Impfpflicht im Frühjahr: Hätte das überhaupt noch einen Effekt?

  • Um die Omikron-Welle abzubremsen, käme eine allgemeine Impfpflicht zu spät.
  • Trotzdem empfiehlt der Ethikrat noch eine Ausweitung.
  • Denn wie viele Menschen gegen Covid-19 geimpft sind, ist auch im Frühjahr noch relevant.
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In Deutschland könnte es sehr wahrscheinlich eine allgemeine Corona-Impfpflicht geben. Das hat ein Großteil politischer Vertreter und Vertreterinnen bereits deutlich gemacht, wenngleich es aktuell noch Diskussionen gibt. Offen ist auch noch, ab wann ein neues Gesetz gelten würde – und wie die Impfpflicht konkret aussehen könnte. Der Bundestag will sich noch im Januar mit einer Impfpflicht befassen – allerdings erst einmal in Form einer Orientierungsdebatte.

Der Anteil der Grundimmunisierten stagniert seit Wochen auf einem ähnlichen Niveau bei rund 72 Prozent der Gesamtbevölkerung (Stand: 10. Januar). Momentan sieht es nicht danach aus, als ob sich daran etwas ändern würde: In verschiedenen Studien gibt ein Großteil befragter ungeimpfter Menschen an, sich unabhängig von Risiken, Impfangeboten und Einschränkungen in absehbarer Zeit nicht freiwillig impfen lassen zu wollen.

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Altersabhängige Impfpflicht: Union bereitet Antrag für über 50-Jährige vor
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Parallel zu den Ampelparteien will die Unionsfraktion im Bundestag einen Antrag für eine Impflicht erarbeiten. Diese soll altersabhängig sein.  © dpa
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Dilemma der Omikron-Welle: Impfpflicht kommt zu spät

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Kurzfristig ist aber auch nicht mit einer Entscheidung zur Impfpflicht zu rechnen. Bis diese frühestens wirkt, ist Frühling. Also dann, wenn die Fallzahlen wahrscheinlich sowieso wieder sinken, wie es der Bonner Virologe Hendrik Streeck zuletzt in Aussicht stellte. In der aktuellen Winterwelle wird die geplante Impfpflicht also nicht mehr dabei helfen, die Impflücken zu schließen.

So sieht das auch der Deutsche Ethikrat. In einer Empfehlung von Ende Dezember schreibt das Gremium, eine allgemeine Impfpflicht „wird die gegenwärtige vierte Infektionswelle nicht brechen können, da es einige Zeit dauert, bis bei den Personen, die sich wegen ihrer Einführung nunmehr impfen lassen, ein guter Immunschutz vorliegt“. Die Impfpflicht ändert also nichts an der aktuellen Corona-Lage. Trotzdem plädiert die Mehrheit der Expertinnen und Experten dafür, die Impfpflicht auch später noch auszuweiten.

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Doch welchen Effekt könnten eine Impfpflicht – und damit mehr Impfungen – in dieser Pandemiephase noch haben?

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Es braucht mehr Geimpfte für ein kontrolliertes Pandemieende

Corona bleibt – und damit auch der Wert von Impfungen. Selbst wenn sich sehr viele Menschen in diesem Winter infizieren, würde sich das Virus in einer endemischen Phase noch jahrelang in der Bevölkerung verbreiten – im Sommer womöglich etwas schwächer, im Winter wieder etwas stärker. Die Szenarien hat auch der Ethikrat im Blick und formuliert auch angesichts der Unsicherheiten das durch eine allgemeine Impfpflicht angestrebte Ziel, „gravierende negative Folgen möglicher künftiger Pandemiewellen“ abzuschwächen oder zu verhindern.

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Corona-Regeln: Mehrheit befürwortet 2G plus in der Gastronomie
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Über die Hälfte der Menschen in Deutschland begrüßt die 2G-plus-Regel in der Gastronomie. Bund und Länder hatten am Freitag eine 2G-plus-Regelung vereinbart.  © dpa

Corona-Impfungen schützen verlässlich vor Krankheit und Tod

Zu solchen Folgen zählen ein drohender Kollaps des Gesundheitssystems, viele Tote und viele Menschen, die langfristig gesundheitlich beeinträchtigt sind – sei es durch Covid-19 oder Long Covid. All das verhindert die breitflächige Impfung. Sie schützt, auch bei Omikron, zwar nur teilweise vor Ansteckung, aber verlässlich vor Krankheit und Tod. Man könnte nun argumentieren, dass durch Omikron sowieso sehr viele Menschen in Kontakt mit dem Coronavirus kommen. Ungebremst könnten sich fast alle Ungeimpften anstecken und auch ein Viertel der Geimpften, wie die Modelliererin Anita Schöbel, Leiterin des Instituts für Techno- und Wirtschaftsmathematik der Fraunhofer-Gesellschaft, dem RND Ende Dezember erklärte.

Aber selbst wenn man sich einmalig mit dem Virus angesteckt hat, wird die Impfung empfohlen. Denn nach einer Infektion lässt sich der Immunschutz bei Genesenen nach derzeitigem Wissensstand nicht genau bemessen. Es ist unklar, wie lange und gut sie vor erneuter Ansteckung und Erkrankung geschützt sind. Aufgrund einer widersprüchlichen Datenlage „kann gegenwärtig nicht sicher von einem ein Jahr anhaltenden Schutz Genesener ausgegangen werden“, hält die Gesellschaft für Virologie in einer im Dezember aktualisierten Stellungnahme fest. Unbestritten sei hingegen, dass die Impfung auch nach durchgemachter Infektion zu einem starken Anstieg der antiviralen Immunantwort führt. Deshalb empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) auch Genesenen drei Monate nach Erkrankung die Impfung.

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Impfpflicht für vulnerable Gruppen

Weitere Infektionswellen sind auch zu befürchten, weil der Immunschutz auch bei Geimpften nach derzeitiger Studienlage mit der Zeit absinkt. „Es sieht so aus, dass auch der Immunschutz Geboosterter nach drei Monaten wieder deutlich abnimmt“, erklärte die Virologin Sandra Ciesek im Gespräch mit dem Science Media Center (SMC).

Gerade wenn der qualitative Impfschutz mit der Zeit sinken sollte, würden möglichst hohe Impfquoten in der gesamten Bevölkerung wichtiger, erklärt auch der Ethikrat das Argument für die Impfpflicht. „Nur so könnten auch diejenigen geschützt werden, die immungeschwächt sind oder aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden sollten.“ Der Deutsche Ethikrat betont damit eine grundsätzliche moralische Verpflichtung, durch eine Impfung sich und andere zu schützen.

Risiko neuer Virusvarianten wird gesenkt

Sehr hohe Impfquoten sind nach der Omikron-Welle auch von Vorteil, um das Risiko des Entstehens neuer gefährlicher Virusvarianten zu reduzieren. „Für die Höhe dieses Risikos ist entscheidend, wie viele Menschen insgesamt infiziert sind und wie lange das Virus in ihren Körpern mutieren und weitergegeben werden kann“, fasst der Ethikrat zusammen. Durch eine Impfung werde die Anzahl der Infizierten reduziert. Bei denjenigen, die sich trotz Impfung infizieren, reduziere die Impfung die Verweildauer des Virus im Körper, da sie mit einer verstärkten Immunantwort auf die Infektion reagieren. Das heißt also: Nur wenn möglichst viele Menschen geimpft sind, können Virusvarianten auf lange Sicht nicht mehr entstehen und sich ausbreiten.

Immer wieder impfen? Ein denkbares Szenario

Nach der aktuellen Boosterkampagne könnten weitere Auffrischimpfungen für eine bestimmte Zeit, bestimmte Bevölkerungsgruppen oder regelmäßig notwendig werden. Die Impfstoffhersteller Biontech und Moderna sind gerade dabei, sich auf die Produktion neuer angepasster Impfstoffe für den Fall der Fälle vorzubereiten. „Nicht zuletzt angesichts der Virusvariante Omikron spricht vieles dafür, dass Folgeimpfungen notwendig sein werden“, schreibt auch der Ethikrat.

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