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Ansteckung, Langzeitfolgen, Allergien: fünf Corona-Impfmythen im Faktencheck

  • Mythen rund um die Corona-Schutzimpfung gibt es viele – etwa, dass Covid-19-Geimpfte eine Gefahr für Ungeimpfte seien oder es keine Informationen zu Langzeitnebenwirkungen gebe.
  • Was ist dran an den Gerüchten?
  • Ein Faktencheck zu fünf populären Behauptungen.
Maximilian Hett
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Soll ich oder soll ich nicht? Mittlerweile ist das Impfen gegen das Coronavirus in Deutschland nicht mehr eine Frage der Verfügbarkeit – Impfstoff gibt es nun genug. Jeder, der sich impfen lassen möchte, kann das tun und bekommt relativ zeitnah einen Impftermin.

Obwohl das Impfen seit Monaten Dauerthema ist, sind viele Mythen im Umlauf. Besonders in den sozialen Netzwerken gibt es zahlreiche Gerüchte und teils auch irreführende Falsch­meldungen. Was stimmt rund um die Corona-Schutzimpfung – und was nicht? Fünf Mythen im Faktencheck:

Mythos 1: Covid-19-Geimpfte stellen eine Gefahr für Ungeimpfte dar

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Die These: Es gibt die Behauptung, die vor allem in sozialen Netzwerken verbreitet wird: Wer gegen das Coronavirus geimpft ist, soll Ungeimpfte mit dem Erreger infizieren können. Denn durch die Impfung scheiden Geimpfte das infektiöse Virus weiterhin aus. Dadurch gefährdeten geimpfte Personen Ungeimpfte.

Was die Wissenschaft sagt: Das ist nicht möglich. Die zugelassenen Impfstoffe gegen das Coronavirus enthalten allesamt keine Lebendviren, durch die theoretisch noch ein sehr geringes Risiko zur Ansteckung bestehen könnte. Hintergrund der kursierenden These ist das sogenannte Vaccine Shedding. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass es sich um einen Lebend­impfstoff handelt. Dieser enthält abgeschwächte Versionen eines Krankheitserregers, die die Erkrankung selbst nicht mehr auslösen. Der Vorteil ist, dass eine solche Impfung eine natürliche Infektion imitiert und der Schutz lange anhält.

Dabei kann es zum Vaccine Shedding kommen, wobei der Körper Viruspartikel aus einem Impfstoff freisetzt. So besteht hypothetisch ein Infektions­risiko für andere Menschen, berichtet das US-Magazin „Health“ – es sei aber äußerst gering. In Deutschland wird etwa bei Masern, Mumps und Windpocken auf Lebend­impfstoffe gesetzt.

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Bei den Corona-Impfstoffen handelt es sich aber nicht um Lebend­impfstoffe. Zwei der vier in Deutschland zugelassenen Vakzine sind mRNA-Impfstoffe (Biontech/Pfizer und Moderna). Bei einer Impfung werden dem Körper per Boten-RNA Informationen übermittelt, die die Zellen dazu bringen, ein bestimmtes Protein des Virus zu produzieren. Das löst eine Immun­antwort im menschlichen Körper aus. Die Impfstoffe von Astrazeneca und Johnson & Johnson sind Vektor­impfstoffe. Sie nutzen Vektoren, harmlose und bereits inaktivierte Viren, die genetische Informationen des Coronavirus übermitteln. Auch hier sind keine infektiösen Viren mehr enthalten.

Mythos 2: Langzeitnebenwirkungen der Impfstoffe sind wahrscheinlich

Die These: Die Coronavirus-Pandemie gibt es erst seit dem Frühling vergangenen Jahres und die Impfstoffe gegen das Virus seien im Eilverfahren entwickelt worden. Wie könne man da wissen, ob es nicht Langzeitnebenwirkungen der Impfung gibt?

Was die Wissenschaft sagt: Komplett auszuschließen sind Langzeitnebenwirkungen nicht – sie sind aber sehr unwahrscheinlich. „Die meisten Nebenwirkungen von Impfungen treten innerhalb weniger Stunden oder Tage auf. In seltenen Fällen auch mal nach Wochen“, erklärte beispielsweise Susanne Stöcker, Presse­sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts dem ZDF.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler betonen, es müsse zwischen Langzeitnebenwirkungen und Langzeitfolgen unterschieden werden. „Das Wort ‚Langzeit­schaden‘ hat sich hier im täglichen Sprach­gebrauch etabliert und wird vielfach fälschlich – übertragen auf die aktuelle Situation – interpretiert als ‚Schaden, den die Impfung erst nach langer Zeit verursacht‘“, schrieb etwa Petra Falb, Gutachterin in der Zulassung für Impfstoffe beim öster­reichischen Bundesamt für Sicherheit im Gesundheits­wesen, in einem eigenen Blog.

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Es sei bei manchen Impfstoffen durchaus zu jahrelangen Impfschäden gekommen. So habe etwa eine frühere Pocken­impfung eine Gehirn­entzündung ausgelöst. „Das Auftreten dieser Schädigung geschah zeitnah, nicht erst nach Jahren, auch wenn die Auswirkungen jahrelang bestehen blieben.“ Die bei den Covid-19-Impfstoffen bislang beobachtbaren Nebenwirkungen verschwanden aber zum Großteil nach wenigen Tagen wieder – und entstanden im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung selbst.

Ob es in seltenen Fällen zu langfristigen Schäden durch die Impfung kommen kann, die auch über einen langen Zeitraum anhalten, ist noch nicht klar. Bevor Impfstoffe zugelassen werden, müssen sie großangelegte klinische Prüfungen durchlaufen. Allerdings treten manche Neben­wirkungen so selten auf, dass sie sich erst zeigen, wenn sehr viele Menschen geimpft wurden. Die in Deutschland genutzten Impfstoffe haben eine bedingte Zulassung erhalten.

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Das bedeutet, dass der Vorteil der sofortigen Verfügbarkeit das Risiko fehlender Lang­zeit­daten deutlich überwiegt, schreibt das Paul-Ehrlich-Institut. Trotz Zulassung sind die Hersteller von Impfstoffen weiterhin dazu verpflichtet, Sicherheits­daten zu liefern. Mit der Smartphone-App Safevac können Bürgerinnen und Bürger zudem an die Behörden melden, wie sie die Impfung vertragen haben.

Mythos 3: Wer Allergien hat, sollte nicht geimpft werden

Die These: Bei allen zugelassenen Impf­stoffen kann es in sehr seltenen Fällen zu starken allergischen Reaktionen kommen. Teilweise besteht das Gerücht, Allergikerinnen und Allergiker sollten sich deshalb nicht gegen das Coronavirus impfen lassen.

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Was die Wissenschaft sagt: Bei schweren allergischen Reaktionen auf die Corona-Schutzimpfung handelt es sich um sehr seltene Ausnahmefälle. Es wird nicht generell von einer Impfung gegen Covid-19 bei bestehenden Allergien abgeraten.

Eine schwere, teils sogar lebens­bedrohliche Reaktion wird als Ana­phylaxie bezeichnet. Wie das Paul-Ehrlich-Institut schreibt, wurden bis zum 31. Mai 2021 insgesamt 175 Anaphylaxiefälle gezählt – bei mehr als 50 Millionen Impfungen. Betroffen waren die Impfstoffe von Astrazeneca, Biontech/Pfizer und Moderna. Daneben gab es 118 Verdachts­fälle, die sich auf alle vier zugelassenen Vakzine und somit auch auf den Impfstoff von Johnson & Johnson verteilten.

Auch Allergikerinnen und Allergiker beziehungs­weise Menschen, die bereits Ana­phylaxien hatten, können die Corona-Schutz­impfung erhalten. Wer allerdings eine Allergie gegen einen im Impfstoff enthaltenen Wirkstoff hat, sollte mit diesem Impfstoff nicht geimpft werden – sondern auf ein anderes Vakzin umsteigen. Das ist im Gespräch mit dem Impfarzt oder der Impfärztin zu klären. Bei wem nach der Erstimpfung eine Ana­phylaxie auftrat, sollte keine zweite Dosis desselben Impfstoffes mehr erhalten.

Wie alle anderen geimpften Personen auch, sollten Allergikerinnen und Allergiker nach der Impfung mindestens 15 Minuten lang unter ärztlicher Beobachtung bleiben. Sollte es im Fall der Fälle zu einer schweren allergischen Reaktion kommen, können Betroffene dann im Regelfall gut schnell behandelt werden. Dazu gehören Adrenalin­spritzen, kreislauf­stabili­sierende Medikamente, eine Infusion und Mittel, die die Atemwege freihalten, sagte der Allergologe Ludger Klimek im einem Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

Mythos 4: Die Impfung kann für Menschen mit Rheuma gefährlich sein

Die These: Immer wieder ist von Gefahren für Rheuma­patientinnen und -patienten durch eine Corona-Impfung die Rede. Fachfremde Personen raten oftmals dazu, dass Betroffene sich nicht impfen lassen sollten.

Was die Wissenschaft sagt: Das Gegenteil ist der Fall. Die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie empfiehlt die Corona-Schutzimpfung ausdrücklich. In einer Presse­mitteilung verurteilte die Fach­gesellschaft auch Falsch­meldungen, die besagen, dass von einer Impfung abzuraten sei.

„Die Falsch­informationen zur Impfung sind nicht nur unbegründet, sie sind sogar potenziell lebensgefährlich für die Betroffenen, denen man die Impfung verwehrt“, wird Andreas Krause, ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin am Immanuel Kranken­haus Berlin, zitiert.

Studien, die sich mit dem Neben­wirkungs­profil der Impfungen speziell bei Rheuma­patienten befassen, sind bislang dünn gesät. „Die Erhebungen, die es gibt, deuten jedoch nicht auf eine besondere Unverträglichkeit hin“, sagt Krause. Auch bei weltweit nunmehr 2,4 Milliarden verabreichten Impfungen gebe es keinen Anhaltspunkt dafür, dass Rheuma­patientinnen und -patienten mit mehr oder schwereren Neben­wirkungen zu rechnen hätten.

Generell können alle vier in der EU zugelassenen Covid-19-Impfstoffe auch für diese Patientengruppe als sicher und wirksam gelten. Allerdings raten die DGRh-Experten dazu, bei Menschen, deren rheumatische Grund­erkrankung mit einer Störung der Blut­gerinnung verbunden ist – etwa bei einem Anti­phospho­lipid-Syndrom oder einer Immun­thrombo­penie – eher einen mRNA-Impfstoff zu verwenden.

Mythos 5: Wer schon mal infiziert war, braucht keine Impfung

Die These: Es gibt Behauptungen, als Genesener brauche man keine Impfung gegen das Coronavirus. Schließlich hätten Betroffene ja bereits ausreichend Antikörper gebildet.

Was die Wissenschaft sagt: Auch für Personen, die bereits mit dem Coronavirus infiziert waren, ist die Schutzimpfung noch sinnvoll. Es ist noch unklar, wie lange Genesene nach einer Infektion geschützt sind. Derzeit gehen Expertinnen und Experten davon aus, dass der Schutz nach einer Infektion mindestens sechs Monate anhält. Mit einer Impfung nach einer Genesung sei sichergestellt, dass Betroffene weiterhin voll geschützt seien, sagte Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, wie das „Ärzteblatt“ berichtete.

Auch Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts, sagte dem Bericht zufolge, geimpfte Genesene hätten einen sehr guten Immunschutz. Im Gegensatz zu Menschen, die nicht am Coronavirus erkrankt sind, brauchen Genesene nur eine statt zwei Impfungen der Wirkstoffe von Moderna, Biontech/Pfizer und Astrazeneca. Die Ständige Impfkommission empfiehlt, die Impfung sechs Monate nach der Infektion durchzuführen.

Da mittlerweile immer mehr Impfstoff verfügbar ist, kann eine Impfung bereits vier Wochen nach Ende der Symptome beziehungsweise bei einem Krankheits­verlauf ohne Symptome vier Wochen nach Labor­diagnose erfolgen.

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