Impfpflicht für Lehrer und Erzieher: Ist das sinnvoll?

  • Kinder- und Jugendärztepräsident Thomas Fischbach fordert eine Impfpflicht für Lehrkräfte und Erziehende.
  • Ein Argument dafür: die Verantwortung, die der Job mit sich bringt.
  • Dagegen sprechen die Impfquote – und Ergebnisse aus Umfragen unter Ungeimpften.
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Erneut ist eine Corona-Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen im Gespräch. Es geht um Lehrkräfte, Erziehende in Kindertagesstätten und medizinisches Personal. „Wenn viele Beschäftigte in Kitas, Schulen und Kliniken Impfungen weiter verweigern, sollte der Gesetzgeber ernsthaft über eine Impfpflicht in diesen sensiblen Bereichen nachdenken“, forderte Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). „Wer mit vulnerablen Gruppen zu tun hat und die eigene Immunisierung ablehnt, hat seinen Verstand ausgeschaltet“, sagte er der „Neuen Osnabrücker Zeitung“.

Vor Schulbeginn nach den Sommerferien wurde die Debatte schon einmal angestoßen. Mitte Juli hatte sich der Humangenetiker Wolfram Henn vom Deutschen Ethikrat für eine Impfpflicht von Lehrkräften ausgesprochen. „Kinder können noch nicht geimpft werden, unterliegen der Schulpflicht und haben keine freie Lehrerwahl“, erklärte er die Beweggründe in einem Gastbeitrag in der „Augsburger Allgemeinen“. Menschen, die für andere professionelle Verantwortung übernehmen, müssten sich stärker als die Allgemeinheit in die Pflicht nehmen lassen.

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Hohe Impfquote bei Lehrkräften und Kita-Personal

Gewerkschaften und Verbände aus dem Bildungs- und Erziehungsbereich sprachen zuletzt davon, dass rund 90 Prozent der Lehrkräfte geimpft seien. Wie viele Lehrkräfte und Erziehende deutschlandweit tatsächlich geimpft sind, ist nicht erhoben. Allerdings gibt es Schätzungen. Eine Umfrage der Covimo-Studie, betreut durch das Robert Koch-Institut, hat bis Anfang Juni 84 Prozent Geimpfte in diesen Berufsgruppen ausgemacht.

Auch die Corona-KiTa-Studie hat ausgemacht, dass bis Mitte September über 80 Prozent des pädagogischen Personals in Kitas mindestens eine Impfung erhalten haben. Allerdings gibt es der Erhebung zufolge Unterschiede zwischen den Bundesländern: Während in Sachsen rund 60 Prozent geimpft sind, kommen Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen auf rund 90 Prozent.

Für Ethikexperte Henn ist eine hohe Impfquote allein allerdings kein Argument gegen eine Impfpflicht. „Selbstverständlich sind nach Bekunden der Lehrerverbände gut 90 Prozent ihrer Mitglieder geimpft“, sagte er im Gastbeitrag. „Löblich und gut, aber auch die restlichen 10 Prozent tragen eine selbstgewählte Verantwortung.“

Schutzkonzepte statt Impfpflicht in den Fokus rücken?

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach lehnt eine Impfpflicht für Lehrkräfte, Erzieherinnen und und Pflegepersonal hingegen ab. Lauterbach betonte, die Impfquote bei Lehrkräften und Kita-Personal sei sehr hoch. Das Problem in den Schulen und Kitas seien nicht die nicht geimpften Erzieher und Lehrer, sondern dass sich Kinder und Jugendliche gegenseitig ansteckten, sagte er der „Osnabrücker Zeitung“.

Auch die Vorsitzende der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft, Maike Finnern, sieht gegenwärtig andere Brennpunkte in den Schulen. „Die Politik hat nicht genug aufs Tempo gedrückt“, wird sie in einer GEW-Mitteilung von Ende September zitiert. „Die Sommerferien wurden wieder nicht genutzt, um Schulen und Kitas ausreichend gegen das Coronavirus zu wappnen. Uns stehen ein schwieriger Herbst und Winter bevor.“ Viele Klassenräume könnten immer noch nicht richtig gelüftet werden. Ein funktionierendes Raum- und Lüftungskonzept sei ein wichtiger Baustein – neben regelmäßigen Tests und Masketragen.

Aufklärung über die Impfung in Schulen und Kitas?

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Wie aber könnten die restlichen ungeimpften Lehrkräfte und Kita-Mitarbeitenden ohne Impfpflicht erreicht werden? Kommunikationsexpertinnen und Experten empfehlen auf Basis von Umfrageergebnissen unter Ungeimpften, vorerst noch verstärkt auf bessere Aufklärungs- und Informationsangebote zu setzen. „Unsichere Menschen wollen mit Argumenten und Informationen überzeugt werden, und nicht überredet. Sonst springen innere Widerstände an“, sagte etwa die Psychologin und Verhaltensökonomin Katrin Schmelz, die an der Universität Konstanz zur Impfmotivation forscht, dem RND.

Auch Dr. Felix Rebitschek, Gesundheitswissenschaftler an der Universität Potsdam, hat Zweifel, ob ein erhöhter Druck auf Ungeimpfte die zielführende Strategie ist. Mit Blick auf mögliche Auffrischungsimpfungen und weitere Pandemien in der Zukunft sei es kritisch zu sehen, wenn die Menschen die Impfung jetzt nicht als eine individuelle Risiko-Nutzen-Entscheidung erlebten. „Wie will man in Zukunft motivieren, wenn man auf Druck setzt?“, sagte Rebitschek Mitte September in einem Gespräch mit dem Science Media Center (SMC).

Er spreche sich dafür aus, Arbeitgeberverbände, Vereine und Gewerkschaften stärker an der Impfkampagne zu beteiligen. Sie könnten beispielsweise Ärztinnen und Ärzte vor Ort einladen und mit Informationsangeboten unentschlossene sowie die Impfung ablehnende Menschen erreichen.

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