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  • Corona-Impfung: Menschen überzeugen, nicht überreden - Psychologin Katrin Schmelz im Interview

Psychologin über Impfungen: „Unsichere Menschen wollen überzeugt werden, und nicht überredet“

  • Weniger als 5 Prozent der Ungeimpften seien harte Impfgegner, sagt die Psychologin Dr. Katrin Schmelz.
  • Das zeige, dass viele Menschen noch ansprechbar seien für eine gute Impfaufklärung.
  • Wie man sowohl im privaten Umfeld als auch in der politischen Impfkampagne besser überzeugen kann, erklärt die Expertin im RND-Interview.
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Was motiviert Menschen, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen? Dieser Frage geht die Psychologin und Verhaltensökonomin Katrin Schmelz mit einem Forschungsteam am Exzellenzcluster zur Politik von Ungleichheit an der Universität Konstanz und dem Santa Fe Institute in New Mexico, USA, nach.

Katrin Schmelz und ihr Team befragten dafür rund 2000 Menschen in Deutschland in einer repräsentativen Stichprobe zur Impfbereitschaft zwischen Mai 2020 und der dritten Welle im Frühjahr dieses Jahres. Das Besondere an dieser Studie: Die Befragten waren in jeder Erhebungswelle immer die gleichen Personen – so konnten die Forschenden erkennen, ob und warum jemand seine Meinung geändert hatte.

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Frau Schmelz, Sie sind Expertin für innere Motivation und äußere Anreize. Ist es eine gute Idee, im privaten Umfeld zu versuchen, ungeimpfte Verwandte oder den skeptischen Freund von einer Impfung zu überzeugen?

Ja, es ist eine sehr gute Idee. Es lohnt sich, bei dem schwierigen Thema im Gespräch zu bleiben, sofern das möglich ist. Die Herausforderung ist dabei, nicht gleich zu werten. Man sollte nachfragen, zuhören und die Sorgen des Gegenübers ernst nehmen. Es kann helfen, die Beweggründe von Ungeimpften ernst zu nehmen und darauf einzugehen. Bei einem guten Bekannten kann man es vielleicht sogar mit einem Rollentausch probieren. Dann können beide die jeweils andere Perspektive besser nachempfinden, und auch das skeptische Gegenüber kann spielerisch die Impfbefürworterrolle einnehmen. Das kann Spannung aus der Situation nehmen.

Mit erhobenem Zeigefinger und „Wie kannst du nur?“ und „Das ist verantwortungslos!“ kommt man aber meistens nicht weiter. Unsichere Menschen wollen mit Argumenten und Informationen überzeugt werden, und nicht überredet. Sonst springen innere Widerstände an.

Dr. Katrin Schmelz beschäftigt sich in ihrer Forschung mit dem Einfluss von Kulturen und Institutionen auf das Verhalten einzelner Menschen. © Quelle: Ines Janas
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Sie befragen seit anderthalb Jahren Menschen zu ihrer Impfbereitschaft. Sind die Ergebnisse erwartbar – oder hat Sie auch etwas überrascht?

Erwartbar war, dass die Impfbereitschaft bei einem freiwilligen Impfangebot höher ausfällt als bei einer allgemeinen Impfpflicht. Unsere Daten zeigen zudem, dass sich seit Mai 2020 gleichbleibend rund 15 bis 20 Prozent der Erwachsenen nicht gegen Covid-19 impfen lassen wollten. Überraschend ist dabei, dass das nicht immer die gleichen Personen sind.

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Wie meinen Sie das?

Die Zahl der vehementen Impfgegner, also derjenigen, die stabil gegen die Impfung sind, beläuft sich auf weniger als 5 Prozent. Das ist der harte Kern, der sich kaum überzeugen lässt. Alle anderen aber schwanken und ändern immer wieder ihre Meinung. Das ist ein positives Signal und macht Mut. Es zeigt, dass viele Menschen noch ansprechbar sind für eine gute Aufklärung zur Impfung.

Die Gruppe der Ungeimpften ist also nicht einförmig. Wie unterscheidet sich die Motivation der harten Impfgegner von denjenigen, deren Meinung zur Impfung schwankt?

Von Impfgegnern wird die Impfung oft als eine politische Maßnahme gesehen, nicht als persönlicher und kollektiver Gesundheitsschutz. Unsere Daten zeigen, dass Einzelpersonen, die während des ersten und zweiten Lockdowns das Vertrauen in die Regierung verloren haben, auch weniger impfbereit werden. Wohingegen zum Beispiel Frauen mit Kinderwunsch, Migrantinnen und Migranten und Menschen mit niedriger Bildung oft weniger impfbereit sind, weil sie unsicher sind, ob die Impfung sicher und wirksam ist.

Woher kommt diese Unsicherheit?

Da gibt es viele Gründe. Es kursieren zum Beispiel viele Mythen darum, ob die Impfung womöglich unfruchtbar machen könnte. Es gibt Menschen, die drängendere Sorgen haben, als sich mit den Vorteilen der Impfung zu befassen. Manchen fehlen Ansprechpartner, es gibt keinen Hausarzt oder Hausärztin. Für eine bessere Aufklärung müssen wir genau da ansetzen. Das fehlt im Moment: Informationen für alle Menschen mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen und Sorgen transparenter und leichter zugänglich zu machen. Das kann ein Gespräch mit Arzt oder Ärztin sein, ein einfach formulierter Faktencheck einer Fachgesellschaft oder ein unterhaltsames Video mit ausgewogenen Infos im Netz.

„Bitte lassen Sie sich impfen, sonst werden Sie sich infizieren“ – reicht dieser Satz aus, um für die Impfung zu werben?

Offensichtlich nicht. Statt solchen Appellen im Ermahnungsstil kann es helfen, genauer hinzuhören, warum sich jemand nicht impfen lassen möchte. Es ist auch wichtig, positiv über die Impfbereitschaft zu berichten. Wenn wir uns unsicher sind, orientieren wir uns am Verhalten anderer. Wenn Sie ständig hören, dass die Impfkampagne „stockt“ und die Impfquote bei „nur“ 62 Prozent liegt, suggeriert das den Unentschlossenen, dass viele andere sich auch nicht impfen lassen.

Diese Zahl bezieht sich allerdings auf die doppelt Geimpften in der Gesamtbevölkerung. Für Kinder ist die Impfung aber noch gar nicht verfügbar. Laut RKI sind aktuell 77 von 100 erwachsenen Deutschen bereits mindestens einmal geimpft. Bei dieser Darstellung überlegt man sich vielleicht eher, sich auch impfen zu lassen. Es muss ja gute Gründe geben, wenn die absolute Mehrheit dahintersteht.

Es kann im Einzelfall zur Infektion trotz Impfung kommen. Trotzdem ist die Impfung sicher und schützt insbesondere vor schwerem Covid-19. Wieso kommen solche ausgewogene Informationen bei Impfskeptikern oft nicht an?

Es gibt in der Psychologie den Begriff der kognitiven Dissonanz: Man ist lange Zeit unsicher, dann entscheidet man sich und sucht nur noch nach Informationen, die diese These bestätigen. Man will nicht wieder ins Schwanken kommen, weil es sehr anstrengend sein kann, in einem unentschiedenen Zustand zu hängen.

Das Problem im Fall der Impfung ist, dass dann nur noch die eine Horrornachricht vom Impfdurchbruch oder der Nebenwirkung wahrgenommen wird – und nicht all die anderen einordnenden Informationen zum Nutzen der Impfung. Verkürzte Informationen statt Ausgewogenheit kann das Vertrauen sehr schnell zerstören. Deshalb sollten wir die guten Argumente für die Impfung immer mit anführen.

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