Ich bin geimpft, ich will mein Leben zurück

  • Die Zahl der Geimpften steigt auch in Deutschland rasant.
  • Und wer immun gegen das Virus ist, hofft, schnell wieder alte Freiheiten zurückzubekommen.
  • Doch es gibt viele Fragen.
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Berlin. Es war Jens Spahn, der zu Beginn der Impfkampagne der Bundesregierung vor vier Monaten um Solidarität warb: Die Jüngeren warteten, damit ältere Menschen und Risikopatienten als erste geimpft werden könnten. „Und die noch nicht Geimpften erwarten umgekehrt, dass sich die Geimpften solidarisch gedulden“, so der Bundesgesundheitsminister auf Fragen nach neuen Freiheiten für Menschen, die bereits immunisiert wurden.

Der CDU-Politiker hatte damit zweifellos die Stimmung in der Bevölkerung sehr genau getroffen. Eine Debatte über Sonderrechte kam bisher nie richtig in Fahrt, weil eine Mehrheit in der Bevölkerung die unterschiedliche Behandlung von Geimpften und nicht Geimpften nach wie vor als ungerecht empfindet, solange nicht jeder die Chance auf die schützende Spritze hat.

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Die große Frage: Wie hoch ist das Ansteckungsrisiko nach der Impfung

Doch inzwischen ist in mehrfacher Hinsicht eine neue Situation entstanden: Zum einen ist inzwischen wissenschaftlich bestätigt, dass bei Geimpften kaum noch ein Ansteckungsrisiko besteht. Zum anderen sind mittlerweile so viele Menschen in Deutschland zumindest einmal geimpft, dass wohl jeder hierzulande schon Geimpfte im Verwandten oder Freundeskreis hat.

Dann stellt sich selbst den nicht Geimpften die Frage, ob die Gleichmacherei überhaupt noch in ihrem eigenen Interesse ist. Warum zum Beispiel trotz aller Kontaktbeschränkungen kein Familienfest veranstalten, wenn bis auf einige Jüngere ohne Risikofaktor alle schon geimpft sind und damit das Risiko überschaubar ist?

In den kommenden Wochen dürften die Debatten über den Umgang mit Geimpften und nicht Geimpften und deren Verhältnis zueinander einen immer breiteren Raum einnehmen – insbesondere auch im Privaten. Tatsächlich hat es eine solch scharfe Trennung in zwei Gruppen quer durch die gesamte Gesellschaft wohl noch nie zuvor gegeben. Noch gibt es keine Konflikte, doch das ist für die Zukunft nicht auszuschließen. Wir geben eine erste Orientierung.

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Wie entsteht ein Impfstoff?
1:52 min
Nach einem Impfstoff gegen Covid-19 wird unnachgiebig geforscht. Innerhalb von nur einem Jahr war bereits der erste Kandidat in der Zulassungsphase.

Sind Geimpfte tatsächlich nicht mehr ansteckend für andere und vor Covid-19 geschützt?

Das von Geimpften ausgehende Übertragungsrisiko verringert sich stark. Das ist inzwischen durch Zulassungs- und Beobachtungsstudien für die in Deutschland zugelassenen Covid-19-Impfstoffe von Biontech, Moderna und Astrazeneca belegt. Die Daten zeigen, dass die Impfung Sars-CoV-2-Infektionen verhindert, und zwar „in einem erheblichen Maße“, wie das Robert Koch-Institut inzwischen vermerkt. Heißt in Zahlen: Nach der ersten Dosis von Astrazeneca reduzieren sich die Infektionen statistisch um rund 65 Prozent, bei Biontech nach der zweiten Dosis um rund 90 Prozent.

Die Daten zeigen auch, dass die Viruslast bei Personen, die trotz Impfung mit Sars-CoV-2 infiziert werden, stark reduziert ist und sich die Zeitspanne der Virusausscheidung verkürzt. Auch das persönliche Erkrankungsrisiko sinkt bei Geimpften rapide. Bei Biontech, Moderna sowie Astrazeneca ist davon auszugehen, dass eine Covid-19-Erkrankung mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 95 Prozent verhindert wird. In Zahlen: Normalerweise würden 20 von 1000 ungeimpften Personen erkranken, mit einer Impfung aber nur etwa 1 von 1000 geimpften Personen.

Besteht sofort Immunität und bleibt sie dauerhaft – trotz Mutationen?

Die Voraussetzung für diesen hohen Schutz vor Transmission und Erkrankung ist ein „vollständiger Impfschutz“. Dieser ist erst ein bis zwei Wochen nach der zweiten Impfdosis zu erwarten. Erst danach schätzt das RKI auch das Übertragungsrisiko durch vollständig Geimpfte geringer ein als das von symptomlosen Personen mit negativem Antigen-Schnelltest. Das ist auch das Argument, mit dem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn nun erste Freiheiten für Geimpfte ins Spiel bringt, die sich auch für nicht Geimpfte per Testung erlangen ließen.

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Einmal vollständig geimpft heißt aber nicht unbedingt Impfschutz auf Lebenszeit. Zum einen ist noch unklar, wie lange der zuerst erreichte Immunschutz besteht. Impfstoffexperten gehen davon aus, dass er mindestens sechs Monate anhält. Danach könnte eine Auffrischung notwendig werden – und damit auch der erneute Gang zum Impfarzt. Es ist auch noch nicht klar, wie gut die Impfungen bei neuen Virusvarianten wirken. Bei der in Europa stark vertretenen Linie B.1.1.7 schätzt das RKI die Auswirkungen als „gering bis mäßig“ ein. Mehr Sorge machen die südafrikanische und brasilianische Variante, zumal Forscher bei steigendem Impfdruck auf das Virus mit weiteren Mutationen rechnen. Die Vakzine werden also sehr wahrscheinlich regelmäßig angepasst und erneut verimpft werden müssen – wie auch beim Grippeimpfstoff.

Sollten Genesene durch Immunität auch Freiheiten bekommen?

Auch Sars-CoV-2-Genesene bilden durch die Infektion schützende Antikörper. Für sie sind aber bislang keine Freiheiten vorgesehen. Der Grund: Es ist noch unklar, inwieweit die nachgewiesenen Antikörper mit einem Schutz vor einer Reinfektion oder schweren Erkrankung korrelieren. Untersuchungen bei Reinfizierten zeigten zudem, dass diese hohe Virusmengen im Nasen-Rachenbereich aufwiesen – und das Virus somit potentiell übertragen könnten. Sprich: Auch Genesene sollten weiterhin die Hygieneregeln einhalten und sich impfen lassen – nach Ansicht der Stiko aber frühestens ein halbes Jahr nach der Infektion.

Sollten Geimpfte noch Masken tragen und Abstand halten?

Die AHA + L-Regeln bleiben bislang auch für Geimpfte bestehen. Die vorläufigen Daten zum verringerten Transmissions- und Erkrankungsrisiko sind ermutigend, zeigen aber: Es gibt auch nach der Impfung keinen 100-prozentigen Schutz für andere wie auch für sich selbst. „Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person trotz vollständiger Impfung PCR-positiv wird, ist bereits niedrig, aber nicht Null“, heißt es im RKI-Steckbrief. Es kann also – gerade bei einer hohen Gesamtinzidenz in der Bevölkerung – in Einzelfällen trotzdem zu einer Infektion oder auch Erkrankung kommen. Auch infektiöse Virenpartikel können noch ausgeschieden werden. Und diese können beim Kontakt zu nicht Geimpften gefährlich werden. Deshalb empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) auch Geimpften in dieser Phase der Pandemie: Bitte weiterhin Maske tragen, Abstand halten, lüften.

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Auch der deutsche Ethikrat hat sich in einer im Februar veröffentlichten Stellungnahme dafür ausgesprochen, dass die Verpflichtungen zum Tragen einer Maske und zum Einhalten von Abständen wegen „relativ geringen Belastungen noch länger aufrechterhalten werden“. Die Regeln sollten für alle Personen zum selben Zeitpunkt aufgehoben werden, „wegen der Gefahr, dass die praktische Durchsetzbarkeit und Akzeptanz dieser Regeln durch Ausnahmen für geimpfte Personen leiden würde.“

In öffentlichen Bereichen, etwa beim Arzt, im Supermarkt, in der Bahn, im Büro, werden die Hygieneregeln also sicherlich noch längere Zeit Bestand haben. Bei noch knappen Ressourcen stellte die Bundeskanzlerin ein Impfangebot für alle, die es wollen, für Ende Sommer in Aussicht – vorausgesetzt, alles klappt nach Plan. Es wird also auf längere Sicht noch viele Ungeimpfte und damit nicht vor dem Virus geschützte Menschen in Deutschland und der Welt geben. Es gibt auch große Personengruppen, die vorerst gar nicht geimpft werden können: zum Beispiel Kinder, Schwangere, Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen.

Müssen sich Geimpfte weiter an die Kontaktbeschränkungen halten?

Derzeit gelten für Geimpfte die gleichen Regeln wie für nicht Geimpfte, wenn es um Treffen mit weiteren Haushalten geht. Bei einer Verletzung der Regeln müssen sich also auch Geimpfte darüber im Klaren sein, dass sie Vorschriften verletzen und dafür im Zweifel bestraft werden können. Aus virologischer Sicht besteht nach derzeitiger Datenlage aber ein geringes Ansteckungsrisiko, wenn sich Geimpfte miteinander treffen. Anders sieht es wiederum aus, wenn nicht Geimpfte dabei sind – insbesondere wenn diese ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf tragen.

Ein Blick in die USA mit bereits weiter fortgeschrittenen Impfungen zeigt erste Versuche mit mehr erlaubten Kontakten für Geimpfte, die das Erkrankungsrisiko als Kriterium definieren. Laut der dortigen Gesundheitsbehörde CDC darf sich beispielsweise eine geimpfte Person privat mit weiteren Geimpften in Innenräumen ohne Masken und Abstand treffen, aber auch mit Ungeimpften eines weiteren Haushaltes – wenn diese kein erhöhtes Erkrankungsrisiko tragen. Sind mehrere Haushalte mit nicht Geimpften beteiligt, müssen Masken getragen und Abstand gehalten werden. Ebenso in der Öffentlichkeit.

Was plant die Politik nach Erkenntnissen zur Infektiösität von Geimpften?

Die Bundesregierung befindet sich in einem Dilemma: Sie hält zwar offiziell daran fest, dass Geimpfte keine Vorteile gegenüber nicht Geimpften bekommen sollen, solange nicht jeder Bürger ein Impfangebot erhalten hat. Gleichzeitig kann sie aber die neuen Einschätzungen zur Übertragbarkeit nicht ignorieren. Deshalb fährt die Regierung eine neue Linie: Geimpfte sollen nun so behandelt werden wie negativ Getestete. „Personen, die über einen vollständigen Impfschutz verfügen, können behandelt werden wie Personen, die über ein tagesaktuell negatives Testergebnis (Antigen- oder PCR-Test) verfügen“, heißt es in einem Schreiben von Spahn an die Länder.

So sollen künftig bei Einreisen aus dem Ausland für Geimpfte keine Tests mehr erforderlich sein. Ausnahme: Einreisen aus Virusvariantengebieten, weil bestimmte Mutationen zu einer geringeren Wirkung des Impfschutzes führen können. Auch Testpflichten für bestimmte Berufsgruppen oder im öffentlichen Leben (Einkaufen, Theater und so weiter) werden für Geimpfte abgeschafft.

Ein Test für nicht Geimpfte ist lästig, aber zu verschmerzen. Doch schon beim Thema Quarantäne ist die Ungleichbehandlung eindeutig: Für Geimpfte soll sie nach einer Reise komplett wegfallen, nicht Geimpfte können sich dagegen weiterhin frühestens am fünften Tag freitesten. Die Benachteiligung ist in diesem Fall also nicht mehr wegzudiskutieren.

Ist es vertretbar, sich aktiv um eine schnelle Impfung zu bemühen, auch wenn man in der Impfreihenfolge weiter hinten steht?

Es spricht nichts dagegen, dem eigenen Hausarzt zu signalisieren, dass man Interesse hat. Es wird immer wieder Fälle geben, wo am Ende des Tages Impfdosen übrig bleiben, die schnellstmöglich verbraucht werden müssen. Es ist daher sinnvoll, wenn der Arzt über eine Art Warteliste von Patienten verfügt, die er im Fall der Fälle schnell in die Praxis bitten kann.

Insbesondere dann, wenn man bereit ist, sich mit dem Vakzin von Astrazeneca impfen zu lassen, ist eine frühe Meldung beim Hausarzt anzuraten. Denn nach wie vor lassen viele Menschen einen Impftermin mit Astrazeneca ungenutzt verstreichen, weil ihnen das Risiko unerwünschter Nebenwirkungen zu hoch erscheint.

Ich will aber nicht warten. Ich kenne Ärzte und versuche, dort eine „reguläre“ Impfung außerhalb der festgelegten Reihenfolge zu bekommen. Muss ich ein schlechtes Gewissen haben?

Ja – solange dieser Arzt noch Patienten mit einem höheren Infektionsrisiko zu impfen hat. Deshalb sollte man das gegenwärtig lassen. Wenn in einigen Wochen jedoch die größte Zahl der Risikopatienten durchgeimpft ist, kann man ruhig auch Kontakte nutzen. Denn grundsätzlich gilt: Jeder Geimpfte ist ein Schritt hin zur sogenannten Herdenimmunität der Gesellschaft. Fachleute gehen davon aus, dass es dafür mehr als 80 Prozent Geimpfte in der Bevölkerung braucht.

Ich bin geimpft. Soll ich darüber sprechen oder besser aus Rücksicht gegenüber den Wartenden schweigen?

Ist „Impfneid“ zu befürchten, kann es helfen, Klartext zu reden. Es kann für das Gegenüber auch beruhigend sein zu wissen, dass von einem kaum noch eine Gefahr ausgeht – und beide profitieren davon. Wer eine frühe Impfung wegen einer chronischen Erkrankung erhalten hat, sollte erwägen, diesen Grund auch zu nennen. Damit dürfte sich der Neid in vielen Fällen erledigen.

Aber ist es gerecht, wenn zum Beispiel dicke Menschen bevorzugt geimpft werden?

Doch. Adipositas (Fettleibigkeit) ist eine Ernährungs- und Stoffwechselkrankheit, für die es nicht nur genetische, sondern auch psychologische Ursachen geben kann. Wer unter dieser Krankheit leidet, hat ein erhöhtes Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf. Es ist ein stark verbreiteter Irrglaube, dass stark übergewichtige Menschen an ihrem Schicksal selbst schuld sind.

Kann ich als Geimpfter ruhigen Gewissens neue Freiheiten genießen und in den Urlaub fliegen?

Warum nicht? Geimpfte sind aller Voraussicht nach für niemanden eine Gesundheitsgefahr und tragen nicht zur Verschlechterung der Infektionslage bei. Wer jetzt wieder Geld ausgibt, hilft der stark gebeutelten Tourismusbranche und damit der gesamten Wirtschaft. Das hilft indirekt auch den nicht Geimpften.

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