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Was für und gegen die Corona-Impfung von gesunden Kindern spricht

Jackson Stukus (11) erhält den Covid-19-Impfstoff von Biontech/Pfizer im Nationwide Children's Hospital in Columbus, USA. Was spricht für eine Impfung von Fünf- bis Elfjährigen – und was dagegen?

Viele Kinder leiden sehr unter den Folgen der Corona-Pandemie. Um Jungen und Mädchen davor zu bewahren, dass Schulen und Kindergärten erneut geschlossen und ihre sozialen Kontakte eingeschränkt werden, braucht es nach Einschätzung des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte vor allem eine hohe Durchimpfungsquote in den höheren Altersgruppen. Der Verband hat sich deshalb Ende November für eine allgemeine Impfpflicht für Erwachsene ausgesprochen – über die mittlerweile auch die Politik nachdenkt.

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Bis eine Impfpflicht folgt, könnte noch viel Zeit vergehen. Zeit, die angesichts der aktuellen vierten Welle eigentlich nicht zur Verfügung steht. Da erscheint die Zulassung des Corona-Impfstoffs für Fünf- bis Elfjährige durch die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) manchen Eltern als Rettung.

Stiko empfiehlt Impfung nur für vorerkrankte Kinder

Geimpfte Kinder, so die Idee, könnten wieder unbeschwert Kind sein. Allerdings richten sich die meisten Kinderärztinnen und -ärzte sowie Eltern in der Regel nach den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (Stiko). Und das Expertengremium rät vorerst nur dazu, Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren mit Vorerkrankungen und Kontakt zu Risikopersonen gegen Covid-19 zu impfen.

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„Die Datengrundlage für eine generelle Empfehlung ist im Augenblick aus Sicht der Stiko nicht gegeben“, sagte der Vorsitzende der Stiko, Thomas Mertens, am Donnerstag gegenüber der Deutschen Presseagentur. „Es gibt zwar keinen direkten Hinweis auf ein Risiko der Impfung in dieser Altersgruppe, aber es gibt eben auch keine ausreichend sichere Datenbasis, um die Sicherheit abschließend zu bewerten.“

Dass die Stiko eine Corona-Impfung zunächst nur für vorerkrankte Fünf- bis Elfjährige empfehlen würde, hatten Kindermedizinerinnen und -mediziner bereits vermutet. Denn eine ähnlich unzureichende Datenlage hatte es schon bei den Zulassungsstudien mit Kindern zwischen zwölf und 17 Jahren gegeben. Als die EMA Ende Mai 2021 den Impfstoff von Biontech/Pfizer für die entsprechenden Altersgruppen freigegeben hatte, hatte die Stiko ebenfalls geraten, nur Kinder mit Vorerkrankungen und Risikokontakten damit zu impfen. Erst mit weiteren Daten zur Impfstoffsicherheit aus den USA hatte das Gremium eine allgemeine Empfehlung für Zwölf- bis 17-Jährige ausgesprochen.

Corona-Impfung für Kinder: Stiko empfiehlt Biontech-Dosis

Die Ständige Impfkommission empfiehlt nun auch gesunden Kindern zwischen fünf und elf Jahren eine Corona-Impfung.

Infektionsrisiko bei den Fünf- bis Elfjährigen derzeit besonders hoch

Bei den Impfungen für Fünf- bis Elfjährige könnte es dieses Mal ähnlich laufen. Bis die Stiko eine allgemeine Impfempfehlung für gesunde Kinder in diesen Altersgruppen abgibt, könnten also noch einige Wochen vergehen. Es ist jedoch nicht so, dass sie sich in der Zwischenzeit überhaupt nicht gegen Covid-19 impfen lassen können. Der Stiko-Chef Mertens betonte, dass eine Impfung auf eigenen Wunsch und auf Wunsch der Eltern, sowie nach einem ärztlichen Aufklärungsgespräch möglich ist.

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Wie sinnvoll eine Impfung für ein Kind ohne besondere Risikofaktoren ist, hängt maßgeblich davon ab, wie gefährlich Covid-19 für die entsprechende Altersgruppe ist. In der Altersgruppe der Fünf- bis Elfjährigen ist das Infektionsrisiko derzeit vergleichsweise hoch: Laut des Robert Koch-Instituts (RKI) liegt die Sieben-Tage-Inzidenz aktuell bei 905,6. So hoch ist der Wert in keiner anderen Altersgruppe.

Wenige Todesfälle unter Jüngeren

Diese Zahl dürfte im Vergleich mit anderen Bevölkerungsteilen überrepräsentiert sein, da in Schulen im Gegensatz zum Rest der Gesellschaft systematisch getestet wird. Allerdings sind die Chancen wohl gering, dass Kinder ohne Sars-Cov-2-Infekt ins Frühjahr kommen.

In den USA sind mehr als 700 Kinder an Covid-19 gestorben – damit gehört die Infektion dort zu den zehn häufigsten Todesursachen. In Deutschland ist die Situation allerdings weit weniger dramatisch: Das RKI berichtet in seinem Wochenbericht vom 2. Dezember 2021 von insgesamt 35 Todesfällen bei unter 20-jährigen, zum Teil jedoch mit erheblichen Vorerkrankungen.

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Schlechter Zugang zur Gesundheitsversorgung in den USA

„In den USA sind viele Kinder nicht krankenversichert“, erklärte Tim Niehues, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Immunologie der Deutschen Gesellschaft für Immunologie und Direktor des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin an den Helios-Kliniken Krefeld, Ende November. „Kranke Kinder werden deshalb oft zu spät behandelt, dieses Problem haben wir in Deutschland nicht.“

Auch für das in US-Studien belegte größere Risiko für schwerere Covid-19-Verläufe von Kindern mit afrikanischer oder hispanischer Abstammung sieht Niehues eine sozioökonomische Erklärung. „Das hat wahrscheinlich weniger mit der Ethnie zu tun, sondern eher mit dem Zugang zur Gesundheitsversorgung.“

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In den USA sind Kinder zudem öfter übergewichtig als in Deutschland, auch das dürfte zu einer geringeren Zahl an schweren Covid-19-Erkrankungen hierzulande führen. „Wir hatten seit Beginn der Pandemie zwei Corona-Fälle auf der Intensivstation“, sagte Tim Niehues. „Dagegen hatten wir allein in den vergangenen drei Monaten 80 Kinder mit RS-Virus – das bereitet mir größere Sorgen, weil Säuglinge daran sterben können.“

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Eltern sorgen sich um Folgen einer Corona-Infektion

Eltern fürchten nicht nur akute Infektionen mit Sars-CoV-2, sondern auch mögliche Langzeitfolgen. Da ist zum einen PIMS („Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome“), im Englischen vornehmlich MIS-C („Multisystem Inflammatory Syndrome in Children“), zu Deutsch „Multisystemisches Entzündungssyndrom bei Kindern“ genannt, eine Erkrankung mit meist hohem Fieber und Entzündungsreaktionen in vielen Organen, die Wochen nach der akuten Corona-Infektion auftritt.

Viele der betroffenen Kinder müssen auf der Intensivstation behandelt werden. In Deutschland sind bis zum 5. Dezember 2021 477 PIMS-Fälle aufgetreten, wie aus einem Register der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie hervorgeht. Da die Dunkelziffer der Infektionen unter Kindern wohl ein Vielfaches höher liegt, ist die wirkliche Inzidenz von PIMS wohl darunter. In den USA geht man derzeit von halb so vielen Fällen aus, das entspricht 0,03 Prozent PIMS-Fälle unter den infizierten Kindern. „PIMS wäre für mich ein Argument für die Impfung“, sagte Tim Niehues. „Aber wir wissen noch nicht, ob die Impfung wirklich davor schützt.“

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Gibt es Long Covid bei Kindern?

Und dann ist da noch die große Unbekannte: Long Covid. Gemeint sind Spätfolgen einer Corona-Infektion wie Müdigkeit oder Aufmerksamkeitsstörungen, die teilweise monatelang nach der Erkrankung anhalten können. „Wir müssen davon ausgehen, dass es Long Covid auch bei Kindern und Jugendlichen gibt“, sagte Jörg Dötsch, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), Ende November. „Was relativ klar ist: Je jünger die Kinder, desto unwahrscheinlicher.“ Es gibt Studien, denen zufolge jedes siebte Kind von Spätfolgen betroffen sein könnte.

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„Die Studienlage ist allerdings noch unklar“, so Dötsch. „Das liegt zum einen daran, dass Long Covid nicht genau definiert ist – Müdigkeit und Abgeschlagenheit könnten etwa auch Folgen von Depressionen infolge der Pandemie sein.“

So fand eine Studie aus der Schweiz Symptome in ähnlicher Häufigkeit bei Kindern, die einen Infekt mit Sars-Cov-2 durchgemacht hatten und solchen, bei denen dies nicht der Fall gewesen war. „Eine solche Kontrollgruppe fehlt meistens bei den Long-Covid-Studien“, sagte Dötsch. Außerdem hatte die Forschenden um Thomas Radtke von der Uni Zürich den Vorteil, dass die Kinder nicht wussten, ob sie sich infiziert hatten (es wurden in längeren Abständen Antikörpertests gemacht). „So fällt der Effekt einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung aus“, erklärt DGKJ-Präsident Dötsch.

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Kinderärztinnen und -ärzte sehen in Long Covid keinen Grund, jetzt zur Impfung zu raten und beziehen sich dabei auf die Erfahrung mit anderen Viren, etwa mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV), dem Erreger des Pfeifferschen Drüsenfiebers. „Langfristige Folgen durch übermäßige Aktivierung des Immunsystems nach Virusinfektionen sind selten“, sagte Kindermediziner Niehues. „EBV aktiviert das Immunsystem maximal, 90 Prozent der Bevölkerung haben zudem Antikörper – und trotzdem ist ‚Long EBV‘ relativ selten.“

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Die Einzelschicksale seien zwar schlimm, aber kein Grund für Horrorszenarien. „Ähnliches würde ich für Sars-CoV-2 erwarten: Ja, es gibt Long Covid, aber nein, bisher gibt es keine Studien und klinisch valide Daten, die darauf hindeuten, dass wir eine Epidemie unter den Kindern bekommen“, so Niehues weiter.

Vorsorgliche Corona-Impfung – ein Risiko?

Aber wäre es nicht ethisch geraten, auch einzelne Menschen vor einem solchen Schicksal zu bewahren? Und – angesichts der unklaren Datenlage – was, wenn die Folgewirkungen einer Corona-Infektion für Kinder anders und schlimmer wären als die Pädiaterinnen und Pädiater erwarten? Was riskiert man, wenn man seine Fünf- bis Elfjährigen vorsorglich impfen lässt, um sie vor möglichen Covid-Folgen zu schützen?

Wenn man die bisherigen Studiendaten anschaut – wenig. In der Phase-3-Studie der Impfstoffhersteller Biontech/Pfizer wurden keine schweren Nebenwirkungen beobachtet. Nachteil: Nur 1517 Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren hatten den Impfstoff bekommen, keine genügend große Zahl, um seltene Impfnebenwirkungen feststellen zu können. Darauf hatte auch Stiko-Chef Thomas Mertens hingewiesen.

So tritt die gefürchtete Nebenwirkung Herzmuskelentzündung, die bei jungen Männern nach der mRNA-Impfung beobachtet wurde, nur bei einem von 16.000 auf. Allerdings wurden in den USA mittlerweile schon fast fünf Millionen Fünf- bis Elfjährige geimpft und dabei keine Herzmuskelentzündung beobachtet.

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„Tendenziell tritt die Herzmuskelentzündung bei jüngeren Kindern mit geringerer Wahrscheinlichkeit auf“, sagt DGKJ-Präsident Dötsch. „Aber wir wissen es für die Fünf- bis Elfjährigen noch nicht – und Sicherheit geht vor, wenn wir von einer allgemeinen Impfempfehlung sprechen.“ Sicher ist allerdings auch: Die Herzmuskelentzündung kommt in der Gruppe, in der sie auftritt (also bei den jungen Männern) etwa sechsmal häufiger nach der Infektion als nach der Impfung vor.

Impfen, um soziale Teilhabe zu sichern

Plausibel ist auch, dass all die erschreckenden Krankheitsbilder – wie etwa neurologische Schäden, die mit Covid-19 in Zusammenhang gebracht werden – durch die Impfung unwahrscheinlicher werden. „Diese Verläufe sind nur denkbar, wenn das Immunsystem das Virus nicht schon im Rachenraum kontrolliert und abfangen kann“, sagte Christian Münz, Professor für virale Immunbiologie an der Uni Zürich, Ende November. Und eben diese Kontrolle erleichtern die Impfungen.

Für die Kinderärzte ist aber etwas anderes entscheidend. „Die Kinder haben am meisten gelitten in der Pandemie und am wenigsten dazu beigetragen“, machte Dötsch deutlich. „Die Kinderärzte können mit der EMA-Zulassung impfen, um Kindern die soziale Teilhabe zu sichern.“ Sein Kollege Tim Niehues sagte es so: „Für eine generelle Empfehlung zur Impfung der Fünf- bis Elfjährigen sollten wir auf die Stiko warten – aber ich kann verstehen, wenn Kinder nicht mehr in Quarantäne wollen. Dann können sie in Einzelfällen eben auch aus pragmatischen Gründen geimpft werden.“

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Wir haben diesen Artikel am 9. Dezember 2021 umfassend aktualisiert.

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