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Fragen zur Impfpflichtdebatte: Sind nach der Omikron-Welle nicht sowieso alle immun?

Eine Impfpflicht für alle? Für Ältere? Oder doch nicht? Die politische Debatte ist noch nicht entschieden.

Ob eine Corona-Impfpflicht in Deutschland kommt und wie sie konkret aussieht, ist noch unklar und stark umstritten. Zwar gab es am Mittwoch eine erste Parlamentsdebatte. Diese diente aber vorerst als Orientierung. Verschiedene Anträge liegen auf dem Tisch: Einer gegen die Impfpflicht, einer, der verpflichtende Aufklärungsgespräche für alle noch Ungeimpften vorsieht und eine Impfpflicht für die Risikoaltersgruppe ab 50. Auch ein Antrag für eine allgemeine Impfpflicht ab 18 Jahren ist in Vorbereitung.

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Kurzfristig ist aber nicht mit einer politischen Entscheidung zur Impfpflicht zu rechnen. Bis diese frühestens wirkt, ist Frühling. Also dann, wenn die Fallzahlen wahrscheinlich sowieso wieder sinken, wie es das Bundesgesundheitsministerium und Fachleute erwarten. Haben dann nicht sowieso schon alle Menschen einen guten Immunschutz? Diese Frage spielt auch bei der politischen Abwägung eine Rolle. Eine Einordnung verschiedener Diskussionspunkte in der Debatte.

Sind durch Omikron nicht sowieso bald alle immunisiert?

In der Tat gehen Modellierungen des Forschungsinstituts IHME, auf das sich die Weltgesundheitsorganisation bezieht, davon aus, dass in den kommenden Wochen der Omikron-Welle rund die Hälfte der europäischen Bevölkerung in Kontakt mit dem Virus kommt. Alle sind das aber nicht. Und unter den 69,4 Millionen Erwachsenen sind laut dem Robert Koch-Institut (RKI) noch 15 Prozent nicht geimpft – bei Menschen ab 60 mit größerem Corona-Risiko 11,4 Prozent.

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Das Risiko, sich anzustecken, ist aktuell also so hoch wie nie. Ansteckung und Impfung schützen jedoch nicht zwangsläufig gut auf Dauer vor Covid-19. Schon jetzt empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) Genesenen drei Monate nach der Erkrankung eine Impfung, um einen ausreichenden Schutz zu garantieren. Nach einer Infektion lässt sich der Immunschutz bei Genesenen nach derzeitigem Wissensstand nicht genau bemessen. Es ist unklar, wie lange und gut sie vor erneuter Ansteckung und Erkrankung geschützt sind.

Aufgrund einer widersprüchlichen Datenlage „kann gegenwärtig nicht sicher von einem ein Jahr anhaltenden Schutz Genesener ausgegangen werden“, hält die Gesellschaft für Virologie in einer im Dezember aktualisierten Stellungnahme fest. Unbestritten sei hingegen, dass die Impfung auch nach durchgemachter Infektion zu einem starken Anstieg der antiviralen Immunantwort führt.

Und noch ist unklar, inwiefern sich weitere Varianten bilden und welche Eigenschaften sie mitbringen.

Sind nicht schon genügend Menschen geboostert?

Inzwischen sind mindestens 42,6 Millionen Menschen (51,3 Prozent) geboostert. Sie haben also meist drei Impfdosen bekommen und damit alle empfohlenen Impfungen. Viele zweimal Geimpfte dürften noch folgen. Auch bei geboosterten Geimpften sinkt der Immunschutz aber nach derzeitiger Studienlage mit der Zeit. „Es sieht so aus, dass auch der Immunschutz Geboosterter nach drei Monaten wieder deutlich abnimmt“, erklärte die Virologin Sandra Ciesek im Gespräch mit dem Science Media Center (SMC). „Nicht zuletzt angesichts der Virusvariante Omikron spricht vieles dafür, dass Folgeimpfungen notwendig sein werden“, schreibt der Ethikrat.

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Es könnte also sein, dass die Stiko im weiteren Verlauf der Corona-Krise weitere Impfungen empfehlen wird. Ob für alle Menschen, bestimmte Gruppen, in welchem zeitlichen Abstand – all das ist noch unklar. Das hängt an den Entwicklungen der Impfstoffhersteller wie Moderna und Biontech, aber auch daran, wie das Virus weiter mutiert und inwiefern neben dem Level an Antikörpern weitere Teile des Immunsystems vor einem schweren Verlauf schützen: T-Zellen etwa. Aber: Gerade wenn der qualitative Impfschutz mit der Zeit sinken sollte, würden möglichst hohe Impfquoten in der gesamten Bevölkerung wichtiger, erklärt der Deutsche Ethikrat, der sich in einer Stellungnahme mehrheitlich für eine Impfpflicht ausgesprochen hat. „Nur so könnten auch diejenigen geschützt werden, die immungeschwächt sind oder aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden sollten.“

Erkranken nicht vor allem Ältere?

„(…) das Risiko für eine schwere Erkrankung, daran zu versterben oder auf Intensivstation zu landen, wenn man geboostert ist, (war) mit Omikron noch nie so niedrig“, sagte die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek in einer Folge des NDR-Info Podcasts „Coronavirus Update“. Es stimmt auch, dass Ältere ab etwa 50 bis 60 Jahren mit steigender Tendenz ein höheres Risiko tragen, schwerer an Covid-19 zu erkranken und die medizinischen Vorteile einer Impfung bei ihnen besonders eindeutig ausfallen.

Moderna startet klinische Studie zu Omikron-Impfstoff

Der Hersteller Moderna hat seine erste klinische Studie zur Untersuchung eines speziell auf die Omikron-Variante zugeschnittenen Corona-Impfstoffs begonnen.

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Bei Covid-19 spielt aber nicht nur das Alter eine Rolle, wie das RKI festhält. Auch Menschen mit Vorerkrankungen wie Bluthochdruck, chronischen Lungen-, Leber- und Nierenerkrankungen, Demenz, Diabetes mellitus, Krebs und Immunschwäche tragen ein höheres Risiko. Adipöse Menschen, Schwangere, Menschen mit Trisomie 21 auch. Männer und Raucher sind im Vergleich mit anderen auch gefährdeter. Ganz grundsätzlich betont das RKI in seinem epidemiologischen Steckbrief zu Sars-CoV-2: „Schwere Verläufe können auch bei Personen ohne bekannte Vorerkrankung und bei jüngeren Patienten auftreten.“ In einer Analyse von Daten aus dem deutschen Meldesystem bis Februar 2021 wurden laut RKI rund 10 Prozent der in Deutschland übermittelten Corona-Fälle im Krankenhaus behandelt. Wie die Rate bei Omikron ausfällt, wird sich noch im Verlauf der Welle zeigen. Bisher gehen Fachleute davon aus, dass im Vergleich weniger Menschen im Krankenhaus behandelt werden müssen als noch in der Delta-Welle.

Kommt nicht eh bald die endemische Phase?

Mit Omikron könnte eine breite Bevölkerungsimmunität entstehen. Der Charité-Virologe Christian Drosten geht davon aus, dass Deutschland schon in diesem Jahr in eine endemische Phase kommen könnte. Dann wäre das Coronavirus aber nicht verschwunden. Es würden weiterhin Infektionen auftreten – im Sommer etwas weniger, im Winter wieder etwas mehr. Es erkranken also weiterhin Menschen an Covid-19, das Gesundheitssystem würde aber nicht mehr so stark wie in der pandemischen Phase belastet. Ein endemischer Zustand bedeutet nicht, dass das Virus plötzlich für alle gleichermaßen harmlos wird.

Welche Variante in einigen Monaten zirkulieren wird, lässt sich nicht vorhersagen.

Richard Neher

Experte für Virusevolution

Auf dem Weg zur Endemie gibt es zudem noch ein großes Fragezeichen: Ist Omikron tatsächlich die letzte problematische Virusvariante? Oder wird es einen Nachfolger geben, der noch einmal Einfluss auf das Infektionsgeschehen nimmt? Das ist im Moment schwer abzuschätzen. „Welche Variante in einigen Monaten zirkulieren wird, lässt sich nicht vorhersagen“, sagte etwa Richard Neher, Professor für Virusevolution an der Universität Basel. Es seien verschiedene Szenarien möglich.

So könnte sich die Omikron-Variante beispielsweise weiterentwickeln und neue Mutationen entstehen, die es der Virusvariante ermöglichen, sich noch schneller zu verbreiten oder die Immunantwort von Geimpften und Genesenen noch stärker zu umgehen. Die Delta-Variante könnte auch wiederaufleben – und ein durch Omikron hervorgerufener Immunschutz nicht ausreichen. „Es ist durchaus möglich, dass Delta wiederkommt“, sagt Neher, „aber es gibt im Moment innerhalb von Delta keine Varianten, die besonders besorgniserregend sind.“ Es könnte auch eine gänzlich neue Variante entstehen. Neue Virusvarianten müssen aber auch nicht immer besorgniserregend sein. Nicht alle besitzen Eigenschaften, mit denen sie sich gegen ihre Vorgänger durchsetzen können. Klar ist also nur: Omikron könnte nicht die letzte Corona-Variante sein, die uns Sorgen macht und eine endemische Phase verzögert. Bewiesen ist es nicht.

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Sehr hohe Impfquoten sind nach der Omikron-Welle aber von Vorteil, um ebendieses Risiko des Entstehens neuer gefährlicher Virusvarianten zu reduzieren. „Für die Höhe dieses Risikos ist entscheidend, wie viele Menschen insgesamt infiziert sind und wie lange das Virus in ihren Körpern mutieren und weitergegeben werden kann“, fasst der Ethikrat zusammen. Durch eine Impfung werde die Anzahl der Infizierten reduziert. Bei denjenigen, die sich trotz Impfung infizieren, reduziere die Impfung die Verweildauer des Virus im Körper, da sie mit einer verstärkten Immunantwort auf die Infektion reagieren. Das heißt also: Nur wenn möglichst viele Menschen geimpft sind, können Virusvarianten auf lange Sicht nicht mehr entstehen und sich ausbreiten.

Müssten die Impfstoffe nicht angepasst werden?

Zwar schützen die Boosterimpfungen mit den Mitteln von Biontech und Moderna besser vor einer Erkrankung und Ansteckung mit Omikron als nur die Grundimmunisierung. Trotzdem schwindet der Impfschutz nach bisherigen Erkenntnissen mit der Zeit wieder und ist auch nicht mehr so hoch wie bei vorherigen Varianten. Bis eine Impfpflicht in Kraft tritt, könnten bereits besser wirkende Mittel auf dem Markt sein.

Biontech und Pfizer haben bereits die Erprobung eines Impfstoffkandidaten gegen Omikron angekündigt. Dabei sollen Sicherheit, Verträglichkeit und Wirksamkeit geprüft werden, wie die beiden Unternehmen mitgeteilt haben. Die Studie soll bis zu 1420 Testpersonen umfassen, die in drei Gruppen unterteilt werden. Auch der Hersteller Moderna hat seine erste klinische Studie zur Untersuchung eines speziell auf die Omikron-Variante zugeschnittenen Corona-Impfstoffs begonnen. Insgesamt 600 Freiwillige – teils mit zwei oder bereits drei Injektionen – würden an 24 Standorten in den USA teilnehmen, teilte das Unternehmen diese Woche mit.

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Die Beständigkeit der Antikörper mit der normalen Booster-Impfung stimme zwar zuversichtlich, sagte Moderna-Chef Stéphane Bancel. „In Anbetracht der langfristigen Bedrohung durch die sogenannte Immunflucht von Omikron treiben wir unseren Omikron-spezifischen Impfstoffkandidaten dennoch weiter voran.“ Die Ergebnisse der Studien bleiben also abzuwarten – ebenso, in welche Richtung sich das Virus entwickelt.

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