Covax: Corona-Impfstoff-Projekt für ärmere Länder stößt an seine Grenzen

  • Die Covax-Initiative will die ärmsten Menschen weltweit so früh wie möglich gegen Covid-19 impfen.
  • Doch die Organisatoren stehen noch vor einigen Herausforderungen.
  • So haben sich reiche Staaten beispielsweise schon vorab große Mengen von Impfstoff-Kandidaten gesichert.
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London. Es ist ein ambitioniertes Hilfsprojekt: Die ärmsten Menschen der Welt sollen mit einem Impfstoff gegen das Coronavirus versorgt werden, sobald dieser vorliegt. Doch das Vorhaben ist gefährdet durch eine Knappheit an Geld, Frachtflugzeugen, Kühlung und Impfstoffen an sich. Zudem stößt es selbst bei denjenigen auf Skepsis, denen es am meisten helfen soll.

Covax will bis Ende 2021 zwei Milliarden Impfdosen kaufen

Eines der größten Hindernisse ist, dass reiche Staaten schon vorab den Großteil der möglichen Impfstoffvorräte bis 2021 geordert haben. Außerdem weigern sich die USA und andere, sich dem Projekt mit dem Namen Covax anzuschließen. "In nächster Zeit wird es keine Versorgung mit Impfstoffen geben, und das Geld ist auch nicht da", warnt der Gesundheitsexperte Rohit Malpani, der zuvor für die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" arbeitete. Covax sollte sicherstellen, dass Länder unabhängig von ihrem Reichtum Zugang zu Corona-Impfstoffen haben.

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Das Projekt wird von der Weltgesundheitsorganisation WHO geleitet sowie von den öffentlich-privaten Impfallianzen Gavi und Cepi, die zum Teil von der Stiftung von Bill und Melinda Gates finanziert werden. Ziel von Covax ist es, bis Ende 2021 zwei Milliarden Impfdosen zu kaufen, wobei bislang nicht klar ist, ob für eine erfolgreiche Immunisierung der Weltbevölkerung eine oder zwei Impfgaben für 7,8 Milliarden Menschen notwendig sein werden. Teilnehmende Länder können entweder Impfstoffe von Covax kaufen oder bei Bedarf kostenlos bekommen.

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Bundesregierung rechnet Mitte 2021 mit Impfstoff
1:54 min
Gesundheitsminister Jens Spahn teilte zudem mit, dass die Impfungen freiwillig sein sollen.  © Reuters

Impfstoffvorräte größtenteils von reichen Staaten reserviert

Ein Problem stellte sich frühzeitig: Einige der reichsten Länder der Welt haben ihre eigenen Verträge direkt mit Pharmaunternehmen geschlossen und müssen sich deshalb nicht mehr an dem Vorhaben beteiligen. So haben China, Frankreich, Deutschland, Russland und die USA nicht vor, sich anzuschließen. Indem sie noch vor Zulassung der Impfstoffe so große Mengen bei den Herstellern gekauft haben, ist ein Großteil der Vorräte für 2021 schon vom Markt.

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“Als Kontinent mit 1,2 Milliarden Menschen machen wir uns immer noch Sorgen”, sagt John Nkengasong, Leiter der obersten Seuchenschutzbehörde der Afrikanischen Union, des Africa Centers for Disease Control and Prevention, am Donnerstag. Er lobt Covax für die dahinterstehende Solidarität, beklagte aber zugleich offene Fragen bei der Verteilung des Impfstoffs. Die Corona-Gesandten afrikanischer Staaten träfen sich direkt mit Herstellern, um zu fragen: “Wenn wir mit Geld an den Verhandlungstisch kommen, wie können wir genug Impfstoffe bekommen, um die Lücke zu schließen?

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EU investiert 400 Millionen Euro in Covax

Die Europäische Union hat 400 Millionen Euro für Covax zur Verfügung gestellt, wird das Projekt aber nicht zum Ankauf eines Impfstoffs nutzen. Nach Ansicht einiger Beobachter spiegelt dieses Vorgehen ein mangelndes Vertrauen in das Vorhaben wider. Stattdessen hat die EU eigene Abkommen zum Kauf von mehr als einer Milliarde Impfdosen unterzeichnet und Covax damit eines Großteils der Verhandlungsmacht beraubt, Impfstoffe für den Kontinent zu erwerben.

Im September gaben WHO, Gavi und Cepi bekannt, dass die Länder, die sich angeschlossen hätten, zwei Drittel der Weltbevölkerung repräsentierten. Zugleich räumten die Initiatoren ein, dass sie noch etwa 400 Millionen Dollar von Regierungen oder aus anderen Quellen benötigen. Ohne dieses Geld kann die Gavi keine Verträge zum Kauf von Impfstoffen unterzeichnen, wie aus internen Dokumenten hervorgeht, die der Nachrichtenagentur AP vorliegen.

Covax benötigt noch fünf Milliarden US-Dollar

Vor wenigen Tagen erzielte Covax eine wichtige Einigung über 200 Millionen Impfdosen mit dem indischen Hersteller Serum. Das Unternehmen machte allerdings klar, dass ein großer Teil davon an Menschen in Indien gehen soll. Bis Ende kommenden Jahres braucht das Projekt nach eigener Schätzung weitere fünf Milliarden Dollar.

Trotz der fehlenden Mittel gehen die Verhandlungen weiter, wie Gavi-Geschäftsführerin Aurelia Ngyen sagt. Sie bezeichnete das Vorhaben als historisch einmalig. Covax sei ein höchst ambitioniertes Projekt. "Aber es ist der einzige Plan auf dem Tisch zur Beendigung der Pandemie weltweit", erklärt sie.

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Wie transparent ist das Verfahren?

Doch selbst arme Länder und Aktivisten stellen Funktionsweise und Effektivität des Programms in Frage. Das Verfahren sei intransparent, beklagt Clemens Auer, der dem Exekutivrat der WHO angehört und für die EU leitend deren Impfstoff-Verträge mit aushandelte. "Wir hätten keine Mitsprache bei den Impfstoffen, dem Preis, der Qualität, der technischen Plattform oder den Risiken" sagt er. "Das ist völlig inakzeptabel."

Die WHO habe wegen ihrer vorgeschlagenen Impfstoff-Strategie zu keinem Zeitpunkt andere Länder zurate gezogen, sagt Auer. Das Ziel der Weltgesundheitsorganisation, die verletzlichsten Menschen der Welt vor allen anderen zu impfen, sei ehrenwert, aber politisch naiv.

20 Prozent der Weltbevölkerung sollen immunisiert werden

Ein teures Hindernis stellt auch die Tatsache dar, dass die Impfstoffe auf dem Weg von der Fabrik zum Einsatz gekühlt werden müssen, wie es in internen Gavi-Papieren heißt. Die Industrie hat signalisiert, dass der "Lufttransport von Covid-Impfstoffen ein großes Hemmnis sein wird".

Zudem gibt es rechtliche Bedenken. Den internen Dokumenten zufolge informierte Gavi die Staaten darüber, dass Pharmakonzerne vermutlich Haftungsansprüche aufgrund möglicher Todesfälle oder Nebenwirkungen durch ihre Impfstoffe vertraglich ausschließen wollten.

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Als Teil von Covax haben WHO und Gavi die Staaten aufgefordert, zunächst Gesundheitspersonal und ältere Menschen zu impfen. Ziel ist es, 20 Prozent der Weltbevölkerung zu immunisieren. Einigen Kritikern geht das nicht weit genug. Die Pandemie werde nicht enden, bevor keine Herdenimmunität erreicht sei, die deutlich über die reichen Staaten hinausgehe, die sich ihre eigenen Dosen gesichert haben, sagt Erich Friedman, Experte für Weltgesundheitsrecht an der Georgetown-Universität in Washington. 20 Prozent würden dafür nicht ausreichen.

RND/AP

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