, wie er in einer Grafik zeigt:

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Dass sich die Covid-Lage auf den Intensivstationen im Vereinigten Königreich binnen eines Jahres zumindest ein bisschen verbessert hat, zeigen auch Daten aus der Hauptstadt: In London waren im Dezember 2020 über knapp 900 Intensivbetten besetzt, im Januar und Februar waren es über 1400. In der aktuellen Omikron-Welle waren es laut einer Grafik von Burn-Murdoch bis Ende Dezember unter 800 – Tendenz sogar leicht sinkend.

Diese Entwicklungen decken sich mit Erkenntnissen von Fachleuten, die auf mildere Krankheitsverläufe durch Omikron hindeuten. So berichtete die UK Health Security Agency, dass bei Omikron das Risiko, wegen einer Infektion im Krankenhaus behandelt werden zu müssen, um 50 bis 70 Prozent niedriger als bei der Delta-Variante ist. Das Risiko einer Intensivbehandlung sei um bis zu 45 Prozent reduziert.

Das Imperial College London kam Ende Dezember zu einem ähnlichen Ergebnis: Die Wahrscheinlichkeit, wegen Omikron einen Tag oder länger im Krankenhaus behandelt werden zu müssen, sei zwischen bis zu 30 Prozent geringer als bei Delta. Bei geboosterten Menschen sinkt die Wahrscheinlichkeit einer Hospitalisierung sogar um 63 Prozent.

Was die Entwicklung der Intensiv- und Todesfälle im Vereinigten Königreich für uns bedeutet

Auch in Deutschland setzt sich laut Drosten mit Omikron der Trend fort, dass sich Inzidenz und die Zahl der schweren Covid-19-Fälle auf Intensivstationen „zunehmend entkoppeln“. Der Grund dafür seien vor allem die Booster-Impfungen. Im Bezug auf die Beobachtungen aus dem Vereinigten Königreich sagte Drosten vergangene Woche im ZDF-„heute-journal“, dass diese Entwicklungen ermutigend sein. „Denn die Zahl der schweren Erkrankungen scheint geringer zu sein“, betonte der Virologe.

Allerdings geht Drosten im „Coronavirus Update“ angesichts der vielen ungeimpften über 60-Jährigen in Deutschland davon aus, dass es zu Infektionen und Erkrankungen mit unterschiedlichen Verläufen durch Omikron kommen wird. Er gibt außerdem zu bedenken, dass die aktuell verfügbaren Studiendaten aus dem Vereinigten Königreich aus einer frühen Phase der Omikron-Welle stammen. „Es wäre voreilig, aufgrund der Beobachtungen aus England zu sagen, ist alles halb so schlimm“, sagte Drosten im Podcast.

Erschwerend kommt hinzu, dass Deutschland aktuell noch eine höhere Quote an Covid-19-Intensivpatientinnen und -Intensivpatienten als das Vereinigte Königreich aufweist. Laut der von der Universität Oxford betriebenen „Our World in Data“-Plattform kommen aktuell immer noch gut 45 Fälle auf eine Million Einwohnerinnen und Einwohner. Im Vereinigten Königreich sind es demnach 13.

Krankenhausfälle steigen kontinuierlich – und den Briten geht wegen Omikron das Personal aus

Obwohl Omikron den bisherigen Daten und Erkenntnissen zufolge eine weniger schwere Erkrankung verursacht und Intensivstationen weniger an Covid-19 erkrankte Menschen aufnehmen müssen, heißt das nicht, dass die britischen Krankenhäusern entlastet sind. Wegen der Belastungen durch die Omikron-Welle hat mittlerweile fast jede sechste englische Krankenhausstiftung den Ernstfall ausgerufen. Etliche Beschäftigte im Gesundheitswesen sind selbst infiziert und fallen aus, gleichzeitig wächst der Rückstau an Behandlungen weiter an, weil Operationen zunehmend verschoben werden. Laut einem Bericht der britischen Zeitung „Sunday Times“ fehlten am Freitag vor einer Woche mehr als 110.000 Beschäftigte im Gesundheitssektor – und damit insgesamt 10 Prozent.

Großbritannien: Immer mehr ältere Menschen infizieren sich mit Omikron

Besorgniserregend ist auch, dass sich derzeit vor allem ältere Menschen im Vereinigten Königreich Daten zufolge mit Omikron anstecken. Bei der Delta-Variante infizierten sich dagegen eher jüngere Menschen. Gerade in den vergangenen Tagen haben die Infektionsfälle unter den über 65-Jährigen zugenommen:

Der britische Epidemiologe Neil Ferguson fürchtet daher, dass die Situation der britischen Krankenhäuser sich schon bald deutlich verschärfen könnte. Das zeigen auch Zahlen aus London: Die Neuinfektionen der 15- bis 39-Jährigen sinken, die Zahl der infizierten älteren Menschen steigt dagegen teils deutlich an. So liegt die Zahl der Hospitalisierungen unter den 85-Jährigen bereits bei 300 pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner. „Während die Raten bei jüngeren, 20- bis 50-jährigen Erwachsenen gesunken sind, sinken sie nicht ebenso in der älteren Bevölkerung – und natürlich hat die ältere Bevölkerung ein größeres Risiko für einen Krankenhausaufenthalt und schweren Verlauf [...]“, sagte er in einem Radiointerview mit dem BBC.

Was mehr Omikron-Infektionen bei älteren Menschen für Deutschland bedeuten würde

Dass sich zunehmend ältere Menschen mit Omikron anstecken – wie erste Erkenntnisse vermuten lassen – könnte sich in Deutschland gravierend auf die Situation in den Krankenhäusern und Intensivstationen auswirken. Denn hierzulande sind noch immer allein bei den über 60-Jährigen in Deutschland über drei Millionen Menschen ungeimpft. Gerade deshalb betonte Gesundheitsminister Lauterbach in der „Bild am Sonntag“, wie wichtig die Impfungen sind. „Viele Ungeimpfte haben das Gefühl, dass der Zug für sie eh abgefahren sei. Das stimmt nicht“, sagte er. Auch die erste Impfung senke das Sterberisiko nach 14 Tagen – und mit einer Steigerung der Erstimpfungen könne man die Zahl Todesfälle während der Omikron-Welle reduzieren.

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