Riskanter Selbsttest: Unternehmer spritzt sich Antigene als möglichen Corona-Impfstoff

  • Ein wirksamer Corona-Impfstoff ist frühestens 2021 auf dem Markt, schätzen Experten.
  • Einem Lübecker Unternehmer ging das nicht schnell genug: Um sich vor einer Corona-Infektion zu schützen, spritzte er sich bereits Ende März selbst ein Antigen.
  • In der jüngeren Vergangenheit fiel Winfried Stöcker eher mit fragwürdigen Äußerungen zu Frauen und Flüchtlingen auf.
Michèle Förster
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Forscher und Pharmafirmen auf der ganzen Welt sind derzeit auf der Suche nach einem wirksamen Impfstoff gegen das Coronavirus. Mehr als 115 Projekte weltweit soll es bereits geben. Viele Experten meinen, dass ein massentauglicher Impfstoffkandidat im Frühjahr 2021 auf den Markt kommen könnte. Optimistischere Schätzungen gehen sogar vom Herbst diesen Jahres aus.

Doch selbst bis dahin wollte der Lübecker Unternehmer Winfried Stöcker nicht warten. Er erforscht einen eigenen Corona-Impfstoff – und überprüft dessen Wirksamkeit im Selbsttest.

Laborleiter verabreicht sich selbst drei Injektionen

Dafür injizierte er sich nach eigenen Angaben drei Wochen lang ein Antigen intramuskulär in den Oberschenkel. Am 26. März und am 2. April war es jeweils eine ‘einfache’ Dosis, am 14. April die ‘doppelte’, wie die “FAZ” berichtet.

Beim Impfstoff handelt es sich seinen Angaben zufolge um das Antigen S1 des neuartigen Coronavirus. Die Antikörper-Immunisierung hält er für vielversprechend. “Aus meiner Sicht könnten innerhalb eines halben Jahres drei Viertel der Bevölkerung Deutschlands oder der USA mit S1 des Sars-CoV-2 immunisiert werden”, schreibt Stöcker auf seiner Website.

Fragwürdige Theorien einer umstrittenen Persönlichkeit

Der 73-Jährige ist in der Pharmazie kein Unbekannter: Bis 2019 leitete er das von ihm gründete Labordiagnostikunternehmen Euroimmun, das bereits vor 20 Jahren große Erfolge mit den ersten Antikörper-Tests für das Sars-Virus feierte. Zudem war sein Unternehmen an den Corona-Tests der bekannten Heinsberg-Studie des Virologen Hendrik Streek beteiligt. 2017 verkaufte Stöcker Euroimmun für 1,3 Milliarden Dollar an den amerikanischen Konzern Perkin-Elmer.

In den vergangenen Jahren fiel Stöcker jedoch vor allem durch frauen- und fremdenfeindliche Äußerungen auf. 2014 warnte er in einem Interview mit der “Sächsischen Zeitung” vor einer Islamisierung Deutschlands, drei Jahre später forderte er seine Belegschaft zur Fortpflanzung auf, um dem “sinnlosen Ansturm unberechtigter Asylanten etwas entgegensetzen (zu) können”.

Gegen Frauen scheint Stöcker einen besonderen Hass zu hegen. Als Leugner der #metoo-Übergriffe, die seiner Meinung nach von den Frauen provoziert wurden, fordert er auf seinem Blog zudem “Schluss mit dem Gender-Unfug”, bezeichnet Ursula von der Leyen als Quotenfrau und Angela Merkel als armselig und unfähig.

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Corona-Antigen wurde künstlich hergestellt

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Das für den Selbsttest verwendete Antigen wurde laut dem Unternehmer künstlich im eigenen Labor hergestellt. "Nicht das ganze Virus wurde verwendet, sondern nur eine kleine Komponente davon, die für sich allein nicht infektiös ist“, so Stöcker gegenüber der “FAZ”. Die Immunisierung sei deshalb ungefährlich. “Es bestand keine Infektionsgefahr mit dem Coronavirus, weder für mich noch für meine Familie und meine Kollegen.”

Anfangs zeigte der Immunisierungsversuch keine Wirkung, die Antikörper-Tests fielen negativ aus. Doch Ende April verkündete Stöcker: “Der Immunisierungsversuch mit Corona-Antigen S1 ist bei mir günstig verlaufen”. Anzeichen einer Erkrankung konnte er bei sich nicht feststellen.

Das Antigen selbst sei allerdings kein wissenschaftlicher Durchbruch, gibt Stöcker gegenüber der “Bild” zu. Es werde bereits getestet, nur eben nicht am Menschen. Doch auch dafür hat der 73-Jährige einen Vorschlag parat. Die Immunisierungsmethode solle an einer kleinen Anzahl Freiwilliger getestet werden, “um festzustellen, ob es auch bei diesen keine Nebenwirkungen gibt”, fordert Stöcker. Zusätzlich solle dieser Versuch auch bei “exponierten Personen, etwa bei Krankenpflegern” durchgeführt werden.

Virologen und Test-Experten warnen jedoch vor einer Überinterpretation einzelner Ergebnisse. Bisher gibt es keine belastbaren Daten dazu, ob ein Antikörper-Nachweis im Blut bedeutet, immun gegen das Coronavirus zu sein.

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