• Startseite
  • Gesundheit
  • Corona in Deutschland: Experten raten trotz sinkender Fallzahlen zur Vorsicht

„Die Lage ist fragil“: Warum Experten trotz sinkender Fallzahlen weiterhin zur Vorsicht raten

  • Die Corona-Lage in Deutschland scheint sich allmählich zu stabilisieren, so drückte es Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach aus.
  • Tatsächlich gehen sowohl die Anzahl der Neuinfektionen als auch die Sieben-Tage-Inzidenz schrittweise zurück.
  • Dennoch sind die Zahlen angesichts einer wahrscheinlichen Ausbreitung der Omikron-Variante im kommenden Jahr viel zu hoch, warnen Fachleute.
|
Anzeige
Anzeige

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Deutschland sinkt, ebenso wie die Sieben-Tage-Inzidenz – dennoch bleiben beide Kennzahlen auf einem hohen Niveau. Am Dienstagmorgen meldete das Robert Koch-Institut (RKI) eine Inzidenz von 375,0 (Vortag: 389,2; Vorwoche: 432,2) und 30.823 neue Fälle. In der vergangenen Woche sind es 36.059 Ansteckungen gewesen. Auch die Lage auf den Intensivstationen bleibt angespannt: Dort müssen Ärztinnen und Ärzte zurzeit knapp 5000 Corona-Erkrankte versorgen. In den vergangenen Tagen ist diese Zahl nur unwesentlich gesunken, vielmehr stagnierte sie auf einem Niveau von 4900 Fällen, wie aus dem Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) hervorgeht.

Die Zahlen zeigen: Die vierte Welle ist noch nicht vorbei, aber die Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen und 2G oder 2G plus wirken. „Die Lage stabilisiert sich langsam, und der Rückgang der Fallzahlen ist echt“, schrieb auch Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) am Montag auf Twitter. „Dieser Trend darf durch Weihnachten nicht gefährdet werden.“ Er rief dazu auf, die Booster-Kampagne zu verstärken, um gegen das Infektionsgeschehen vorzugehen.

Anzeige

Die entscheidende Frage ist jetzt: Wie geht es weiter? Ist der Sinkflug der Zahlen nur ein vorübergehender Effekt oder ein langanhaltender Trend? Das lässt sich zurzeit jedoch nur schwer voraussagen. „Wie in bislang jeder Welle ist die Lage fragil und eine gute Prognose schwierig“, sagte Virologe Marco Binder, der am Deutschen Krebsforschungszentrum zum Coronavirus forscht. „Festzustellen bleibt, dass wir uns aktuell auf einem sehr, sehr hohen Niveau bewegen und ein Plateau allein nicht ausreicht, um die Situation nennenswert zu entspannen.“

Anzeige

R-Wert reicht nicht aus, um Fallzahlen schnell zu senken

Dass sich die Corona-Lage nicht allzu schnell verändern wird, wird auch beim Blick auf die Reproduktionszahl (R-Wert) deutlich. Sie gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter im Durchschnitt ansteckt. Der R-Wert ist zwar in den vergangenen Tagen unter die Marke von eins gesunken, was bedeutet, dass sich die Infektionsdynamik abschwächt, „das reicht aber noch nicht, um die Infektionszahlen schnell herunterzubewegen“, so Hajo Zeeb, Leiter der Abteilung Prävention und Evaluation am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen.

Anzeige
Die Pandemie und wir Unser Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise ‒ jeden Donnerstag.

Es muss also damit gerechnet werden, dass das Coronavirus Deutschland noch einige Zeit umtreiben wird. Aber: „Ein starkes Ansteigen würde ich aktuell jetzt nicht mehr erwarten“, sagte der Epidemiologe. „Die epidemische Kurve lässt hoffen, dass wir uns nun für diese Welle über den Scheitelpunkt bewegt haben, und das wäre erfreulich früh.“

Drosten: Omikron wird ab Januar zum Problem für Deutschland

Weniger erfreulich ist hingegen die Tatsache, dass mit Omikron eine noch ansteckendere Virusvariante auf Deutschland zukommen könnte. Einige Fälle mit der Mutante sind hierzulande bereits erfasst worden: Bis zum 7. Dezember 2021 seien dem RKI 28 Infektionen sowie 36 Verdachtsfälle gemeldet worden, schrieb die Behörde in ihrem Wochenbericht. Das sind noch nicht viele, aber die Zahl dürfte steigen. In Südafrika haben die Fallzahlen wegen der Ausbreitung der Omikron-Variante um 255 Prozent in einer Woche zugenommen; in Großbritannien warnen Forschende derweil, dass die Mutante bis Ende Januar zur dominierenden Virusversion werden könnte.

Auch in Deutschland könnte Omikron die noch vorherrschende Delta-Variante verdrängen. „Ab Januar werden wir mit Omikron in Deutschland ein Problem haben“, sagte der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité jüngst in seinem NDR-Podcast „Coronavirus-Update“. Er mahnte vor allem, die Impflücken schnellstmöglich zu schließen. „Wir müssen befürchten, dass Ungeimpfte in Deutschland stärker krank werden.“

Inzidenzen könnten wegen Omikron wieder schnell steigen

Aber auch für Genesene und Geimpfte könne die Mutante zur Gefahr werden. Wie mehrere Studien nahelegen, scheint es sich bei Omikron um eine Immunescape-Variante zu handeln. Das heißt, sie entzieht sich teilweise den Wirkungen der Impfstoffe. Eine britische Untersuchung kam etwa zu dem Ergebnis, dass der Schutz des Vakzins von Biontech/Pfizer vor Infektionen mit Symptomen wie Husten und Halsschmerzen nach vier Monaten auf rund 34 Prozent sinkt. Eine Boosterimpfung kann diesen Schutz ersten Ergebnissen zufolge deutlich verstärken, weshalb Expertinnen und Experten jetzt dazu aufrufen, sich unbedingt ein drittes Mal impfen zu lassen.

Wie sich Omikron wiederum auf die Corona-Fallzahlen in Deutschland auswirken wird, müsse weiter genau beobachtet werden, sagte Virologe Binder. Es bestehe „eine sehr realistische Chance“, dass die Mutante die Inzidenzen wieder schnell und deutlich ansteigen lässt. Noch mangele es aber an Daten, um beurteilen zu können, welche Auswirkungen Omikron genau haben wird. Klar ist hingegen: „Alles, was wir jetzt gegen Delta tun, ist auch gut gegen Omikron“, machte Epidemiologe Zeeb deutlich, „insofern passt das Vorgehen, mit starkem Fokus auf Boostern und Kontaktbeschränkungen – an der Schraube könnte aber weiter gedreht werden, sollte sich Omikron so schnell wie befürchtet ausbreiten.“

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen