Corona in Deutschland: Wie geht es nach dem Lockdown weiter?

  • Am 5. Januar wollen Bund und Länder über die aktuellen Corona-Maßnahmen in Deutschland diskutieren.
  • Für Virologen und Epidemiologen steht fest: Noch sind Lockerungen für das Infektionsgeschehen zu riskant.
  • Erst niedrigere Fallzahlen könnten dem Lockdown ein Ende bereiten.
Laura Beigel
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Mit großen Schritten nähert sich das neue Jahr 2021 – und damit auch das vorerst auf den 10. Januar datierte Ende des Lockdowns. Ob die aktuellen Corona-Maßnahmen in Deutschland dann wirklich gelockert werden, ist jedoch fraglich. „Am 10. Januar werden wir noch nicht da sein, wo wir hin müssen“, gab Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig im Deutschlandfunk-Interview zu bedenken. „Ich fürchte, dass wir weiterhin Maßnahmen ergreifen müssen.“

Die Virologin warnte ferner vor übereilten Lockerungen, die womöglich einen dritten Lockdown zur Folge hätten. Besser sei es, die Fallzahlen zunächst weiter zu senken. Als anzustrebendes Ziel nannte Brinkmann eine Sieben-Tage-Inzidenz von zehn Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Dann seien Kontaktverfolgungen wieder möglich und Testkapazitäten ausreichend vorhanden.

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Brinkmann: „Hohe Fallzahlen sind ein großes Problem“

Diese Inzidenz ist ebenfalls Kernelement eines gemeinsamen Aufrufs von mehr als 300 Wissenschaftlern aus ganz Europa, der im Fachmagazin The Lancet veröffentlicht wurde. Darin fordern sie „eine starke, koordinierte europäische Antwort mit klar definierten mittel- und langfristigen Zielen“ – so auch eine Sieben-Tage-Inzidenz von zehn Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner.

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„Es gibt eigentlich nur Vorteile von niedrigen Fallzahlen“, sagte Brinkmann. „Hohe Fallzahlen sind ein großes Problem für unser Gesundheitssystem und unsere Wirtschaft. Der Lockdown ist immer nur eine Notbremse. Das ist nicht etwas, was wir noch ein drittes Mal haben wollen.“

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Inzidenz im Winter kaum zu erreichen

Bis eine Sieben-Tage-Inzidenz von zehn Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner erreicht ist, dürfte allerdings noch etwas Zeit vergehen. Das Robert-Koch-Institut beziffert die aktuelle Sieben-Tage-Inzidenz mit 158 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Die Inzidenz müsste also um rund das 15-Fache sinken. Dies könne nur gelingen, wenn die Reproduktionszahl über einen längeren Zeitraum unter eins – idealerweise bei 0,7 – liegt, so Brinkmann. Dann würden sich die Fallzahlen pro Woche halbieren.

Prof. Ulf Dittmer, Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Essen, glaubt, dass eine Sieben-Tage-Inzidenz von zehn Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner im Winter kaum zu erreichen ist. „Erst wenn das Wetter besser wird und möglichst viele Personen geimpft sind, könnten solche Zahlen realistisch werden“, sagt er. „Das erste Ziel sollten 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner sein, damit die Gesundheitsämter wieder eine bessere Kontaktverfolgung leisten können. Aber auch das wird bis zum 10. Januar in vielen Kreisen und Städten nicht realisierbar sein.“

Fallzahlen sind derzeit wenig verlässlich

Das Robert Koch-Institut meldete am Dienstag 12.892 Corona-Neuinfektionen innerhalb eines Tages in Deutschland. Vor einer Woche waren es noch 19.528 neue Fälle gewesen. Der Virologe Martin Stürmer weist jedoch darauf hin: „Es ist aktuell schwierig, die Zahlen zu bewerten, da über die Feiertage nicht im gleichen Umfang getestet wird und der Abfall der Infektionszahlen damit höchstwahrscheinlich eine Mischung aus weniger Tests und Auswirkungen des Lockdowns sein dürfte.“

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Auf diese Problematik macht auch Dittmer aufmerksam: „Wir werden erst am Ende der ersten Januarwoche wieder verlässlichere Zahlen zu Neuinfektionen haben. Erst dann können wir die Wirkung der Maßnahmen beurteilen.“

Stürmer, Lehrbeauftragter für Virologie an der Universität Frankfurt, hält es zwar für realistisch eine Sieben-Tage-Inzidenz von zehn Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner zu erreichen, aber nicht bereits Anfang Januar. „Wenn man schneller ans Ziel kommen möchte, muss man über verschärfte Ausgangs- beziehungsweise Kontaktbeschränkungen nachdenken.“

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Maßnahmen sollten europaweit umgesetzt werden

Als Beispiel für strengere Maßnahmen nennt Prof. Thorsten Lehr, Professor für Klinische Pharmazie der Universität des Saarlandes, weniger private Treffen, Anordnung von Heimarbeit, Ausgangssperren oder eine Reduktion des Grenzverkehrs. Lehr hat mit Kollegen einen Corona-Simulator entwickelt, der berechnet, wie sich die Infektionszahlen zukünftig entwickeln könnten.

„Um die Corona Ausbreitung in Deutschland wieder beherrschbar zu machen, ist nach unseren Berechnungen eine Absenkung der Sieben-Tage-Inzidenz auf deutlich unter 25 Fälle pro 100.000 Einwohner nötig“, sagt er. „Es wird wichtig sein, dass sich die Politik auf ein einheitliches und niedriges Sieben-Tage-Inzidenzziel verständigt, bevor die Maßnahmen wieder gelockert werden können.“

Weiter fordert Lehr: „Es sollte vor allem nicht nur in Deutschland einheitlich gehandelt werden, sondern die Maßnahmen sollten europaweit umgesetzt werden. Es wird nichts nutzen, wenn in Deutschland alle brav zu Hause sitzen und sich isolieren, während einige Touristen in Österreich und der Schweiz die Skipisten bevölkern.“

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Trotz der aktuell hohen Infektionszahlen tümmeln sich Menschen in den Skigebieten in Deutschland, Österreich und der Ukraine.  © Reuters

Michael Müller: Werden im Januar weiter Einschränkungen erleben

Am 5. Januar wollen sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder erneut treffen, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Der Vorsitzende der Ministerpräsidentenkonferenz, Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD), rechnet mit weiter andauernden Einschränkungen. Im Gespräch mit dem ZDF-„Morgenmagazin“ machte er am Dienstag deutlich, dass die Infektionszahlen auf einem sehr hohen Niveau stagnieren oder nur leicht zurückgehen. „Insofern rechne ich damit, dass wir im Januar auch weiter Einschränkungen erleben.“

Epidemiologe Timo Ulrichs von der Berliner Akkon-Hochschule für Humanwissenschaften erhofft sich vom Bund-Länder-Treffen im Januar eine Verlängerung sämtlicher Lockdown-Maßnahmen bis Ende Januar und nach den Winterferien schrittweise Lockerungen. „Wir sollten anders als nach dem März-Lockdown mit den Lockerungen sehr vorsichtig sein, damit wir weiter die Neuinfiziertenzahlen drücken können. Das heißt, eine vorsichtige Lockerung für einen Bereich nach dem anderen im 14-Tages-Abstand wäre sinnvoll.“

Dieses Vorgehen müsste gut kommuniziert werden, meint der Epidemiologe. Zudem erhofft sich Ulrichs vom Bund-Länder-Treffen einen Plan, wie man bis zur Massenimpfungsphase weiter vorgehen sollte – sowie eine Aufstockung der personellen Kapazitäten in den Impfzentren. „Wir sollten uns nicht darauf ausruhen oder damit rechnen, dass die Durchimpfungskampagne den Rest besorgen wird“, sagt er. „Die zeitliche Lücke bis zu messbaren Effekten der Massenimpfung darf nicht einen Wiederanstieg sehen – das würde unnötige Opfer auf den letzten Metern bedeuten.“


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