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Schwangere gegen Covid-19 impfen? Ein Paar erzählt, warum es sich dafür entschieden hat

  • Ob sich Schwangere gegen Covid-19 impfen lassen sollen, ist auch unter Ärzten umstritten.
  • RND-Autor Frederik Jötten und seine Frau haben sich für eine Schutzimpfung entschieden.
  • Weshalb, das begründet er in diesem Text.
Frederik Jötten
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Verständnislos waren sie alle, von der Gynäkologin über die Hausärztin bis zu meiner Tante, einer Medizinerin im Ruhestand – warum in aller Welt ausgerechnet eine Schwangere gegen Covid-19 impfen lassen? Meine Frau erwartet ein Kind, und wir hatten genau das vor. Doch sogar Menschen, die sich auskennen sollten, lehnten ab – ganz zu schweigen von den Vätern und Müttern auf dem Spielplatz, die entsetzt schauten, als wir von unserem Impfvorhaben berichteten. Das Unverständnis war so groß, dass wir uns nicht mehr trauten, darüber mit anderen zu sprechen.

Die Impfung wird sowohl vom Umfeld als auch von vielen Schwangeren als Gefahr für das Ungeborene gesehen. Dabei sollte mittlerweile jedem klar geworden sein: Das Virus wird bleiben, alle, die nicht geimpft sind oder sich komplett abschotten können (und das können Schwangere quasi nie), werden früher oder später infiziert werden – und von den Schwangeren ist bislang noch kaum eine immunisiert. Denn lange waren sie von der Impfkampagne ausgeschlossen, dann durften nur solche mit Vorerkrankungen immunisiert werden, schließlich zusätzlich jene, die exponiert waren – und erst seit drei Wochen können laut Stiko Schwangere mit „einem erhöhten Expositionsrisiko aufgrund ihrer Lebensumstände“ geimpft werden (jeweils ab dem zweiten Trimester). Im Moment stehen also noch fast alle Schwangeren in Deutschland ohne Impfschutz da. Erst gab es keine Möglichkeit, und jetzt sind die Frauen, die ein Kind erwarten, skeptisch.

Dreimal höheres Risiko für schweren Corona-Verlauf bei Schwangeren

Leider sind Schwangere bei einer Covid-Infektion etwa dreimal stärker gefährdet, einen schweren Krankheitsverlauf zu erleiden, als gleichaltrige Frauen, die kein Kind erwarten. Auch im Vergleich zu nicht infizierten Schwangeren sind die Risiken drastisch erhöht: Eine Untersuchung von 400.000 Schwangerschaften in den USA zwischen April und November 2020 ergab, dass das Risiko für einen Herzinfarkt bei an Covid-19 erkrankten Schwangeren um das 27-Fache, für den Tod der Mutter um das 28-Fache, für den Tod des Kindes um 66 Prozent anstieg. Die Gründe sind nicht endgültig geklärt, es liegt aber nahe zu vermuten, dass das ohnehin verringerte Lungenvolumen in der Schwangerschaft und die verstärkte Neigung zur Blutgerinnung Corona-Komplikationen begünstigen.

Wie in Deutschland waren auch in Israel Schwangere anfangs von der Impfkampagne ausgenommen. Als die Infektionszahlen hochschnellten, lagen plötzlich 50 Frauen, die ein Kind erwarteten, auf Intensivstationen – seit Januar werden Schwangere deshalb in Israel priorisiert geimpft. Ebenfalls in Israel sorgte der Fall einer 32-jährigen vierfachen Mutter ohne Vorerkrankungen für Schlagzeilen. Sie erwartete ihr fünftes Kind und starb mit diesem in der 30. Schwangerschaftswoche an Covid-19 – ihr Schwager war ein bekannter Impfgegner und hatte von der Impfung abgeraten.

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Eltern lässt so ein Fall nicht kalt. Ich stelle mir vor, dass die vier kleinen Kinder jetzt nach ihrer Mutter fragen, die nicht mehr da ist – da kommen mir die Tränen. Allen Schwangeren sollte klar sein, dass auch sie ein schwerer Covid-Verlauf treffen kann. Angesichts der Berichte über solch schreckliche Schwangerschaftskomplikationen aus aller Welt fühlten meine Frau und ich uns, als ließe man uns und alle anderen Schwangeren in einer Gefahrensituation im Stich. Denn während wir im Homeoffice arbeiten, geht unsere zweijährige Tochter in die Krippe. Von dort bringt sie uns regelmäßig die aktuellen Infekte mit nach Hause – und unter Kindern hat sich Sars-CoV-2 eben in den vergangenen Monaten rasant verbreitet.

Virales Einfallstor lässt sich nicht schließen

Während sich die Gesellschaft und die Wirtschaft über die erfolgreichen Impfkampagnen freuen, blickten wir mit zunehmender Sorge auf die Zahlen. Die Impfungen gingen voran, ja, auch ich als erste Kontaktperson konnte die beiden Injektionen bekommen. Nur: Was half das schon meiner Frau und unserem ungeborenen Sohn? Klar, sie hat FFP-3-Masken getragen und in geschlossenen Räumen nie Menschen ohne eine solche getroffen. Aber wir haben das Einfallstor für das Virus durch unsere Tochter, das lässt sich nicht schließen.

Also, doch, das ginge natürlich mit einem flinken Schritt für meine Frau ins Heim an den Herd. „Hören Sie doch auf zu arbeiten“, riet die Gynäkologin, als meine Frau um die Bescheinigung bat, dass sie geimpft werden dürfe. Das deckt sich mit dem, was andere Frauen berichten, mit denen wir uns im Internet zusammenfanden. „Sexistische Untertöne gab es ständig gratis dazu“, schrieb uns eine 29-jährige Schwangere, die im Gesundheitswesen arbeitet und monatelang für ihre Impfung kämpfte. Der Arzt im Impfzentrum habe ihr gesagt, dass es eben „dumm sei, während einer Pandemie schwanger zu werden“.

Meine Frau versuchte, von ihrer Gynäkologin und von ihrer Hausärztin eine Bescheinigung zu erhalten, dass sie geimpft werden könne – vergeblich. Viele Mediziner sind sehr zurückhaltend, solche Atteste auszustellen. Es ist wohl der Reflex, Schwangere und das ungeborene Kind zu schützen, der sich in der Pandemie in eine Gefahr verwandelt. Auch unsere Ärzte haben eine Situation wie die jetzige nie erlebt, in der es eben gefährlicher ist, inaktiv zu sein, als eine Impfung zu geben, deren Nutzen im Vergleich zum Risiko noch nicht ganz klar erwiesen ist.

Keine Anzeichen für Gefährdung des Fetus

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Aber während die Datenlage zum Risiko durch Covid-19 eindeutig ist, liegen keine Anzeichen vor, dass es eine Gefährdung für Frau oder Fetus durch die Impfung gibt. Mehr als 200.000 Schwangeren wurden, vorwiegend in Israel und in den USA, mRNA-Impfstoffe injiziert. Eine Studie mit fast 36.000 Teilnehmerinnen verglich geimpfte Schwangere mit solchen, die vor der Pandemie schwanger gewesen waren – und fand keine Unterschiede in der Häufigkeit von Komplikationen während der Schwangerschaft.

Klar, zukünftige Komplikationen kann man nicht komplett ausschließen – die Covid-19-Impfstoffe gibt es dafür einfach noch nicht lange genug, und eine kontrollierte Zulassungsstudie liegt noch nicht vor. Aber ein kurzer Exkurs in die Biologie erklärt, warum schädliche Langzeitfolgen unwahrscheinlich sind. Die in der für Schwangere wegen ihres Alters ausschließlich verwendeten Vakzine von Moderna und Biontech/Pfizer enthalten als Wirksubstanz mRNA – und unsere Zellen sind immer voller solcher Moleküle. Denn sobald eines unserer Gene aktiv ist, bedeutet das, dass eine Abschrift in Form von mRNA gebildet wird. Da viele Gene öfter mal an- und wieder abgeschaltet werden müssen, baut der Körper mRNA-Moleküle jeweils schnell wieder ab. Studien mit mRNA-Impfstoffen zeigten, dass diese in dem Muskel, in den sie injiziert wurden, nach 19 Stunden schon zur Hälfte nicht mehr vorhanden waren.

Biontech wies während des Zulassungsverfahrens in Ratten und Mäusen auch nach, wohin der Impfstoff nach der Injektion gelangt: Das meiste verbleibt im Muskel, ein Fünftel gelangt in die Leber – und weniger als 0,1 Prozent des Impfstoffs wird in die Geschlechtsorgane geschwemmt. Selbst bei einem Durchtritt eines minimalen Anteils des Impfstoffs durch die Plazenta und in eine Zelle des Ungeborenen wäre schwer vorstellbar, wie RNA den Fetus schädigen könnte. Am wahrscheinlichsten wäre eine Immunantwort auf das Spike-Protein – je nach Reifegrad des Fetus. Aber auch die wäre höchstwahrscheinlich ähnlich wie eine Immunantwort auf andere fremde Proteine, mit denen der Fetus konfrontiert wird.

Es ist unserer Überzeugung nach fast auszuschließen, dass der Impfstoff zum Fetus gelangen und diesen schädigen könnte, geschweige denn, dass er dessen Erbsubstanz verändern könnte. Die injizierte mRNA kommt nicht in den Zellkern, in dem unsere DNA liegt.

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„Wir haben es uns nicht leicht gemacht mit der Entscheidung“

Man merkt diesen Zeilen vielleicht an, dass wir, meine Frau und ich, es uns als Eltern nicht leicht gemacht haben mit der Entscheidung für eine Impfung während ihrer Schwangerschaft. Der Weg dahin war schwierig – weil die Empfehlungen vor sechs Wochen für Schwangere noch sehr restriktiv waren, weil Gynäkologin und Hausarzt sich nicht einsetzen wollten für die Impfung. Am Ende murrte der Arzt im Impfzentrum: „Wenn Sie die Verantwortung tragen wollen, falls Ihr Kind eine Fehlbildung bekommt, dann bitte.“ Man muss schon sehr gut vorbereitet sein, um sich dann trotzdem impfen zu lassen. Aber wir waren es, meine Frau bekam die Impfung, mittlerweile auch die zweite. Die Schwangerschaft verläuft bis jetzt perfekt, gerade erst wieder hat ein Feinultraschall gezeigt, dass alle Organe des Fetus intakt sind, von Fehlbildungen keine Spur.

Dennoch bekommen Frauen, die sich outen als Schwangere, die möglichst bald geimpft werden wollen, auf Social-Media-Kanälen Unverständnis und Hass zu spüren. „Unverantwortlich“ sei das gegenüber dem Kind, Versuchskaninchen für die Pharmaindustrie könnten die Frauen ja nach der Geburt spielen, wenn sie es denn unbedingt wollten, heißt es da. Immer wieder kommt dabei das falsche Argument auf, dass Impfungen während der Schwangerschaft generell gefährlich seien. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Für andere Impfungen gibt es sogar explizit die Empfehlung, sie während der Schwangerschaft zu verabreichen – zum Beispiel die gegen Grippe und Keuchhusten.

Denn Antikörper aus dem Blut der Mutter gelangen durch die Plazenta in den Kreislauf des Fetus. Zwei Wochen nach einer Impfung erreicht die Antikörperkonzentration im Blut der Mutter ein hohes Niveau, viele der Moleküle werden auf den Fetus übertragen. Und damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind vor der Infektion mit dem Erreger geschützt sein wird, gegen den geimpft wurde. Im Mutterleib und auch nach der Geburt. Säuglinge erhalten sogar über die Muttermilch Antikörpernachschub. Neue Studien zeigen, dass dies auch für die mRNA-Impfstoffe gegen Sars-CoV-2 gilt. Bei geimpften Schwangeren wurden neutralisierende Antikörper im Nabelschnurblut und in der Muttermilch gefunden – die Konzentration war höher als bei Frauen, die bereits eine Infektion durchgemacht hatten.

Wir und die anderen Schwangeren, die sich gegen Covid-19 impfen lassen, handeln also aus Überzeugung. Wir tun das nicht aus Egoismus, nicht weil wir blind sind gegenüber Risiken, wir und all die anderen tun es aus Liebe zu unserem ungeborenen Kind – um es zu schützen vor einer Infektion, die kurzfristig lebensgefährlich sein kann und von der noch niemand weiß, welche Langzeitfolgen sie haben könnte.

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