Impfung beim Hausarzt – was bedeutet das für die Priorisierung?

  • Wie wird der Zugang zum Corona-Impfstoff geregelt, wenn Impfungen bald auch in Arztpraxen möglich sind?
  • Bund und Länder wollen den Ärzten hierbei Freiheiten einräumen.
  • Die Ständige Impfkommission (Stiko) befürchtet, dass die Impfreihenfolge nicht mehr eingehalten wird, wenn Mediziner von der Priorisierung abweichen können.
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Der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (Stiko) Thomas Mertens hat Bedenken, dass Priorisierungsempfehlungen unter den Tisch fallen könnten, wenn künftig auch Arztpraxen gegen Corona impfen. Mancher Arzt könne sich gegenüber „seinen Patienten” mit der korrekten Impfreihenfolge schwertun, befürchtet Mertens.

Im Beschluss der Bund-Länder-Konferenz vom dritten März sind die Bedingungen festgehalten, unter denen die Impfung beim Arzt bald schon möglich sein soll. Demnach können die Bundesländer künftig niedergelassene Mediziner mit der Corona-Impfung beauftragen und ihnen den Impfstoff zukommen lassen. Die Ärzte sollen dann, wie auch die Impfzentren, die Anzahl der täglich durchgeführten Impfungen melden.

Die Impfreihenfolge soll dabei grundsätzlich beibehalten werden: „Die Priorisierung der Coronavirus-Impfverordnung gilt auch für die Impfungen in den Arztpraxen als Grundlage”, heißt es in dem Bund-Länder-Beschluss. Die beauftragten Ärztinnen und Ärzte sollten „den Nachweis der Anspruchsberechtigung und die Priorisierung vor Ort in ihrer Praxis prüfen.”

Einzelfallentscheidungen leichter möglich

Weiter heißt es dann aber: „Die tatsächliche Entscheidung der Priorisierung erfolgt nach jeweiliger ärztlicher Einschätzung vor Ort.” Dies solle helfen, eine „flexiblere Umsetzung von Impfungen zu ermöglichen.” Im Klartext bedeutet das, wenn ein Arzt die Impfung eines Patienten für dringlich hält, hätte er die Freiheit, diese vorzunehmen.

Einzelfallentscheidungen sind zwar auch bisher schon möglich, aber mit größeren Hürden verbunden. So kann ein Antrag an in mehreren Bundesländern eingerichtete Gremien gestellt werden, wenn aus medizinischen Gründen besondere Dringlichkeit für die Impfung besteht. In den Gremien sind neben Medizinern auch Vertreter von Ethikkommissionen vertreten.

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Ob und wie genau Ärzte künftig begründen müssen, wenn sie von der Impfpriorisierung abweichen, steht noch nicht fest. Der Beschluss von Bund und Ländern sieht zwar noch für März eine Änderung der Impfverordnung vor, diese ist aber noch nicht erfolgt.

Hausärzteverband für Priorisierung durch Krankenkassen

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Der Deutsche Hausärzteverband ist sogar dagegen, dass Ärzte bei der Impfung ihrer Patienten die Priorisierung vornehmen. Er fordert, stattdessen die Krankenkassen den Impfanspruch regeln zu lassen, um Mediziner von der Bürokratie zu entlasten. Eine schnelle Durchimpfung der Bevölkerung in den Hausarztpraxen solle „nicht durch die komplizierte Prüfung der Impfpriorisierung behindert werden”, heißt es in einer Stellungnahme des Hausärzteverbands.

Die Krankenkassen verfügten über aktuelle Gesundheitsdaten und weitere wichtige Informationen ihrer Versicherten. Sie könnten diese daher „schnell, effizient und eindeutig” zu einer Priorisierungsgruppe zuordnen. Gleichzeitig fordert der Hausärzteverband, die Regeln zum Anspruch auf eine Impfung zu vereinfachen, damit diese auch „klar und eindeutig” gegenüber den Patienten kommuniziert werden könnten. Tatsächlich dürfte zu viel Ermessensspielraum für die Hausärzte selbst kompliziert werden: Weil dann zahlreiche Patienten auf einen besonderen Impfanspruch beharren könnten.

Bisher wurde erst im Rahmen einiger Modellprojekte in Hausarztpraxen geimpft. Der Zugang wurde dabei unterschiedlich geregelt. In Niedersachsen wurden Personen mit Impfanspruch über die regionalen Impfzentren an die Arztpraxen zugeteilt, in Mecklenburg-Vorpommern über die zentrale Hotline zur Terminvergabe. Im Saarland wurden Impfberechtigte der höchsten Priorisierungsstufe direkt zu den Ärzten eingeladen. In Brandenburg konnten hingegen nur Patienten der jeweiligen Arztpraxen geimpft werden.

Impfung bei Ärzten könnte zu Wahlfreiheit führen

Unklar ist auch noch, welcher Impfstoff den Arztpraxen zur Verfügung gestellt wird. So ist es beim mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer am schwierigsten, ihn fachgerecht aufzubewahren. Er soll bei -70 Grad Celsius transportiert und gelagert werden. In den Modellprojekten hatte sich aber gezeigt, dass das Verimpfen in Arztpraxen möglich ist, weil die Vakzine fünf Tage lang bei Kühlschranktemperaturen aufbewahrt werden kann. Der mRNA-Impfstoff von Moderna hält sich 30 Tage lang im Kühlschrank, eine Impfung mit der Vektorvakzine von Astrazeneca wäre sogar sechs Monate lang bei Kühlschranktemperaturen haltbar.

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Die kassenärztliche Bundesvereinigung hatte schon länger den Einsatz auch der mRNA-Impfstoffe in den Hausarztpraxen gefordert und hält den Einsatz aller drei Vakzine für möglich. Sollten wirklich alle zugelassenen Impfungen bei Ärzten erhältlich sein, könnte das zur Wahlfreiheit bei den Impfstoffen führen. Der ärztliche Ermessensspielraum könnte dann dazu genutzt werden, um Menschen mit der jeweils am besten geeigneten Vakzine zu impfen. So können die verfügbaren Impfstoffe bei bestimmten Vorerkrankungen oder Allergien unterschiedlich gut geeignet sein. Bisher haben Impfberechtigte aber keinen Anspruch darauf, den Impfstoff selbst wählen zu können.

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