Lockdown im Kreis Gütersloh: Das sagen Wissenschaftler zu den Corona-Maßnahmen in NRW

  • Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet hat für den Kreis Gütersloh einen vorübergehenden Lockdown bis zum 30. Juni verhängt.
  • Auslöser ist der Corona-Ausbruch beim Fleischverarbeiter Tönnies.
  • Nach Meinung einiger Wissenschaftler ist die Dauer der Corona-Maßnahme allerdings zu kurz.
Laura Beigel
David Sander
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Gütersloh. Der Corona-Ausbruch beim Fleischverarbeiter Tönnies in Rheda-Wiedenbrück zieht weite Kreise: Inzwischen haben sich mehr als 1500 Mitarbeiter nachweislich mit dem Coronavirus infiziert. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hat jetzt Konsequenzen gezogen und einen Lockdown für den Kreis Gütersloh verhängt.

Kreis Gütersloh: Lockdown gilt bis zum 30. Juni

Dabei handele es sich um “eine prophylaktische Maßnahme”, die vorerst bis zum 30. Juni gelte, betonte Laschet am Dienstag in Düsseldorf. Die Einwohner des Kreises Gütersloh dürfen sich ab jetzt wieder nur mit Personen des eigenen oder zwei Personen eines anderen Hausstandes treffen. Sport in geschlossenen Räumen, Picknick im Freien sowie zahlreiche Kulturveranstaltungen werden beispielsweise verboten.

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Laschet verhängt Lockdown über Region Gütersloh
2:03 min
“Wir haben es im Kreis Gütersloh mit dem bisher größten einzelnen Infektionsgeschehen in Nordrhein-Westfalen und in Deutschland zu tun”, so Armin Laschet.  © Reuters

Diese Einschränkungen werde man aber “so schnell wie möglich wieder zurücknehmen, wenn wir Sicherheit über das Infektionsgeschehen haben”, sagte der Ministerpräsident. Doch wie sinnvoll ist diese neu aufgelegte Vorsichtsmaßnahme? Und kommt der Lockdown vielleicht sogar zu spät?

Zeitraum der Einschränkung ist zu kurz

“Der zeitlich beschränkte Lockdown kann aktuell nur dazu dienen, einen besseren Überblick zu erhalten, ohne von der Dynamik des Ausbruchsgeschehens überrollt zu werden”, sagt Prof. Philipp Henneke, Professor für Klinische Infektionsimmunologie und Leiter der Sektion für Pädiatrische Infektiologie und Rheumatologie am Universitätsklinikum Freiburg. “Für eine wirksame Eindämmung des Infektionsgeschehens ist er zu kurz.”

Auch der Epidemiologe Prof. Timo Ulrichs von der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin plädiert für einen längeren Lockdown: “Um sicherzugehen, dass die Lockdownmaßnahmen wirklich zu einer Eindämmung beitragen, müssten sie mindestens zwei, besser drei Wochen angewendet werden.”

Lockdown gilt auch für Nachbarkreis Warendorf

Zudem müssten Nachbarkreise in die allgemeinen Eindämmungsmaßnahmen mit einbezogen werden, damit sich der Corona-Hotspot nicht einfach verlagert, so Ulrichs. Das Gesundheitsministerium in Nordrhein-Westfalen hat bereits reagiert: Der verhängte Lockdown gelte nicht nur für den Kreis Gütersloh, sondern auch für den benachbarten Kreis Warendorf, wie Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) am Dienstag bekannt gab.

In Warendorf wurden zuletzt 68 Corona-Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner gezählt. Die von Bund und Ländern festgelegte Grenze von 50 Infektionen pro 100.000 Einwohner ist damit deutlich überschritten.

Noch unentdeckte Infektionsfälle möglich

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Prof. Rafael Mikolajczyk, Direktor des Instituts für Medizinische Epidemiologie, Biometrie und Informatik an der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, warnt zudem davor, dass es inzwischen viele weitere Personen geben könnte, die sich bereits mit dem Sars-CoV-2-Erreger infiziert haben, aber im Test noch nicht positiv sind – oder auch bisher nicht getestet wurden.

Eine sorgfältige Kontaktverfolgung von Infizierten sowie eine breite Corona-Testung hält Mikolajczyk deshalb für unerlässlich: “Wo Testkapazitäten vorhanden sind, sollte man nicht sparen.” Zusätzlich zum Lockdown könnte durch diese Maßnahmen die Corona-Ausbreitung im Kreis Gütersloh eingegrenzt werden.

R-Wert von lokalen Ausbrüchen geprägt

Das würde sich wiederum auch auf die Reproduktionszahl auswirken. Wie das Robert-Koch-Institut (RKI) bei einem Pressebriefing am Dienstagmorgen mitteilte, ist der R-Wert merklich gestiegen. Der sensitive R-Wert, der auf der Basis von vier Tagen errechnet wird, liegt aktuell bei 2,76. Den stabilen R-Wert, der auf Basis von sieben Tagen errechnet wird, gibt das RKI mit 1,83 an.

“Nach unserer Ansicht stehen auch dafür die lokalen Ausbrüche vor allem in der Verantwortung”, sagte Lothar Wieler, Präsident des RKI. Er erinnerte zudem daran, dass der R-Wert bei täglich niedrigen Fallzahlen “mit besonderer Vorsicht” interpretiert werden müsse.

Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts: “Nach unserer Ansicht stehen auch dafür die lokalen Ausbrüche vor allem in der Verantwortung.”. © Quelle: Getty Images

Zu den in Nordrhein-Westfalen verhängten Maßnahmen wollte sich das RKI nicht äußern. Stattdessen vertraue das Institut bei Corona-Ausbrüchen auf die Entscheidungen der lokalen Behörden.

Infektiologe: Es hätten schon eher Maßnahmen ergriffen werden sollen

Doch haben die Behörden in Nordrhein-Westfalen am Ende wirklich die richtige Entscheidung getroffen? Der Epidemiologe Prof. Ulrichs könnte sich vorstellen, dass “womöglich die bisherigen – nur gelockerten, aber nicht aufgehobenen – allgemeinen Kontaktsperremaßnahmen zusammen mit den Eindämmungsmaßnahmen ausgereicht hätten, um den lokalen Ausbruch unter Kontrolle zu bringen.”

Ministerpräsident Laschet hatte selbst lange Zeit mit einem Lockdown gehadert. “Angesichts des seit (mindestens) letzten Mittwoch bekannten Ausmaßes, das seither stetig zunimmt, hätte man bereits zum damaligen Zeitpunkt weiter reichende Maßnahmen als die Abriegelung des Betriebs und das Unter-Quarantäne-Stellen der Betriebsangehörigen ergreifen sollen”, meint zudem Matthias Stoll, Infektiologe an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH).

Und er legt nach: “Da bereits damals die zuvor vereinbarte Grenze von 50 pro 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche überschritten war, würde ich sogar meinen, dass die Verantwortlichen dazu verpflichtet gewesen wären.” Deshalb hält Stoll es für gut, dass jetzt weitere Maßnahmen ergriffen werden.

Corona-Ausbruch als Warnschuss

Der Lockdown soll die Situation im Kreis Gütersloh beruhigen und gleichzeitig die Möglichkeit bieten, weitere Corona-Tests durchzuführen, um zu schauen, ob sich das Virus über die Tönnies-Mitarbeiter hinaus bereits in der Bevölkerung verbreitet hat.

Nach Ansicht von Prof. Ulrichs ist der Corona-Ausbruch in Nordrhein-Westfalen aber auch ein Warnschuss: “Er zeigt, dass wir in unseren Bemühungen auch über die Sommermonate nicht nachlassen dürfen und dass das Virus jede Schwachstelle sofort für eine Wiederverbreitung ausnutzt.”

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