„Kein Fehler des RKI“: Institut distanziert sich von Verantwortung für Diskrepanzen bei den Impfquoten

Ein Arzt zieht in einer Hausarztpraxis eine Spritze mit dem Impfstoff von Pfizer/Biontech auf.

Ein Arzt zieht in einer Hausarztpraxis eine Spritze mit dem Impfstoff von Pfizer/Biontech auf.

Berlin. In Deutschland gibt es wahrscheinlich mehr Corona-Geimpfte, als das Robert Koch-Institut (RKI) bisher vermeldet hatte. Nun distanziert sich die Forschungseinrichtung von der Verantwortlichkeit für die Diskrepanz bei den Impfquoten. „Für die Ermittlung der COVID-19-Impfquoten ist das RKI auf das Digitale Impfquotenmonitoring angewiesen“, teilt das RKI am Mittwoch in einer Pressemitteilung mit. Wie zuverlässig dieses Tool funktioniere, hänge von den impfenden Stellen ab. Dazu zählten Impfzentren, Impfteams, Krankenhäuser, Arztpraxen und Betriebsärztinnen und -ärzte. Diese übermittelten täglich, wie viele Menschen sie geimpft haben.

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Eine zu niedrige Erfassung sei demnach kein Fehler oder Versäumnis der Forschungseinrichtung. Passiere dies, liege das an unterbliebenen Meldungen von Impfzentren und Co. „Die Meldung der impfenden Stellen ist in Paragraf 4 der Coronavirus-Impfverordnung gesetzlich vorgeschrieben. Sie muss vollständig und zeitnah erfolgen, um den Impffortschritt in Deutschland so genau und aktuell wie möglich abbilden zu können“, sagt RKI-Chef Lothar Wieler. Die Behörde könne nur die Impfdaten veröffentlichen, die ihr übermittelt worden seien. Die Zahlen seien als „Mindestimpfquoten“ zu verstehen.

Impfquotenziele noch nicht erreicht

Außerdem betont das RKI, dass es bereits im August 2021 auf die Gefahr hingewiesen hatte, dass eventuell nicht alle Impfungen gemeldet worden sein könnten. Nachzulesen sei dies im COVIMO-Report vom 10. August 2021. Um das Impfgeschehen so umfassend wie möglich abzubilden, führe die Forschungseinrichtung weitere repräsentative Befragungen durch. Zu bedenken sei aber: An solchen Befragungen nähmen eher Menschen teil, die dem Impfen positiv gegenüber eingestellt sind.

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Laut aktueller Schätzung des RKI unter Berücksichtigung des Digitalen Impfquotenmonitorings und der Befragungen könnten bereits bis zu 84 Prozent der Erwachsenen einmal und bis zu 80 Prozent vollständig geimpft sein. Als Ziel gelte es, mindestens 85 Prozent aller Menschen im Alter von zwölf bis 59 Jahren zu impfen. Bei den Menschen ab 60 Jahren liege die Zielimpfquote bei 90 Prozent. „Selbst unter Berücksichtigung der oben genannten Schätzungen sind diese Impfquoten weiterhin noch nicht erreicht“, teilt die Behörde mit.

Drosten: Aufregung „komplett umsonst“

Der Berliner Virologe Christian Drosten nahm das RKI hingegen in Schutz. Die einseitige Schuldzuweisung ans RKI und Lothar Wieler halte er so nicht für gerechtfertigt, sagte der Experte von der Berliner Charité am Dienstag im Podcast „Coronavirus-Update“ bei NDR-Info. Das Thema sei auch nicht neu, das RKI weise schon länger auf die Problematik hin. Letztlich sei die öffentliche Aufregung um die Diskrepanz „komplett umsonst“, sagte Drosten. Die Situation habe sich nicht geändert.

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Am Mittwoch gab das RKI die gemeldete Quote der vollständig Geimpften unter Erwachsenen mit 76,0 an. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung sind demnach 65,4 Prozent vollständig geimpft.

Drosten über Aufregung um Impfquote: „Der totale Klamauk“

Wie hoch ist die Impfquote in Deutschland wirklich? Jüngst veröffentlichte Daten machen für den Virologen Christian Drosten keinen allzu großen Unterschied.

Pandemie-Lage schwer zu beurteilen

Drosten sprach sich dafür aus, Corona-Schutzmaßnahmen nur nach und nach zu lockern: „Das Allerwichtigste ist das Schließen der Impflücken. Und dann öffnen wir schrittweise, ein Schritt nach dem anderen.“ Die Quote solle „so hoch wie es geht“ gesteigert werden.

Laut der Frankfurter Virologin Sandra Ciesek ist die weitere Entwicklung der Pandemie in Deutschland momentan schwierig zu bewerten. Es sei aber schon öfter zu beobachten gewesen, dass die Infektionszahlen nach den Schulferien wieder steigen, sagte sie ebenfalls im NDR-„Coronavirus-Update“.

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Kein Schwellenwert vorgesehen

Die Infektionslage in Deutschland ist nun seit mehreren Wochen vergleichsweise stabil. Die 7-Tage-Inzidenz gab das RKI am Mittwoch mit 65,4 an, sie bewegt sich seit drei Wochen in einem Korridor zwischen 60 und 70. Die Zahl der in Kliniken aufgenommenen Corona-Patienten je 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen - den für eine mögliche Verschärfung der Corona-Beschränkungen wichtigsten Parameter - gab das RKI am Mittwoch mit 1,90 an, der Vergleichswert der Vorwoche lag bei 1,65. Ein bundesweiter Schwellenwert, ab wann die Lage kritisch zu sehen ist, ist unter anderem wegen großer regionaler Unterschiede nicht vorgesehen.

An dieser sogenannten Hospitalisierungsinzidenz „als Maß aller Dinge“ übte Ciesek Kritik: Der Virologin zufolge bildet der Indikator die tatsächliche Belastung in vielerlei Hinsicht ungenau ab. Sie sprach sich etwa dafür aus, sich die Lage der Universitätskliniken genauer anzuschauen, da diese die Covid-19-Patienten vorrangig behandelten. Auch innerhalb einzelner Krankenhäuser seien Abteilungen unterschiedlich stark belastet.

RND/saf/dpa

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