Wann kommt die Corona-Impfung für unter 12-Jährige – und wie riskant wird der Herbst?

  • Kinderärzte und -ärztinnen rechnen damit, dass Ende September eine erste Impfstoff-Zulassung für unter 12-Jährige beantragt wird.
  • Das Coronavirus breitet sich aber schon jetzt in Schulen und Kitas aus, Fachleute pochen auf Maßnahmen.
  • Eine vorgezogene Impfung für Kinder mit Risikofaktoren im Off-Label-Verfahren sehen Experten und Expertinnen aber sehr kritisch.
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Die Inzidenzen bei Kinder und Jugendlichen steigen stark an. Gleichzeitig nimmt die Diskussion um Schutzmaßnahmen in den Schulen und sinnvolle Quarantäneregeln seit Wochen kein Ende. Bundeseinheitliche Regeln fehlen weiterhin. Dabei ist damit zu rechnen, dass sich ein Großteil der Ungeimpften im Herbst und Winter ansteckt. Also insbesondere die Kinder und Jugendlichen.

Kommt womöglich im Herbst noch eine Impfung für unter 12-Jährige? Was muss beim Erkrankungsrisiko alles berücksichtigt werden? Und für welche Schutzmaßnahmen spricht sich die Fachwelt aus? Fünf Fragen und Antworten:

1) Können bald auch unter 12-Jährige gegen Covid-19 geimpft werden?

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Für unter 12-Jährige ist bislang kein Impfstoff zugelassen. Für die Sechs- bis Elfjährigen seien für Ende September aber Daten für die Beantragung einer Zulassung eines mRNA-Impfstoffs zu erwarten, berichtet der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Köln, Jörg Dötsch. Für die noch Jüngeren sei damit wahrscheinlich im Oktober zu rechnen. Möglicherweise sei dann eine geringere Dosierung des Vakzins als bei den Erwachsenen nötig – das sei aber gegenwärtig noch nicht klar.

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Die Ergebnisse der Zulassungsstudie werden dann von der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) geprüft. Spricht die EMA eine Empfehlung für die Europäischen Mitgliedsstaaten aus, liegt es in Deutschland wieder an der Ständigen Impfkommission (Stiko), zu entscheiden, ob der individuelle Nutzen die Risiken überwiegt. Heißt also: Bis es nach erfolgreich abgeschlossener Studie eine Impfung für unter 12-Jährige gibt, wird noch einige Wochen bis Monate Zeit benötigt. „Das dauert erfahrungsgemäß länger“, prognostiziert Kindermediziner Dötsch.

Für Kinder mit bestimmten Risikofaktoren wäre bereits jetzt eine Off-Label-Impfung eine Option. Heißt: Im Einzelfall können Ärztinnen und Ärzte nach individuellem Abwägen von Nutzen und Risiken auch Jüngere gegen Covid-19 impfen. Kindermediziner Dötsch spricht sich aber auch bei stark gefährdeten Kindern nicht für dieses Verfahren aus. „Wir sollten jetzt noch auf die Zulassungsdaten warten.“ Im Zweifel sollte das Gespräch mit dem Kinderarzt oder der Kinderärztin gesucht werden.

2) Welche Kinder haben ein erhöhtes Risiko für schweres Covid-19?

Wie auch bei Erwachsenen führen chronische Erkrankungen bei Kindern häufiger zu einem schweren Covid-19-Verlauf, sagt Dötsch. Dazu zählten insbesondere Multi-System-Erkrankungen, die verschiedene Körperregionen betreffen, beispielsweise Trisomie 21. Diabetes und Nierenerkrankungen hätten laut Datenlage bislang hingegen nicht das gleiche Gefährdungspotenzial wie bei den Erwachsenen. Auch Kinder mit Adipositas zählten zur Gruppe mit einem stark erhöhtem Risiko. Das sei beispielsweise eine von mehreren möglichen Erklärungen, wieso es in den USA gegenwärtig mehr schwer an Covid-19 erkrankte Kinder als in Deutschland gebe, erklärt Dötsch.

3) Wie hoch ist das Risiko, dass Kinder auf der Intensivstation landen?

„Das Risiko, als Kind mit einer Covid-19-Erkrankung intensivpflichtig zu werden und zu versterben, ist sehr gering, zumindest in Deutschland“, sagt Berit Lange, Leiterin der Klinischen Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig. Die Daten zeigten, dass das bislang ein bis drei Kinder pro 100.000 treffe, was ein deutlich niedrigeres Risiko als bei den Erwachsenen sei.

„Wir sehen auch einen leichten Anstieg der Hospitalisierungen – in geringem Maße auch bei den Kindern“, berichtet Lange. Für das einzelne Kind sei es aber relativ unwahrscheinlich, wegen Covid-19 im Krankenhaus behandelt werden zu müssen. Bei den 0 bis 4-Jährigen habe das bislang rund zwei bis vier Prozent der Kinder, bei den Fünf- bis 14-Jährigen etwa 0,5 Prozent betroffen.

Der leichte Anstieg bedeutet aber nicht unbedingt, dass mehr Kinder schwerer an Covid-19 erkranken. Denn neun von zehn Kindern würden wegen anderer Krankheiten im Krankenhaus aufgenommen – etwa einer Blinddarmentzündung oder einem gebrochenen Arm, berichtet Dötsch. Die Infektionen werden im Krankenhaus also nur per Zufallstestung entdeckt. „Deshalb können wir im Moment glücklicherweise davon ausgehen, nicht mehr schwerkranke Kinder aufnehmen zu müssen“, betont der Kindermediziner.

4) Ist mit einer größeren Gefahr im Herbst und Winter zu rechnen?

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Vermutlich werden sich in der vierten Welle viele, aber nicht alle Kinder anstecken, sagt Epidemiologin Lange. „Es könnte schon sein, dass der Anteil der Kinder, die versterben, im zwei- bis dreistelligen Bereich liegt, wenn sich ganz viele infizieren“, so die Expertin. Deshalb sei es wichtig, die Infektionen so gering wie möglich zu halten – nicht nur in den Schulen, sondern auch unter Erwachsenen. „Es hängt ganz stark davon ab, was wir in den kommenden Wochen machen“, betont die Wissenschaftlerin.

Fachleute fürchten, dass künftig mehr Kinder von Long Covid betroffen sein könnten, wenn sich das Virus unkontrolliert ausbreitet. „Wir wissen eigentlich gar nicht genau, was bei Kindern nach einer mild verlaufenen Coronavirus-Infektion im Körper passiert und wie hoch das Risiko für Long Covid ist“, erläutert die Lungenfachärztin Jördis Frommhold von der Median Klinik in Heiligendamm. Es habe sich aber bereits gezeigt, dass sich das immunologische Gedächtnis bei Kindern nach der Infektion verändert. Es sei „noch nicht klar, wie weitreichend das ist und welche gesundheitlichen Folgen Long Covid bei Kindern auslöst“, so die Medizinerin.

Dass die Kliniken durch Covid-19 bei Kindern an die Belastungsgrenze kommen, sei hingegen nicht zu erwarten, sagt Dötsch. „Es gibt keinen Grund, in Panik zu verfallen.“ Der Kindermediziner geht davon aus, dass es inzwischen „eine erheblich größere Bedrohung“ als eine akute Covid-Erkrankung bei Kindern gebe: Studien zeigten eindeutig, dass die sich Zahl der Kinder mit Depressionen in der Pandemie verdoppelt habe.

5) Was braucht es, um die Kinder zu schützen?

Epidemiologin Lange verweist auf ein politische Baustelle: In Schulen und Kitas müssten die Hygieneleitlinien der Fachgesellschaften endlich in Gänze ernst genommen werden. „Man kann sich nicht ein oder zwei herauspicken“, kritisiert Lange den gegenwärtigen Kurs einiger Bundesländer. Die Teststrategien sollten in Kitas und Schulen konsequent umgesetzt und in Herbst und Winter beibehalten werden. Bei hohen Inzidenzen sei auch die Aufteilung der Gruppen in Kohorten sinnvoll. Nur dann gebe es die Hoffnung, dass ein gewisser Anstieg der Fallzahlen stabilisiert werden könne. Werde die Zahl der Infektionen zu hoch, könnten aber auch Teststrategien und Hygienevorschriften den Anstieg nicht mehr verhindern.

Schulen sollte man hingegen nicht noch einmal schließen. Darin sind sich Politik, Wissenschaft und Medizin einig. Wenn man aber Schulschließungen vermeiden möchte, um Belastungen in den Krankenhäuser und auf den Intensivstationen für Erwachsene zu reduzieren, müsse man einem Anstieg der Fallzahlen nicht nur unter Kindern entgegenwirken, sondern auch unter ungeimpften Erwachsenen, sagt die Corona-Expertin.

„Am Ende läuft es auf eine Art von Kontaktreduktion hinaus. Das allein über die Schule zu machen, kann nur begrenzt funktionieren.“ Im Haushalt liege für ein Kind die Wahrscheinlichkeit, sich bei anderen mit der Delta-Variante anzustecken, bei 25 bis 40 Prozent. In der Schule, seien es hingegen laut bisheriger Daten rund drei Prozent. Deshalb seien möglichst wenig Infektionen auch unter Erwachsenen entscheidend.

Auch Dötsch spricht sich dafür aus, Kontakte im gesamtgesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereich vor Schulschließungen zu reduzieren. „Es kann jetzt nicht sein, dass wir Erwachsenen alle Freiheiten für uns beanspruchen und glauben, dass die Kinder uns wieder retten. Und über 17 Millionen nicht erstgeimpfte Erwachsene – da ist das größte Problem.“

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