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Von Lieferfrust bis Warteliste: Wie Hausärzte mit der Aufhebung der Impfpriorisierung umgehen

  • Seit Montag können sich alle Impfwilligen ab 12 Jahren gegen Covid-19 impfen lassen.
  • Hausärzte berichten, dass der große Ansturm ausgeblieben sei – wohl auch, weil die interne Priorisierung vorerst bestehen bleibt.
  • Die großen Probleme bleiben: Es fehlt an Impfstoff, Personal und pünktlichen Lieferungen.
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Nach der bundesweiten Aufhebung der Impfpriorisierung läuft der Betrieb in den Hausarztpraxen bisher weitgehend so weiter wie noch in der vergangenen Woche – und teilweise chaotisch. Seit Montag können sich theoretisch alle Impfwilligen ab 12 Jahren in Hausarztpraxen oder Impfzentren impfen lassen. In der Praxis heißt das aber nicht, dass jeder und jede sofort einen Termin vereinbaren kann oder dran ist.

Der große Ansturm blieb bisher zwar vielerorts aus. Etwa in Praxen in Alsdorf (Nordrhein-Westfalen) und Varel (Niedersachsen), wie Hausärzte vor Ort berichten. Ein anderes Bild zeigt sich hingegen im niedersächsischen Hannover: In der Landeshauptstadt gab es teilweise Chaos, wie die Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ) berichtet. Vor einer Praxis hätten sich etwa lange Schlangen bis auf die Straße gebildet, die Telefone in vielen hausärztlichen Praxen ununterbrochen geklingelt. Eine Mitarbeiterin sei sogar angespuckt worden, weil ein Patient nicht sofort einen Impftermin bekam, berichtet die HAZ.

Kein Ende der Priorisierung in den Arztpraxen

Dass es bei ihnen keinen großen Andrang gab, erklärt sich Hausarzt Manfred Imbert aus dem nordrhein-westfälischen Alsdorf mit einer digitalen Warteliste und guter Aufklärung vorab: „Wir haben auf unserer Homepage und auf dem Anrufbeantworter bereits darauf hingewiesen, dass die Aufhebung der Priorisierung nicht gleichzeitig ein Impfangebot für alle sein kann“, sagte der Mediziner dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

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Ein Ende der Priorisierung, wie von Bund und Ländern beschlossen, sei bisher in den meisten Hausarztpraxen schlicht nicht realisierbar. Jens Wagenknecht, der als Hausarzt in Varel arbeitet, bestätigt das: „Die interne Priorisierung hier in der Praxis bleibt erstmal bestehen. Ich habe noch einige Patientinnen und Patienten, die in die Priogruppe drei fallen, die sind natürlich zuerst dran“, sagte er im Gespräch mit dem RND. „Für uns hat sich mit der Aufhebung der Priorisierung nicht viel geändert im Vergleich zu vergangener Woche.“

Zu wenig Personal, zu wenig Corona-Impfstoff

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„Da kommen zwei Dinge zusammen: Zum einen die weiterhin bestehende Impfstoffknappheit, aber auch die endlichen Kapazitäten in den Praxen“, sagt auch Imbert. „Selbst, wenn ich morgen 1000 Impfungen bekomme, werden wir nicht in einer Woche 1000 Impfungen machen können.“ Weil die Impfungen neben der alltäglichen Versorgung von Patientinnen und Patienten organisiert werden müssen, habe die Praxis von Imbert noch zusätzliches Personal eingestellt. „So haben wir pro Woche ungefähr 30 Stunden mehr. Und die nutzen wir für’s Impfen“, berichtet er.

Auch Impfaktionen, wie die Aufhebung des Bestelllimits für das Vakzin von Johnson & Johnson in dieser Woche, bringen so wenig, wenn gar nicht alles verimpft werden kann. Wagenknecht gibt außerdem zu bedenken: „Die Impfaktionen mit großen Mengen an Vektorimpfstoffen wie Astrazeneca und Johnson & Johnson sind uns keine Hilfe. Wir haben gar nicht genug Impfwillige über 40 Jahren, die bereit sind, sich damit impfen zu lassen.“

Lange Wartelisten, interne Priorisierung, Kinder nur mit Vorerkrankung

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Auf den Wartelisten der beiden Praxen stehen derzeit jeweils rund 700 Menschen, die auf einen Impftermin warten. 70 Erstimpfungen macht die Gemeinschaftspraxis von Wagenknecht pro Woche. Imbert verimpft mit seinen vier Kolleginnen und Kollegen circa 130. Welche Stoffe verimpft werden, wird je nach Fall und nach Kapazität entschieden. „Einige bevorzugen Johnson & Johnson, weil man dann nach zwei Wochen seine Freiheiten hat und das auch ein gutes Sicherheitsprofil hat“, sagt Imbert. „Andere haben noch Sorgen vor den Vektorimpfstoffen und möchten lieber Biontech haben.“

Ein Impfangebot für alle gebe es gegenwärtig noch nicht, berichtet Hausarzt Dr. Manfred Imbert. © Quelle: Dr. Manfred Imbert.

Jugendliche ab 12 Jahren impfe er nur, wenn sie eine Vorerkrankung haben. „Die Wahrscheinlichkeit für ein gesundes Kind, schwer zu erkranken, strebt gegen null. Ein gesundes Kind kommt aus meiner persönlichen Priorisierung erst dann dran, wenn die älteren Menschen alle durch sind“, erklärt der Hausarzt das Vorgehen.

In Wagenknechts Praxis wird etwa Astrazeneca nur an die über 40-Jährigen verimpft, wie in Belgien und Großbritannien. „Für Jüngere wäre das – aus meiner Sicht – ein unnötiges Risiko. Wir haben ja auch noch andere Impfstoffe“, sagt Wagenknecht.

Corona-Impfstoff: Unzuverlässige Lieferungen

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Wie viel Impfstoff eine Praxis bekommt, richtet sich nach der Anzahl der Ärztinnen und Ärzte und der Lieferbarkeit des Vakzins – und die variiert stark. Das berichtet zumindest Imbert. „Letzte Woche wurde angekündigt, dass wir 150 Impfstoffdosen von Johnson & Johnson geliefert bekommen – tatsächlich gekommen sind dann aber gar keine“, sagt er. „Die Anzahl der angekündigten Impfstoffdosen wird manchmal noch am Liefertag revidiert. Ich weiß eigentlich erst, was ich bekomme, wenn es bei mir im Kühlschrank steht.“

Das sorge für Frust, denn die Lieferungen seien nur schlecht planbar. „Gerade führt diese Unzuverlässigkeit zu hohem Aufwand und zu viel Ärger mit dem Patientinnen und Patienten“, sagt Imbert. „Wir kriegen den Unmut der Menschen ab und das ist für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter manchmal sehr belastend.“

Auch Wagenknecht plädiert dafür, den Organisationsaufwand weiter zu minimieren. „Unser Wunsch ist, dass die Patientinnen und Patienten sich irgendwann selbst die Termine über einen Onlinekalender machen können“, sagt er. Das ginge allerdings erst, wenn auch in den Praxen die interne Priorisierung abgearbeitet ist.

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