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  • Kommt die Triage? Intensivstationen in Deutschland wegen Corona bald am Limit

Diskussion um Covid-19-Triage: Welche Richtlinien gelten?

  • Personalmangel und immer mehr Intensivpatienten machen den deutschen Kliniken zu schaffen.
  • Das führt dazu, dass auch über das Thema Triage-Entscheidungen wieder gesprochen wird.
  • Auch andere Länder wie die Schweiz und Italien wappnen sich für den Ernstfall, wenn Krankenhäusern die Kapazitäten fehlen.
Laura Beigel
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Angesichts der zunehmenden Belastung deutscher Intensivstationen hat der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité an die schwierigen Entscheidungen erinnert, vor der Ärzte im Falle einer Kliniküberlastung stehen könnten. Drosten sprach dabei bei einem Vortrag über die sogenannten Triage-Entscheidungen, bei denen Mediziner entscheiden müssen, welche Menschenleben sie retten und welche nicht.

Die Meldung sorgt für Kritik: „Herr Drosten sollte sich aus der Diskussion um Kapazitätsengpässe auf Intensivstationen heraushalten“, sagte Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmediziner (Divi), gegenüber der Rheinischen Post. „Seine Äußerungen zu einer möglicherweise drohenden Triage in Deutschland kann ich nicht nachvollziehen und halte sie für unverantwortlich.“

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Janssens: Noch weit von Triage-Entscheidungen entfernt

Seit Ende September steigt die Zahl der Intensivpatienten in Deutschland exponentiell an. Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) zählt aktuell mehr als 2300 Patienten in intensivmedizinischer Behandlung, 53 Prozent von ihnen müssen künstlich beatmet werden. Trotz Personalmangel seien die Kliniken aber von Triage-Entscheidungen noch weit entfernt, so Janssens in der „RP“.

Das Wort Triage stammt aus dem Französischen und bedeutet übersetzt „die Auswahl“ oder „die Sortierung“. In der Medizin umfasst der Begriff einen Ernstfall in den Kliniken, bei dem Kapazitäten erschöpft sind und Ärzte moralisch schwerwiegende Entscheidungen treffen müssen: Welcher Patient erhält das einzig verfügbare Beatmungsgerät? Oder: Sollte die Beatmung eines Patienten gestoppt werden, um ein anderes Menschenleben zu retten?

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Klinische Erfolgsaussicht als wichtigstes Kriterium

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Die Divi hat zusammen mit sieben weiteren Fachgesellschaften die Leitlinie „Entscheidungen über die Zuteilung intensivmedizinischer Ressourcen im Kontext der Covid-19-Pandemie“ veröffentlicht. Darin beschreiben sie Kriterien, die im Ernstfall bei der Priorisierung von Patienten von Bedeutung sind.

An vorderster Stelle steht dabei das Kriterium der klinischen Erfolgsaussicht. Das heißt, es werden – wenn nicht anders vermeidbar – die Patienten intensivmedizinisch priorisiert, die durch die Maßnahmen eine höhere Überlebenschance haben. Patienten, bei denen es nur sehr geringe Aussichten gibt, dass sie überleben, werden nicht intensivmedizinisch behandelt. So könne eine Diskriminierung von Patienten aufgrund ihres Alters, einer Behinderung oder ihres sozialen Status vermieden werden, heißt es in der Divi-Leitlinie.

Patienten sollen gleichbehandelt werden

„Die Gleichbehandlung aller Patienten hat oberste Priorität“, sagt Janssens. „Kein Patient wird aufgrund von Alter, Grunderkrankung oder Behinderung von der Versorgung ausgeschlossen. Ein solcher Leitfaden ist die Basis aller behandelnden Ärzte auf den Intensivstationen für eine medizinisch fundierte, gerechte Entscheidung.“

Um die klinische Erfolgsaussicht eines Patienten beurteilen zu können, müssen Mediziner neben dem allgemeinen Gesundheitszustand auch den Schweregrad der aktuellen Krankheit sowie Begleiterkrankungen berücksichtigen. In der neuesten Version der Divi-Leitlinie sei zudem „die Prüfung des Patientenwillens vor der Aufnahme auf die Intensivstation stärker hervorgehoben [worden]“, so Janssens.

Triage-Entscheidungen sollten ferner immer von mehreren Ärzten getroffen werden. Es gilt das Mehr-Augen-Prinzip, wonach Beschlüsse auch möglichst einstimmig gefasst werden sollten.

Schweizer Triage-System fußt auf kurzfristiger Prognose

Auch andere Ländern haben Pläne für Kliniken entwickelt, sollte es dort zu fehlenden, intensivmedizinischen Ressourcen kommen. So haben zum Beispiel die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften und die Schweizerische Gesellschaft für Intensivmedizin bereits im März Richtlinien über „Intensivmedizinische Maßnahmen“ publiziert.

Die darin beschriebenen Empfehlungen beruhen auf drei ethischen Grundprinzipien: Gerechtigkeit (also kein Patient wird aufgrund seines Alters, seiner Herkunft oder Ähnliches benachteiligt), möglichst viele Menschenleben erhalten und Schutz involvierter Fachpersonen. Das wichtigste Triage-Kriterium ist die kurzfristige Prognose eines Patienten.

„Bei der Aufnahme auf die Intensivstation haben diejenigen Patienten die höchste Priorität, deren Prognose im Hinblick auf das Verlassen des Spitals mit Intensivbehandlung gut, ohne diese aber ungünstig ist; Patienten also, die am meisten von der Intensivbehandlung profitieren“, heißt es in der Richtlinie.

Italien setzt hingegen auf einen anderen Ansatz: Statt möglichst vieler Menschen sollen Ärzte möglichst viele Lebensjahre retten. Damit wird das Alter neben dem aktuellen Gesundheitszustand und Begleiterkrankungen zum wichtigsten Triage-Kriterium. Eine feste Altersgrenze findet sich in den Empfehlungen der Società Italiana di Anestesia Analgesia Rianimazione e Terapia Intensiva von Anfang März jedoch nicht.



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