• Startseite
  • Gesundheit
  • Corona in Brasilien – Manaus erlebt die Apokalypse: „Sauerstoff. Schickt uns Sauerstoff“

„Schickt uns Sauerstoff!“: Manaus erlebt die Corona-Apokalypse

  • Der Sauerstoff geht aus, und die Intensivbettenkapazitäten sind längst erschöpft.
  • Die Lage in der brasilianischen Amazonas-Metropole Manaus ist außer Kontrolle.
  • Während die Luftwaffe Sauerstoff per Transportflugzeug liefert, muss das Krankenhauspersonal die Patienten mit Handpumpen beatmen.
|
Anzeige
Anzeige

Manaus. Es sind dramatische Appelle, die Ärzteschaft und Pflegepersonal aus der Amazonas-Metropole Manaus über die sozialen Netzwerke nach Brasilien und in den Rest der Welt hinaussenden. „Sauerstoff. Schickt uns Sauerstoff“, ruft eine weinende, verzweifelte Krankenschwester in die Kamera ihres Handys. Die Lage in der Zwei-Millionen-Einwohner-Stadt inmitten des brasilianischen Regenwaldes ist geradezu apokalyptisch. Manaus registrierte zuletzt die meisten Krankenhausaufenthalte im Zusammenhang mit Covid-19 seit April. Weil es in den Krankenhäusern praktisch keinen Sauerstoff mehr gibt, müssen Pflegerinnen und Pfleger schwer kranke Covid-19-Patienten mit Handpumpen beatmen und sich vor Erschöpfung gegenseitig abwechseln.

Brasiliens Luftwaffe hat inzwischen auf den Notstand reagiert und Sauerstoff geliefert. Dies berichtete das brasilianische Nachrichtenportal „G1″ unter Berufung auf die Luftwaffe. Demnach seien zwei Transportflugzeuge mit 386 Sauerstoffzylindern am frühen Morgen in der abgelegenen Stadt mitten im Amazonas-Gebiet angekommen. Gesundheitsminister Eduardo Pazuello hatte in einer Übertragung in sozialen Netzwerken zusammen mit Präsident Jair Bolsonaro bereits am Donnerstagabend bestätigt: „Es gibt einen Kollaps in der Gesundheitsversorgung in Manaus.“ Demnach warteten dort 480 Covid-19-Patienten auf ein Krankenhausbett.

Anzeige

Preise für Sauerstoff sind explodiert

Anzeige

Aus ebenjenem Grund versuchen immer mehr Familien, die an Covid erkrankte Patienten in ihren Reihen haben, ihre Wohnung in ein Krankenzimmer umzubauen. Wenige wohlhabende Familien nehmen Physiotherapeuten als Krankenpfleger unter Vertrag. Und sie suchen nach Sauerstoff auf dem freien Markt. Dort sind die Preise explodiert. Für eine Sauerstoffflasche, die vorher 2000 Real (etwa 300 Euro) kostete, wird laut Tageszeitung „Folha“ inzwischen das Dreifache verlangt.

In einer Woche explodierte die Zahl der Neuinfektionen dramatisch, ebenso die Zahl der Toten. „Es spricht alles dafür, dass in Manaus eine Mutation des Coronavirus diese neuen hohen Infektionszahlen verursacht hat“, sagt Luis Castro, Gesundheitskoordinator der Stiftung Nachhaltiger Amazonas aus Manaus. Die Situation erinnert an die erste Welle vor ein paar Monaten, allerdings ist die Situation diesmal offenbar noch dramatischer. Die von einigen Wissenschaftlern aufgestellte These, dass Manaus Herdenimmunität erreicht haben könnte, dürfte damit erst einmal widerlegt sein.

Anzeige
Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise – jeden Donnerstag.

Lockerungen im Dezember mit dramatischen Folgen

Die katastrophale Lage ist kein Zufall. Im Dezember wurde der Lockdown in Manaus gelockert, prompt kam es zu Festen und Massenansammlungen. Zuvor hat auch der Wahlkampf für Menschenaufläufe gesorgt. Brasiliens rechtspopulistischer Präsident Jair Bolsonaro gratulierte Manaus vor Wochen zu den Lockerungen, die der Stadt nun auf die Füße fallen. Die Virusmutation und die mangelnde Vorsicht haben nun dramatische Konsequenzen.

Die Wucht der zweiten Welle spült Patienten in die schon jetzt überlasteten Krankenhäuser und sorgt für eine Versorgungskrise bei einem der wichtigsten Hilfsmittel: Sauerstoff. Patienten müssen ausgeflogen werden. Persönlichkeiten wie der Youtuber Felipe Neto oder der Fußballer Richarlison forderten in sozialen Netzwerken „OXIGÊNIO PARA MANAUS!“ – Sauerstoff für Manaus. Auch die deutschen Bundesliga-Klubs Eintracht Frankfurt und VfL Wolfsburg schlossen sich der Aktion an.

„Ein Grippchen“: Präsident verharmlost die Pandemie

Der aktuelle Notstand ist das Ergebnis einer katastrophalen Corona-Politik der Regierung Bolsonaro seit Ausbruch der Pandemie. Zu Beginn der Pandemie hatte sich der rechtspopulistische Präsident gleich von zwei Gesundheitsministern getrennt, die auf die Empfehlungen von Experten setzten, während Bolsonaro die Gefährlichkeit der Pandemie verharmloste, indem er von einem „Grippchen“ sprach, und selbst obendrein keine Maske trug.

Inzwischen präsentiert sich der Präsident auch als Impfgegner. In der ihm eigenen Mischung aus Ironie und Spott stellt er die Wirksamkeit der Impfstoffe infrage: „Im Vertrag ist klar geregelt, dass Pfizer nicht für Nebenwirkungen verantwortlich ist. Wenn du dich in einen Kaiman verwandelst, ist es dein Problem.“ Seine Schlussfolgerung von vor einigen Wochen: „Ich werde mich nicht impfen lassen, und Schluss.“

Impfkampagne hat sich immer weiter rausgezögert

Bitter ist für die brasilianische Bevölkerung, dass das riesige südamerikanische Land eigentlich die Nase bei den Impfstoffen vorn hatte, denn nahezu jeder Konzern, auch das deutsche Unternehmen Biontech aus Mainz, ließ direkt oder indirekt in Brasilien bei Probanden testen.

Anzeige

Das brachte dem Land den Ruf ein, das Versuchslabor der Welt zu sein. Trotzdem versäumte es die brasilianische Regierung, rechtzeitig Impfdosen in ausreichender Zahl zu bestellen. Der Start der Impfkampagne wurde immer wieder hinausgezögert. Der nächste Versuch soll nun in der kommenden Woche starten, dann erwartet die Regierung nach eigenen Angaben zwei Millionen Dosen des gemeinsam von der Universität Oxford und dem Pharmakonzern Astrazeneca entwickelten Impfstoffs. Für die Krankenhäuser in Manaus und deren verzweifeltes Personal kommt das alles viel zu spät.

Proteste gegen Bolsonaro ziehen wieder an

Unterdessen rücken nicht nur die lokalen und regionalen Behörden angesichts des katastrophalen Managements in den Fokus der Ermittlungsbehörden, erstmals seit Wochen sind nun auch wieder Proteste von den Balkonen der großen Städte gegen Bolsonaro zu hören. Mit dem Schlagen auf Kochtöpfe verschaffen sich die Menschen Gehör. Dieser Protestlärm war am Wochenende in zahlreichen brasilianischen Städten zu hören und erinnert Bolsonaro daran, dass die Corona-Krise noch längst nicht ausgestanden ist.

Hinzu kommt ein weiteres Problem. Die Auszahlung der Corona-Hilfsgelder an die Bevölkerung sicherte dem Präsident trotz des schlechten Krisenmanagements eine vergleichsweise immer noch ordentliche Zustimmungsrate in der Bevölkerung. Allerdings ist auch diese Auszahlung inzwischen längst nicht mehr sicher.

mit dpa

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen