Corona-Impfstoff: Deutsches Unternehmen IDT startet Tests an Menschen

  • Das Paul-Ehrlich-Institut hat die klinische Prüfung eines weiteren Impfstoffkandidaten gegen Covid-19 genehmigt.
  • Es handelt sich dabei um einen Vektorimpfstoff, der auf ein anderes Verfahren als die deutschen Konkurrenten Curevac und Biontech setzt.
  • Laut dem Pharmaunternehmen IDT Biologika stehen bereits Dosen für erste Tests mit Menschen bereit.
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Das in Dessau ansässige Unternehmen IDT Biologika kann mit der klinischen Prüfung seines möglichen Corona-Impfstoffs beginnen. Das Paul-Ehrlich-Institut genehmigte die klinische Phase-I-Studie des Impfstoffs. In dieser Phase wird der Impfstoff zunächst an 30 Freiwilligen ausprobiert. MVA-Sars-2-S heißt der Kandidat, er basiert auf einem Vektorverfahren. Die Ansätze sind schon vor mehr als 30 Jahren entstanden – als Impfstoff gegen Pocken. In den letzten Monaten haben Tierversuche mit Mäusen laut Paul-Ehrlich-Institut gezeigt, dass ein bestimmtes Protein, Spike genannt, schützende Wirkung gegen das Coronavirus entfalten kann. Nun gehe es darum, das Mittel auch am Menschen zu testen.

IDT Biologika hat den potenziellen Impfstoff gegen Sars-CoV-2 bereits abgefüllt. Rund 1000 Dosen stehen laut dem Unternehmen bereit für erste Tests an Menschen. Dafür kooperiert die Firma mit Wissenschaftlern des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF), der LMU München, der Universität Marburg und dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE).

Impfstoffzulassung Anfang 2021 in Europa erwartet

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In Kooperation mit den Kliniken soll gesunden Freiwilligen in Hamburg zwischen 18 und 55 Jahren der Impfstoff ab Oktober verabreicht werden. Danach werden sie rund sechs Monate beobachtet. Die klinische Prüfung leitet die UKE-Virologin Prof. Marylyn Addo. Ziele seien, die Sicherheit, Verträglichkeit und eine ausreichende Immunantwort zu überprüfen, erklärte die Impfexpertin bei einem Pressegespräch am Freitag.

Insgesamt gebe es weltweit 41 Impfstoffe gegen Sars-CoV-2 in klinischen Studien, sagte Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts. Man gehe davon aus, dass eine Impfstoffzulassung in Europa eher zu Beginn des kommenden Jahres stattfindet. So wie es aussehe, würden mehrere Impfstoffe parallel zum Einsatz kommen. Klar sei auch: “Wir werden eine Priorisierung durch die jeweilige Impfstoffkommission durchnehmen müssen.”

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Der Vorteil beim Entwickeln des vektorbasierten Impfstoffs von DZIF und IDT sei der Rückgriff auf Erfahrungen mit der Impfstoffentwicklung gegen das Sars-Coronavirus von 2002 und das Mers-Coronavirus. “Das ist unsere Blaupause gewesen, um auch schnell starten zu können in den Sars-CoV-2-Entwicklungsprozess”, betont auch Virologin Addo. Bei gutem Verlauf in den ersten klinischen Tests könnten in einer Phase II rund 600 Probanden den Impfstoff testen, in der abschließenden Phase rund 20.000 Personen.

Marylyn Addo ist Leiterin der Sektion Infektiologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. © Quelle: Axel Heimken/dpa

Impfstoffe aus Deutschland: IDT, Curevac, Biontech

Der von IDT Biologika produzierte und von deutschen Forschungseinrichtungen gemeinsam entwickelte Impfstoff ist nur einer von insgesamt drei Projekten aus Deutschland im Kampf gegen das Sars-CoV-2-Coronavirus. Auch die Pharmaunternehmen Biontech und Curevac sind im Rennen und bereits in fortgeschrittenen Phasen bei Studien an Menschen. Die Technologie von IDT unterscheidet sich von ihnen. Vektorimpfstoffe und mRNA-Impfstoffe unterscheiden sich laut Paul-Ehrlich-Institut in der Art der genetischen Information und darüber, wie diese in die Zellen gelangt:

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  • Bei der Vektorimpfung von IDT Bionika ist ein wichtiger Bauteil das Spike-Protein, ein Teil des Coronavirus. Es lässt den Erreger in die menschliche Zelle eindringen. “Die entsprechende Gensequenz, der Bauplan dieses Proteins, wurde mit der genetischen Information des MVA-Vektors kombiniert”, erklärt das an der Impfstoffforschung beteiligte Institut für Virologie der Marburger Universität auf seiner Homepage. Das entstandene Virus dringt dann bei einer Impfung in die Zellen ein und synthetisiert das Spike-Protein, das vom Immunsystem als “fremd” erkannt wird und damit die Immunantwort stimuliert. So bilden sich dann spezifische Antikörper und T-Zellen gegen das Spike-Protein, die dann eine spätere Infektion mit dem Virus wirksam bekämpfen sollen.
  • mRNA-Impfstoffe wie die von Curevac und Biontech benötigen für die Impfung keinen Vektor, also kein Trägervirus. Stattdessen brauchen sie flüssige Nanopartikel, die in einige Körperzellen gelangen müssen. Sie umfassen einen Bauplan des Antigens. Für die Anwendung am Menschen wurden bisher noch keine mRNA-Impfstoffe bis zur Zulassung entwickelt. Vorteile sind laut Paul-Ehrlich-Institut unter anderem die einfache Struktur der RNA und die Möglichkeit, in wenigen Wochen viele Millionen Impfdosen herzustellen.

Weitere Möglichkeit: Passive Impfung

Hoffnung beim Kampf gegen das Virus liegt auch auf bestimmten Antikörpern. Vielversprechende Ansätze entwickeln derzeit Forscher der Berliner Charité. Im RND-Interview sagte Projektkoordinator Jahob Kreye, dass sie Ende 2020 damit rechnen, erste Chargen aus industrieller Produktion für klinische Studien zur Verfügung zu haben.

Die Antikörper könnten zu einer Neutralisierung des Coronavirus und zu einer Abschwächung bei einer Infektion bis hin zu deren Verhinderung beitragen. Akut infizierten Patienten könnten per Infusion künstliche Varianten verabreicht werden – zur Prävention oder bei einem Verdacht auf Infektion. Dieses Vorgehen wird als passive Impfung bezeichnet. Der große Vorteil: Die Viren im menschlichen Körper werden sofort bekämpft. Der große Nachteil: Es wird dabei kein immunologisches Gedächtnis aufgebaut. Sprich: Immunität wird maximal drei Monate aufgebaut, danach kann kein Schutz gegen eine Sars-CoV-2-Infektion garantiert werden.

RND


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