Australien: Vom Impfzögerling zum Impfmusterschüler

  • Australien startete seine Impfaktion zwei Monate später als die meisten europäischen Länder und die Anfänge waren so chaotisch, dass die Kampagne bereits mit den „Hunger Games“ verglichen wurde.
  • Doch inzwischen ist der Inselstaat vom Impfzögerling zum Impfvorbild geworden.
  • Wie konnten die Australier das Blatt wenden?
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Die Aufführung des Musicals „Hamilton“ war eines der begehrtesten Events in Sydney in diesem Jahr. Doch das Musical, das über das Leben des amerikanischen Gründervaters Alexander Hamilton erzählt, wurde wie viele andere Veranstaltungen auch Opfer des Lockdowns in Sydney. 15 Wochen war die Hafenmetropole ab Ende Juni im Dornröschenschlaf, bevor eine hohe Impfquote die Öffnung wieder ermöglichte.

Inzwischen hat auch das Lyric Theatre im Sydney-Stadtteil Pyrmont seine Türen wieder geöffnet, und „Hamilton“ hat eine zweite Chance erhalten. Ein Besuch muss in Pandemiezeiten allerdings gut geplant werden: So müssen Besucher bis zu 60 Minuten vor Beginn der Aufführung eintreffen, denn es wird sowohl der Impfstatus abgefragt wie ein QR-Code gescannt, mit dessen Hilfe die Gesundheitsbehörden nachvollziehen können, wer als Kontakt gilt, falls sich ein Infizierter im Theater befand. Auch Masken sind Pflicht.

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Ungeimpfte müssen draußen bleiben

Die Sydneysider lassen die zahlreichen neuen Bestimmungen derzeit mit viel Ruhe über sich ergehen. Zumindest in den großen Städten Sydney und Melbourne haben die Menschen inzwischen gelernt, mit dem Coronavirus zu leben. Restaurants, Bars, Cafés, Kinos oder Fitnessstudios sind wieder geöffnet – wenn auch mit strengen Regulierungen. Zutritt haben nur Geimpfte.

Dass sich Australien mit großen Schritten wieder öffnet, verdankt das Land einer inzwischen erfolgreichen Impfkampagne. Denn inzwischen sind etwa 18 Millionen der rund 25 Millionen Australierinnen und Australier vollständig geimpft – dies entspricht 86 Prozent der Bevölkerung ab 16 Jahren oder 72 Prozent insgesamt. Vor allem der Bundesstaat New South Wales, in dem Sydney liegt, ist vorbildlich: Hier sind bereits über 92 Prozent ab 16 Jahren vollständig und knapp 95 Prozent mit der ersten Dosis versorgt. Damit hat der Inselstaat Deutschland, Österreich, die Schweiz und auch Großbritannien und die USA überholt.

Schwieriger Start der Impfkampagne

Dabei sah die Situation Anfang August noch völlig anders aus: Denn nachdem die australische Regierung die Impfkampagne eher langsam anlaufen ließ, waren damals nur knapp 17 Prozent aller Australierinnen und Australier geimpft. Dass Australien sich mit seiner Impfkampagne so viel Zeit gelassen hat, lag daran, dass der Inselstaat dank geschlossener Grenzen (seit November öffnet sich der Staat inzwischen wieder schrittweise) und strenger Quarantäneregeln 2020 von der Pandemie weitestgehend verschont geblieben war. Nach einem siebenwöchigen Lockdown im April und Mai 2020 hatte nur Melbourne noch mit einem größeren Ausbruch über die Wintermonate gekämpft. Alle anderen Cluster hatte das Land mit Kontaktverfolgung über Apps und mit drei- bis fünftägigen Blitzlockdowns erfolgreich bekämpft. Gerade mal 30.000 Infektionen und knapp über 900 Tote waren über lange Zeit eine deutlich bessere Bilanz als in anderen westlichen Ländern. Über Monate hinweg war das normale Leben bereits wieder zurückgekehrt – über die Pandemie hörte man nur noch in den Auslandsnachrichten.

Doch dann schlich sich die Delta-Variante im Juni in Sydney ein und breitete sich trotz eines Lockdowns weiter aus. Auch Melbourne und Canberra mussten sich letztendlich abschotten. Inzwischen zählt Australien über 200.000 Covid-Infektionen und fast 2000 Tote. Mit dem Ausbruch wurde offensichtlich, dass die Regierung zu wenig und zu spät reagiert hatte. Von den ursprünglich drei Impfstoffen, auf die Australien setzte, waren zunächst nur ausreichend Astrazeneca-Dosen im Land gewesen. Der Biontech/Pfizer-Impfstoff war ursprünglich rar und Termine so schwer zu ergattern, dass manche den „Run“ auf den Impfstoff bereits mit den „Hunger Games“ verglichen.

Große Akzeptanz für Impfungen

Als im September jedoch deutlich mehr Impfdosen zur Verfügung standen, nahm auch die Impfkampagne an Fahrt auf – das Blatt wendete sich. „Eigentlich hat mich das nicht überrascht“, sagte Ivo Müller, ein Schweizer Epidemiologe, der am medizinischen Forschungsinstitut Wehi in Melbourne arbeitet. „In Australien herrscht eine große Akzeptanz für Impfungen – auch bei den Kinderimpfungen hat Australien eine der höchsten Raten in der OECD.“ In gewisser Weise hätten aber auch die Lockdowns in Sydney und Melbourne „geholfen“, meinte der Forscher. „Die Regierungen haben das Aufheben des Lockdowns an eine Impfrate gekoppelt, epidemiologisch war das sehr schlau“, sagte er.

Einen weiteren Teil des Erfolgs schreibt der Experte den diversen Impfmandaten zu, die das Land ausgesprochen hat. So sind beispielsweise alle Angestellten im Gesundheitswesen, in der Altenpflege oder in Bildungsstätten verpflichtet, sich impfen zu lassen. „Zudem erlaubt die Rechtsgrundlage Arbeitgebern, eine Impfpflicht einzuführen“, sagte Müller. Er nennt seinen eigenen Arbeitgeber als Beispiel. „Hier am Wehi haben wir deswegen eine hundertprozentige Impfrate.“ Auch große Firmen wie die australischen Fluggesellschaften Qantas oder Virgin Australia schreiben ihren Angestellten inzwischen eine Impfung vor. Zudem gibt es in Australien nur ein „G“ – nämlich geimpft. Wer derzeit in Sydney beispielsweise in diverse Geschäfte, ins Restaurant oder ins Theater will, der wird nur mit Impfzertifikat eingelassen.

Trotzdem glaubt Raina MacIntyre, eine Expertin für Infektionskrankheiten an der Universität von New South Wales, dass auch Australien nicht völlig vor der vierten Welle gefeit sein wird, die Europa derzeit erlebt. „Mehrere Faktoren werden dies bestimmen“, schrieb die Forscherin in einem Fachaufsatz im akademischen Magazin „The Conversation“. Dazu zählt sie die Impfrate, wie gut die Auffrischimpfung angenommen wird und wie viele Kinder geimpft werden. Außerdem gehören in ihren Augen eine gute Belüftungsstrategie sowie Maßnahmen wie Masken, Tests und Kontaktverfolgung weiterhin mit dazu. Die Delta-Variante habe zur Folge, „dass wir sehr hohe Impfraten in der gesamten Bevölkerung brauchen – wahrscheinlich über 90 Prozent Geimpfte, einschließlich jüngerer Kinder, um das Virus zu kontrollieren“, schrieb sie. Darüber hinaus müsse man darüber nachdenken, ob „voll geimpft“ in Zukunft dreifach geimpft und nicht nur doppelt geimpft heißen müsse.

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