Impfstart bei den Hausärzten: „Jeder Tag früher, den der Impfstoff im Arm ist, ist ein guter Tag“

  • Wie läuft der Impfstart in den Hausarztpraxen?
  • Christian Lübbers ist Hals-Nasen-Ohren-Arzt in Weilheim und berichtet im RND-Interview über die ersten Corona-Impfungen in seiner Praxis.
  • Er sagt: „Wir können vor Ort aufklären, Informationen einordnen und Verunsicherung nehmen.“
Tammo Kohlwes
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5:21 min
Mit dem Impfstart in den Arztpraxen soll die Impfkampagne in Deutschland so richtig in Fahrt kommen. Denkbar ungeeignet kommt da die neue Empfehlung der Ständigen Impfkommission, Astrazeneca jetzt nur noch an Menschen über 60 zu verabreichen. Was bedeutet das für die Arztpraxen und die Impfgeschwindigkeit in Deutschland? Darüber spricht RND-Redakteur Dennis Pyzik mit dem HNO-Arzt Dr. Christian Lübbers aus Weilheim.  © RND
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Weilheim. Der Monatswechsel vom März zum April markiert einen Meilenstein der Impfkampagne gegen das Coronavirus in Deutschland: Fortan können Impfungen auch in Arztpraxen verabreicht werden. Dennoch mag keine rechte Freude aufkommen: Mehr als der Impfstart in den Praxen prägt das Durcheinander um den Impfstoff von Astrazeneca die öffentliche Diskussion. Dabei bestehe großer Anlass zu Optimismus, findet Hals-Nasen-Ohren-Arzt Christian Lübbers. Der in Weilheim (Bayern) praktizierende Mediziner spricht im RND-Interview über Vertrauen, Aufklärung und Pragmatismus in der Impfkampagne 0150 und über Twitter.

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Herr Lübbers, Sie können mit dem Impfen loslegen. Was für ein Gefühl ist das?

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Ich freue mich unglaublich, jetzt wirklich aktiv etwas gegen die Pandemie unternehmen zu können. Impfungen sind der Königsweg der Prävention. Und auch hier bieten die Impfstoffe Schutz vor einer potenziell todbringenden Erkrankung.

Den Countdown zur Lieferung haben Sie bei Twitter geschildert. Wie sind Sie auf diesen Gedanken gekommen?

Ich twittere bereits seit mehreren Jahren, um medizinische Aufklärung zu betreiben. Das war bisher vor allem Aufklärung über Homöopathie und Alternativmedizin. Gerade jetzt im Rahmen der Pandemie ist es wichtig, komplizierte Informationen aufzuarbeiten und einem breitem Publikum verständlich zu machen. Und das versuche ich natürlich auch beim Impfthema. Gerade in einer Zeit der Verunsicherung ist es mir wichtig, auch positive Botschaften zu senden: Es geht weiter, jetzt gibt es endlich die Möglichkeit, sich in den Arztpraxen impfen zu lassen.

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Warum ist es so wichtig, dass die Ärzte jetzt Teil der Impfkampagne sind?

Die Kolleginnen und Kollegen in den Impfzentren machen einen super Job, das steht außer Frage. Die Vorteile der Impfung in der Praxis liegen aber auf der Hand: Wir erreichen auch die Menschen, die sich bisher noch nicht im Impfzentrum angemeldet haben oder deren Anmeldung aus technischen oder anderen Problemen gescheitert ist. Im Impfzentrum sieht man nur die Menschen, die sich schon für eine Impfung entschieden haben. In der Praxis kann man mit den Patientinnen und Patienten sprechen, die verunsichert sind, die zweifeln, ob sie sich impfen lassen sollen oder nicht. Diese Beratungsleistung erbringen wir in den Praxen seit Jahr und Tag ohnehin. Dieses Vertrauensverhältnis ist gerade jetzt unglaublich wichtig: Man kann gemeinsam Risiken und Nutzen abwägen und dann eine Entscheidung treffen.

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Wie ist der Impfstart in Ihrer Praxis angelaufen?

Weil die Lieferung bereits am Dienstagnachmittag kam, konnte ich nach kurzen Anrufen relativ spontan bereits die ersten fünf Patienten impfen. Das ist der Vorteil der kurzen Wege. Den Rest der 20 gelieferten Dosen werde ich jetzt innerhalb der nächsten zwei Tagen verimpfen.

Da ginge aber sicherlich noch viel mehr, oder?

Richtig. Nicht nur ich, sondern auch die ganzen anderen Praxen könnten viel mehr verimpfen. Bei der jetzigen Lieferung wurde nur ein Teil der Praxen berücksichtigt. Deshalb haben wir aktuell auch Hausarztpraxen angesprochen, die noch keinen Impfstoff hatten, uns Patienten zu nennen, die schnellstmöglich eine Impfung bekommen sollten. Dieser Zusammenhalt zwischen den Praxen ist gerade jetzt sehr wichtig und hilfreich.

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Welchen Impfstoff haben Sie geliefert bekommen?

Uns wurde der Impfstoff von Astrazeneca geliefert und in der kommenden Woche wird es voraussichtlich der von Biontech sein. Momentan können wir bei der Bestellung noch keinen bestimmten Hersteller auswählen, sondern lediglich eine begrenzte Anzahl der gewünschten Impfstoffdosen angeben. Ich hoffe natürlich, dass sich dieser Weg der Impfstofflieferung etabliert, konkretisiert und wir entsprechende Planungssicherheit erhalten.

Inwiefern ist dieses Unterfangen auch eine logistische Herausforderung?

Jede Arztpraxis hat einen Kühlschrank, in dem ohnehin Medikamente gelagert werden. Es ist ein häufiges Missverständnis bezüglich des Biontech-Impfstoffes, dass nur Praxen impfen können, die einen Kühlschrank haben, in dem sie den Impfstoff bei -70 Grad lagern können. Das ist nicht nötig: Auch Biontech kann mehrere Tage in einem normalen Kühlschrank gelagert werden, das passiert auch in Impfzentren. Aber eine Lagerhaltung wäre auch das falsche Signal. Wir wollen den Impfstoff bekommen und so schnell wie möglich verimpfen. Jeder Tag früher, den der Impfstoff im Arm ist, ist ein guter Tag.

Video
Arzt impft schon in seiner Praxis: "Haben zuerst Listen abtelefoniert - Resonanz großartig"
5:21 min
Der HNO-Arzt Dr. Christian Lübbers impft seit Dienstag in seiner Arztpraxis in Weilheim. Wie ist die Resonanz? Und was sagt er zu Astrazeneca?  © RND
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Gleichzeitig bleibt mit Astrazeneca ein wichtiger Impfstoff Sorgenkind. Das Hin und Her bei den Empfehlungen – ist das ein Vertrauensverlust, der noch zu reparieren ist?

Für uns Ärzte ist es Normalität, dass wir bei jedem Medikament Risiken und Nebenwirkungen beachten. Und genau das passiert jetzt auch bei den Impfstoffen. Die große Chance, die auch Astrazeneca bietet, ist, dass er schwere Erkrankungen bei fast 100 Prozent der Patienten verhindert. Und genau das wollen wir ja. Diesem großen Nutzen wird das potenzielle Risiko gegenübergestellt – nichts anderes tut jetzt die Ständige Impfkommission, indem sie den Impfstoff für bestimmte Altersgruppen empfiehlt oder eben nicht empfiehlt. Meine große Sorge dabei ist, dass diese sinnvollen Empfehlungen zu Verunsicherung in der Bevölkerung führen. Aber genau hier sehe ich die große Bedeutung, die ich mit den Impfungen in den Arztpraxen verbinde: Wir können vor Ort aufklären, Informationen einordnen und Verunsicherung nehmen.

Allerdings scheint Verunsicherung auch in Teilen der Ärzteschaft zu herrschen: Hunderte Ärzte und ihre Helfer sind in den vergangenen Tagen nicht zu ihrem Impftermin erschienen.

Das irritiert auch mich und stimmt mich traurig. Jeder Mediziner sollte in der Lage sein, in dieser Situation verantwortlich zu handeln. Wir haben weiterhin weit mehr Impfwillige als Impfstoff. Da sollte es selbstverständlich sein, im Vorfeld einen Termin abzusagen, wenn man ihn aus welchem Grund auch immer nicht wahrnehmen kann oder möchte. Mit einer Lockerung der starren Impfordnung könnten dann frei gewordene Dosen dennoch verimpft werden.

Aber wie kann es überhaupt sein, dass Mediziner ihren Impftermin nicht wahrnehmen?

Darüber kann man nur mutmaßen. Es muss aber nicht zwangsläufig damit zu tun haben, dass sie sich nicht mit einem bestimmten Impfstoff impfen lassen wollten: Einige Ärzte meiner Praxis etwa haben ein doppeltes Impfangebot bekommen – eines über das bayerische Onlineimpfportal und eines direkt vom Impfzentrum. Beansprucht haben sie natürlich nur ein Angebot und das zweite rechtzeitig abgesagt.

Ist das eine dieser Kinderkrankheiten der Impfkampagne, mit denen Deutschland nach wie vor kämpft?

Absolut. Wir haben nach wie vor keine zentrale Erfassung der bereits Geimpften, auf die Impfzentren oder Arztpraxen zugreifen können. Vor dem Impfstart haben wir aus dem Praxisverwaltungssystem lange Listen mit Patienten über 80 Jahren ausgedruckt, die wir dann alle angerufen haben. Dabei hat sich erfreulicherweise herausgestellt, dass fast alle dieser Patienten bereits geimpft sind. Das ist natürlich eine Arbeit, die wir uns gespart hätten, wenn wir irgendwo hätten einsehen können, ob diese Menschen bereits geimpft worden sind.

Was muss darüber hinaus aus Ihrer Sicht geschehen, damit die Impfkampagne den viel beschworenen „Turbo“ zünden kann?

Mein Wunsch ist, dass Arztpraxen nun kontinuierlich mit Impfstoff beliefert werden und gemeinsam mit den vorhandenen Impfzentren impfen, impfen, impfen. Je mehr Arztpraxen an den Impfungen beteiligt sind, desto niedrigschwelliger ist das Angebot für die Menschen vor Ort. Wenn wir uns dann auch bald von dem starren Priorisierungsschema verabschieden, gilt das Impfangebot endlich für alle.

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