Corona-Impfungen: Warum die Normalität nicht schnell zurückkehrt

  • Die Corona-Impfungen in Deutschland haben begonnen.
  • Jetzt sollen so viele Menschen wie möglich geimpft werden, um eine künstliche Herdenimmunität aufzubauen.
  • Entscheidend sind dafür unter anderem die Eigenschaften des Impfstoffs und die Impfbereitschaft der Bevölkerung.
Laura Beigel
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Deutschland hat den Corona-Impfstart eingeläutet. In sechs Etappen soll nun die deutsche Bevölkerung immunisiert werden. Die Impfempfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) sieht vor, dass zuerst Menschen über 80 Jahre und Mitarbeiter von Notaufnahmen, Corona-Stationen sowie der Altenpflege geimpft werden. Nach und nach werden dann weitere Risikogruppen geimpft, um schließlich eine künstliche Herdenimmunität aufzubauen.

Künstliche Herdenimmunität bedeutet, dass eine große Menge an Geimpften die restliche, noch ungeimpfte Bevölkerung gegen einen Erreger schützen kann. Sobald viele Menschen gegen ein Virus immun sind, sinkt gleichzeitig die Ansteckungsgefahr für jene, die noch nicht geimpft sind. Doch bis dahin dürfte in der aktuellen Pandemie noch einige Zeit vergehen.

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Weltärzte­präsident: Herden­immunität in 2021 erreichbar

Die Weltgesundheits­organisation geht davon aus, dass eine Durchimpfungsrate von 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung notwendig ist, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. In Deutschland müssten rund 50 Millionen Bürger immunisiert werden, um eine Impfrate von 60 Prozent zu erzielen. Weil jeder Impfwillige zweimal eine Spritze bekommen muss, bräuchte es etwa 100 Millionen Impfdosen, um eine Herden­immunität in Deutschland aufzubauen.

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Dieses Ziel könne bereits 2021 erreicht werden, glaubt Weltärzte­präsident Frank Ulrich Montgomery. Ähnliche Prognosen hatte auch Bundes­gesundheits­minister Jens Spahn (CDU) gestellt. Seiner Ansicht nach könnten 60 Prozent der Bürger in Deutschland bis Ende des Sommers 2021 geimpft sein.

Geimpfte könnten noch infektiös sein

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Es gibt allerdings zwei Schwachstellen der Corona-Impfung: Zum einen ist unklar, ob die bisher am weitesten entwickelten mRNA-Impfstoffe von Biontech und Pfizer sowie Moderna nicht nur vor einer Erkrankung, sondern auch der Weitergabe des Virus an andere Menschen schützen. „Das Design der Studien lässt keine Aussage zu der Frage zu, ob die Impfung auch symptomlos verlaufende Infektionen und damit die mögliche Weitergabe des Erregers verhindert“, sagte Prof. Christian Bogdan, Direktor des Instituts für klinische Mikrobiologie, Immunologie und Hygiene an der Uniklinik Erlangen und Mitglied der Ständigen Impfkommission (Stiko), vor zwei Wochen dem Redaktions­Netzwerk Deutschland.

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So lief der Impfstart in Deutschland
2:40 min
Rund elf Monate nach den ersten bekannten Fällen des Coronavirus in Deutschland wurden nun die ersten Pflegeheimbewohner und das Personal geimpft.  © Reuters

In den klinischen Studien konnte lediglich nachgewiesen werden, dass die Vakzine mit einer Sicherheit von mehr als 90 Prozent vor Covid-19, also der Erkrankung, schützen. Geimpfte würden somit zwar nicht an Covid-19 klinisch erkranken, das Coronavirus aber möglicherweise für kurze Zeit in sich tragen und so andere Menschen infizieren, die noch nicht geimpft sind.

Hygiene- und Abstandsregeln dürften also auch nach der Impfung unverzichtbar bleiben. Julia Neufeind, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet Impfprävention am Robert-Koch-Institut, sagte dem Science Media Center: „Das Einhalten von Hygieneregeln wird erst einmal eine wichtige Vorsichtsmaßnahme bleiben, um Ansteckungen zu verhindern.“

Wie lange sind Geimpfte immun?

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Zum anderen gibt es noch keine Langzeitstudien zu den Impfstoffen, sodass bisher über die Dauer der Immunität nach der Impfung wenig bekannt ist. Erste Hinweise lieferte eine Preprint-Publikation des kalifornischen La-Jolla-Instituts für Immunologie. Diese zeigte, dass sowohl Antikörper als auch T-Zellen – beide sind wichtige Bestandteile der Immunabwehr – mindestens fünf Monate nach einer Sars-CoV-2-Infektion im Blut nachweisbar sind – selbst bei milder Symptomatik.

Thomas Jacobs vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin geht davon aus, dass ein Impfstoff eine bessere Antikörperantwort hervorrufen würde als eine natürliche Infektion. „Entsprechend kann man davon ausgehen, für mindestens diese fünf Monate und wahrscheinlich länger eine robuste, wenn nicht sogar sterile Immunität zu haben, bevor der Antikörpertiter sinkt“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

RKI-Präsident Wieler: „Impfung ist mehr als das Licht am Ende des Tunnels“

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Sollten Geimpfte nur für einen bestimmten Zeitraum immun gegen das Coronavirus sein, müssten sie sich nachimpfen lassen. Eine solche Auffrischung ist bei Impfstoffen nicht ungewöhnlich. Erwachsene sollten sich beispielsweise gegen Tetanus, Diphtherie und Keuchhusten alle zehn Jahre impfen lassen. Die Grippe­impfung muss sogar jedes Jahr wiederholt werden.

Ist eine Corona-Nachimpfung notwendig, kommt es also nicht nur zum jetzigen Zeitpunkt, sondern auch langfristig auf die Impfbereitschaft der Bürger an, um Infektionen zu verhindern. „Die Impfung ist mehr als das Licht am Ende des Tunnels“, sagte Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts im RND-Interview. „Aber wie lang der Tunnel noch ist, kann ich nicht sagen. Ich kann nur eines sagen: Bitte nicht, bevor wir das Ende des Tunnels erreicht haben, aufhören, uns anzustrengen.“

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