Studien: Immunschutz bei Genesenen hält länger als ein halbes Jahr – ab wann ist eine Impfung nötig?

  • Wer eine erste Infektion mit dem Coronavirus durchgemacht hat, ist nur sechs Monate lang von Beschränkungen ausgenommen.
  • Studien deuten jedoch darauf hin, dass eine natürlich erworbene Immunität auch nach einem halben Jahr noch sehr gut ist.
  • Genesene sind wahrscheinlich sogar besser vor einer neuen Infektion geschützt als Geimpfte.
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Ein halbes Jahr nach einer durchgemachten Infektion mit dem Coronavirus wird der Status als „Genesener“ ungültig. Nur mit einer einmaligen Impfung sind Betroffene dann noch von Beschränkungen ausgenommen. Dabei hält die natürlich erworbene Immunität durchaus auch länger als ein halbes Jahr an und schützt Studien zufolge wahrscheinlich besser vor einer erneuten Infektion als eine Impfung.

Eine Untersuchung zum Immunschutz Genesener wurde im Wissenschaftsmagazin „The Lancet“ veröffentlicht. Britische Forschende hatten die Daten von 682 Bewohnerinnen und Bewohnern und 1429 Pflegerinnen und Pflegern in rund 100 Pflegeheimen in England ausgewertet. Pflegeheimbewohner und -bewohnerinnen, die sich während der ersten Welle im Frühjahr 2020 infiziert hatten, waren demnach auch noch bis zu zehn Monate später zu 85 Prozent vor einer Neuinfektion geschützt. Pfleger und Pflegerinnen waren zu 60 Prozent geschützt.

Der Auswertung einer britischen Biobank zufolge hatten 88 Prozent von mehr als 1000 Genesenen auch sechs Monate nach einer Infektion noch Antikörper gegen das Virus im Blut, ein Hinweis auf eine gute Immunität. Und eine Studie aus Dänemark, die in „The Lancet“ veröffentlicht wurde, hatte ergeben, dass Genesene nach sechs Monaten noch zu etwa 80 Prozent vor einer Neuinfektion geschützt waren. Personen über 65 Jahren waren in der dänischen Untersuchung ein halbes Jahr nach der Genesung nur noch zu etwa 50 Prozent vor der Infektion geschützt. Allerdings gilt auch für den Impfschutz, dass dieser vor allem bei älteren Menschen mit der Zeit deutlich abnimmt.

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Natürlicher Immunschutz fällt wahrscheinlich robuster aus

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Die Untersuchungen zum Immunschutz bei Genesenen wurden vor der Ausbreitung der Delta-Variante durchgeführt. Der Schutz vor der neuen Variante scheint aber bei Genesenen im Vergleich zu Geimpften sogar stärker ausgeprägt zu sein. So kann die Impfung seit der Ausbreitung der Variante Delta zwar noch in den meisten Fällen vor schweren Verläufen schützen, Infektionen mit dem neuen Erreger werden aber nur noch zu etwa 50 Prozent verhindert.

Eine Studie aus Israel konnte zeigen, dass das Risiko, sich zu infizieren, bei der Delta-Variante 13-mal niedriger ist als für vollständig Geimpfte. So richtet sich die Immunantwort nach einer durchgemachten Infektion gegen das gesamte Virus. Bei den Impfungen wird hingegen nur eine Immunreaktion gegen das Spike-Protein erzeugt. Weist eine neue Mutante Veränderungen in dieser Region auf, kann der Impfschutz deutlich schwächer ausfallen. Die natürliche Immunantwort Genesener wird offenbar weniger stark beeinträchtigt.

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Auch Experten wie der Epidemiologe Klaus Stöhr oder der Charité-Virologe Christian Drosten glauben, dass die natürliche Immunantwort wahrscheinlich robuster ausfällt als der Schutz durch eine Impfung. Drosten hatte vor Kurzem sogar im NDR-Info-Podcast gesagt, er hoffe, sich irgendwann zusätzlich zu seinem Impfschutz eine natürliche Immunität zu erwerben, indem er sich infiziert.

Antikörpertest als Nachweis einer Genesung

Bisher werden Genesene im Alltag trotzdem nur in den ersten sechs Monaten nach der Infektion mit Geimpften gleichgestellt und auch nur dann, wenn sie ihre Infektion bemerkt haben und diese durch einen PCR-Test bestätigt wurde. Dann müssen sie sich impfen lassen, um weiterhin von Beschränkungen ausgenommen zu werden.

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Denkbar wäre aber auch ein anderes Modell: In Österreich werden Antikörpertests als Nachweis einer durchgemachten Infektion akzeptiert, bei denen nicht der Zeitpunkt einer durchgemachten Infektion, sondern der Immunstatus ausschlaggebend ist. Bei einem positivem Antikörpernachweis müssen sich Genesene während der nächsten drei Monate nicht testen lassen, dann kann der Test erneuert werden. Epidemiologe Klaus Stöhr forderte, den Nachweis auch in Deutschland zu akzeptieren: Ein guter Teil der Bevölkerung sei inzwischen genesen. Das könne man in Blutproben gut nachweisen, bei Kosten von 20 bis 30 Euro, schreibt Stöhr bei Twitter. Er sehe „keinen Grund dafür“, dass der Antikörpernachweis nicht auch als Nachweis der überstandenen Infektion gewertet werde.

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