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Ältere lehnen Astrazeneca ab: Warum mich das so sauer macht

  • Die Altersgruppe der 60- bis 69-Jährigen hat auf einmal eine große Chance auf einen schnelleren Impftermin mit Astrazeneca.
  • Doch das Misstrauen ist noch immer groß – viele lassen ihre Termine reihenweise ausfallen.
  • Das ist extrem unfair gegenüber jungen Menschen, kommentiert Chantal Ranke.
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Es ist so eine Sache mit der Wartezeit auf den Impftermin. Ich hätte normalerweise kein Problem damit, geduldig zu verharren, bis alle Älteren, Risikopatienten und Menschen, die sich einem hohen Risiko aussetzen müssen, geimpft sind. Das ist nur fair und solidarisch. Doch wir können an dieser Stelle nicht von einem „normalerweise“ sprechen.

Denn Teile einer bestimmten Altersgruppe halten es offenbar nicht für nötig, sich ebenso fair und solidarisch zu verhalten, wie viele Menschen in meinem Alter es schon seit Beginn der Pandemie tun. Ja, damit sind Personen über 60 gemeint, die sich nicht mit Astrazeneca impfen lassen, obwohl sie es könnten.

Denn die Antwort auf die Frage, wann ich endlich die langersehnte erste Spritze erhalten könnte, ist ernüchternd. Ich bin 23, kerngesund und arbeite weder im medizinischen Bereich, noch bin ich Lehrerin. In meinem direkten Umfeld lässt sich auch nach langem Suchen keine Person mit Vorerkrankungen finden (zum Glück). Und nein, auch keine Schwangere.

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Das Ergebnis des Impfterminrechners ist eindeutig: Prioritätsstufe sechs. Die Erstimpfung bekomme ich damit wohl irgendwann im Juni. Möglicherweise. Denn das gilt auch nur, wenn die Impfhersteller ihre Lieferungen einhalten und noch weitere Vakzine zugelassen werden.

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Puh. Und wenn das nicht schon Ernüchterung genug wäre, gibt es Menschen, die mich mit ihrem Verhalten fassungslos machen. Wegen der „seltenen, aber sehr schweren“ Nebenwirkungen empfiehlt die Ständige Impfkommission (StiKo) Astrazeneca nur noch an Menschen zu verimpfen, die älter sind als 60 Jahre. So hatten 10,3 Millionen Menschen in der Altergruppe von 60 bis 69 Jahren seit Anfang April plötzlich die Chance, den schützenden Piks viel schneller zu erhalten als ursprünglich erwartet. Und was machen viele Menschen mit dieser Chance?

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Nichts, gar nichts und wieder nichts. Etliche Personen haben ihre Termine in den vergangen Wochen aus Sorge vor dem Impfstoff nicht nur abgesagt, sondern erscheinen in vielen Fällen einfach gar nicht – und das bundesweit.

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Das zeigen allein drei Beispiele aus der vergangenen Woche:

Ganz ehrlich: Da fehlen mir nicht nur die Worte, das macht mich richtig sauer. Denn durch dieses Verhalten müssen sich gesunde, junge Menschen weiter hinten anstellen und warten. Und auch wenn ich die Impfung lieber heute als morgen hätte, hat das nichts mit Egoismus zu tun. Es geht um das große Ganze: den Weg raus aus dieser zermürbenden Pandemie.

Warum, um alles in der Welt, sollte ich mir aussuchen dürfen mit welchem Impfstoff ich geimpft werde? Noch nie zuvor haben sich die Menschen so intensiv mit Impfstoffen beschäftigt. Noch nie zuvor galt dem gesamten Prozedere eine derartige Aufmerksamkeit. Oder kennen Sie etwa auch nur einen einzigen Hersteller eines Impfstoffes gegen Grippe oder Tetanus? Nein? Bitte, da haben wir es.

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Studien zeigen: Die Angst vor dem Risiko muss nicht sein

Ganz unabhängig von der Solidarität: Die Angst und die Sorge dieser Menschen kann durch wissenschaftliche Erkenntnisse kaum bestätigt werden. Ja, es gibt ein Risiko – das steht außer Frage. In Deutschland sind laut Paul-Ehrlich-Institut (PEI) durch dieses Risiko bis Mitte April 59 Fälle von Sinus- und Hirnvenenthrombosen aufgetreten, zwölf Menschen starben – bei 4,2 Millionen Erst- und 4.153 Zweitdosen.

Die Todesfälle sind tragisch und müssen selbstredend vermieden werden. Aber ist das wirklich ein Grund, auf die Impfung zu verzichten? Zumal sich jeder individuell von seinem Arzt beraten lassen kann?

Eine Studie der Oxford Universität zeigt, wie niedrig das Risiko im Vergleich zu anderen Parametern in der Pandemie ist. So treten bei mRNA-Impfstoffen (Biontech und Moderna) fast genauso häufig Blutgerinnsel auf. Während es bei diesen Impfstoffen in vier von einer Millionen Fällen dazu kommt, waren nach einer Astrazeneca-Impfung fünf von einer Million Menschen betroffen.

Nicht außer Acht zu lassen ist aber vor allem das Thromboserisiko durch die Covid-19-Infektion selbst. Diese tritt in 39 von einer Million Fällen auf – so die Ergebnisse der Studie. Auch wenn die Daten durch weitere Untersuchungen überprüft werden müssen, zeigt das einmal mehr, dass der schlechte Ruf von Astrazeneca auf nicht mehr als dem ständigen Hin und Her zwischen Zulassung und Impfstopp und der Wiederaufnahme fußt.

Video
Immunologin Falk über Astrazeneca: „Impfstoff hat in der Gruppe der Älteren seine Berechtigung“
5:32 min
Im Videointerview spricht Immunologin Christine Falk über neue Erkenntnisse zu Astrazeneca – und wirbt für stärkeres Vertrauen in den Impfstoff bei Älteren.  © RND
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Klar ist: Wenn wir diese Pandemie hinter uns lassen wollen, muss sich jeder mit dem Impfstoff zufriedengeben, den er bekommen kann. Die genaue Überprüfung der zuständigen Institutionen zeigt, wie sehr wir den Empfehlungen vertrauen können. Das gilt für die Altersgruppe der 60- bis 69-Jährigen zur Zeit noch mehr als für alle anderen.

Es wird höchste Zeit, dass auch junge Menschen endlich eine Perspektive bekommen. Für viele mag es vermessen klingen: Aber Studierende müssen wieder in die Universitäten, Schulabsolventen sollen die beste Zeit ihres Lebens genießen – und ja, auch eine Reise zu machen, auf eine Party oder ein Festival zu gehen, muss doch irgendwann wieder möglich sein.

Mein letzter Besuch im Fußballstadion war am 4. Februar 2020, das letzte Mal in einem Club war ich am 28. Februar 2020 und das letzte Mal geflogen bin ich am 25. September 2019. Wenn sich die Zeit bis zum langersehnten nächsten Mal nur verlängert, weil einige Menschen über 60, die sich ohne Risiko mit Astrazeneca impfen lassen könnten, es nicht tun, wäre das nicht nur sehr schade, sondern vor allem unsolidarisch.

Und wie wir uns solidarisch verhalten sollten wir während der Pandemie doch eigentlich gelernt haben.

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