Corona-Impfung im Bann der Fake News: Wie Impfgegner im Internet Angst schüren

  • In den sozialen Netzwerken toben laut einer neuen Studie riesige Desinformations­kampagnen zu Covid-Impfstoffen.
  • Prominente Virologen und Politiker stehen besonders im Fokus und befürchten zum Teil Angriffe auf ihre Familien.
  • Expertinnen und Experten fordern ein strengeres Vorgehen von Plattformen und der Politik.
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Erstmals hat eine Studie systematisch Beiträge von Impfgegnern in sozialen Netzwerken untersucht. Der Deutschland-Ableger des Londoner Thinktanks Institute for Strategic Dialogue hat über 400.000 Posts der impfskeptischen Szene in den sozialen Netzwerken ausgewertet – von Facebook und Twitter bis hin zu Instagram und Telegram. Mitautorin Hannah Winter sagt dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND): „Es geht den Impfgegnern darum, den größtmöglichen Vertrauensverlust zu erzeugen.“ Sie warnt davor, dass impfstoff­bezogene Desinformations­kampagnen im Netz für die Pandemie­bekämpfung sehr gefährlich seien und Auswirkungen auf die Impfbereitschaft und die Einhaltung der allgemeinen Corona-Maßnahmen haben könnten.

Doch auch über die Pandemie hinaus können die impfskeptischen Beiträge Folgen für die Gesellschaft haben: „Längerfristig können sie ein Einfallstor dafür sein, eine breite Skepsis gegenüber Fakten und politischen Institutionen zu entwickeln“, sagt Winter dem RND. Die Verschwörungs­mythen und Falsch­informationen könnten zu einem generellen Misstrauen und einer „nachhaltig gespaltenen Gesellschaft“ führen, so die Studie (PDF).

„Impftote“ und „Impfschäden“: Impfgegner schüren Ängste

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Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben sechs Narrative identifiziert, mit denen Impfgegner in sozialen Netzwerken Ängste schüren. Die Beiträge würden dazu „immer wieder Einzelfälle aufgreifen, wie wir es beispielsweise bei einem unserer Hauptnarrative, dem der ‚Impftoten‘, gesehen haben“, erklärte Winter. In diesen Beiträgen suggerieren Impfgegner, dass die Covid-Impfung ein hohes Sterberisiko bergen würde und dass die Nebenwirkungen gefährlicher seien als das Virus selbst. „Manchmal werden hierbei auch wahrheitsgemäße Informationen gezielt aus dem Kontext gerissen und falsch interpretiert. In diesem Fall handelt es sich dann um Malinformationen, nicht um Desinformationen“, so Winter.

„Ansonsten haben wir auch einiges zu Impfschäden und Unfruchtbarkeit gesehen“, sagt die Mitautorin dem RND. Bei Befragungen von Medizinern haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zum Beispiel häufig den Kommentar gehört, dass vor allem Frauen in der Pflege sich Sorgen machen, ob sie nach der Impfung noch schwanger werden könnten oder möglicherweise unfruchtbar seien.

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Impfgegner­kanäle erleben Boom in der Pandemie

In den sozialen Netzwerken haben die Impfgegner und ihre Kanäle in der Corona-Pandemie einen enormen Zulauf bekommen: „Vor allem auf Telegram ist die Leserschaft um bis zu 471 Prozent gestiegen, aber auch auf Facebook stiegen die Followerzahlen in Gruppen auf bis zu 4,5 Millionen Nutzer – darunter auch Doppel­mitglied­schaften“, sagt Wissenschaftlerin Hannah Winter nach Auswertung von über 400.000 Beiträgen. Facebookseiten und -gruppen mit impfskeptischen Beiträgen verzeichneten in der Pandemie ein Wachstum im zweistelligen Bereich, bei Instagram gab es sogar ein Wachstum von 189 Prozent.

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„Wir haben in unserer Studie gesehen, dass es überzeugte Impfgegner gibt – das sind laut Studien 2 bis 5 Prozent der Bevölkerung – und eine deutlich größere Gruppe an Impfskeptikern“, sagt Winter. Sie warnt, dass sich die Community der Impfgegner an die breite Bevölkerung richte und gezielt versuche, die eigenen Ansichten zu verbreiten.

Immer wieder kommt es vor, dass vermeintlich harmlose Gruppen in sozialen Netzwerken von Impfgegnern gekapert werden. „Konkret gab es beispielsweise eine Gruppe, die vom Namen her Hilfe zu Hartz IV anbietet, sich allerdings entwickelt hat zu einer reinen Desinformations­gruppe zu Covid-Impfstoffen“, berichtet die Wissenschaftlerin.

Wer steht im Fokus der Desinformations­kampagnen?

In den 400.000 analysierten Beiträgen der Impfgegner werden immer wieder die gleichen Wissenschaftler, Politiker und Institutionen diskreditiert und angefeindet. In einer exklusiven Auswertung für das RND, wer in den impfskeptischen Beiträgen am häufigsten genannt wird, zeigt sich folgende Verteilung:

  1. Das Robert-Koch-Institut (RKI)
  2. Virologe Christian Drosten
  3. SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach
  4. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO)
  5. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn
  6. RKI-Präsident Lothar Wieler
  7. Virologe Hendrik Streeck
  8. Das Paul-Ehrlich-Institut
  9. Virologin Melanie Brinkmann
  10. Virologe Anthony Fauci

Laut der Studie enthalte etwa jeder zehnte Post der Impfgegner Anfeindungen und Diskreditierungsversuche gegen Wissenschaftler und Ärzte, die die Impfkampagne unterstützen. Besonders viele dieser Beiträge gab es Mitte März sowie nach dem AstraZeneca-Impfstopp, so die Studie.

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Lauterbach: Bin nicht überrascht

SPD-Gesundheits­politiker Karl Lauterbach sagt dem RND, es überrasche ihn nicht, dass gerade er besonders im Fokus der Impfgegner und Impfskeptiker stehe. „Ich spüre das jeden Tag in den sozialen Medien – in Drohpost, Briefen und in Aufrufen zu Gewalt, die ich auch regelmäßig zur Anzeige bringe.“

Lauterbach zeigt sich im Gespräch mit dem RND besorgt: „Man versucht, mich zu diskreditieren, und das ist in dreierlei Hinsicht eine Gefahr: Menschen wie mich gefährdet das direkt, etwa wenn im Netz zu Gewalt gegen mich aufgerufen wird. Bürgerinnen und Bürger werden verwirrt, zögern mit der Impfung und werden möglicherweise schwer krank. Und das dritte Problem ist, dass wichtige Wissenschaftler und Politiker, die schon einmal angefeindet und diskreditiert wurden, sich aus dem öffentlichen Diskurs zurückziehen.“

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Stiko-Vorsitzender: Desinformationen zu Covid-Impfungen problematisch

Das RKI und sein Präsident Lothar Wieler tauchen besonders häufig in den Beiträgen der Impfgegner auf. Auch die Ständige Impfkommission (Stiko), ein unabhängiges Gremium von Expertinnen und Experten, ist am RKI angesiedelt. Stiko-Vorsitzender Thomas Mertens kritisiert gegenüber dem RND die vielen Desinformationen über Covid-Impfstoffe im Internet: „Da es bereits nicht leicht ist, gute, verständliche und korrekte Informationen für Menschen mit sehr unterschiedlicher Vorinformation zur Verfügung zu stellen, ist es natürlich sehr problematisch.“ Mertens betrachtet die Diskreditierung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als große Gefahr: „Es ist wichtig, ein grundsätzliches Vertrauen in die Wissenschaft und eine wissenschaftliche Vorgehensweise in der Bevölkerung zu schaffen und zu fördern.“

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Lauterbach: Impfgegner im Netz nicht verharmlosen

„Wir sehen hinter den Beiträgen sowohl einzelne Personen als auch Desinformations­kampagnen“, sagt Wissenschaftlerin Hannah Winter dem RND. Sie hat in der Studie mit ihren Kollegen festgestellt, dass sich die impfskeptischen Beiträge teilweise immer wieder auf dieselben Personen in den Impfgegner-Communitys beziehen. „Wir wissen aber auch, dass es koordinierte Kampagnen gibt, unter anderem arbeiten wir gerade an einer investigativen Recherche zu den Hintergründen der Russischen PR-Agentur, die versucht hatte, den Biontech-Pfizer-Impfstoff mit Unterstützung von ausgesuchten Influencern gezielt zu diskreditieren“, berichtet Winter.

SPD-Gesundheits­politiker Lauterbach warnt im Gespräch mit dem RND, die Gefahr der Impfgegner im Internet zu unterschätzen: „Es sind keine Spinner, die zu vernachlässigen sind – der Einfluss von ihnen ist enorm“, sagt Lauterbach und fügt hinzu: „Man darf nicht vergessen, was die Drohungen im Netz für eine Belastung für die Familien sind. Das lesen die eigenen Kinder und Eltern, wie zum Beispiel in meinem Fall.“ Lauterbach verweist darauf, dass seine Mitarbeiter immer wieder Fälle zur Anzeige bringen.

Auch Rechtsanwalt Christian Solmecke rät zur Anzeige. Er erläutert, dass Personen in der Öffentlichkeit die Löschung der entsprechenden Postings und Kommentare von der jeweiligen Plattform verlangen können. „Hier sind Plattformen wie Facebook und Co. nach dem Netzwerk­durchsetzungs­gesetz (NetzDG) verpflichtet, dies in klar vorgegebenen Fristen auch zu tun“, ordnet Solmecke die Rechtslage gegenüber dem RND ein. Er rät Betroffenen dazu, zusätzlich Strafanzeige gegen die Verfasser oder Vefasserinnen zu erstatten. „Zu denken ist hier vor allem an die Straftatbestände der Beleidigung, der üblen Nachrede, der Verleumdung, der öffentliche Aufforderung zu Straftaten sowie an volksverhetzende Äußerungen“, so der Rechtsanwalt.

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Zivilrechtlich könnten Betroffene ebenfalls gegen die Verfasser vorgehen. „Hier kann man die Verfasser wegen Persönlichkeits­rechts­verletzung auf Unterlassung abmahnen. Bei besonders schwerwiegenden Persönlichkeits­rechts­verletzungen kann sogar eine Geldentschädigung gefordert werden.“ Solmecke betont aber, dass ein zivilrechtliches Vorgehen gegen die Täterinnen und Täter in der Praxis oft nicht leicht sei, und verweist auf die Klage von Renate Künast. Sie hatte vor Gericht gegen Hasskommentare im Internet geklagt und erst nach einer Revision des ersten Urteils einen Teilerfolg erzielen können. Inzwischen wurde der Prozess eingestellt. Allerdings soll das NetzDG nochmals verschärft werden, erklärte Rechtsanwalt Solmecke.

Wissenschaftler sehen Plattformen und Behörden in der Pflicht

Die Mitautorin der ISD-Studie, Hannah Winter, sieht die Plattformen und die Behörden in der Pflicht, stärker gegen Desinformationen und Anfeindungen vorzugehen: „Da ist noch Luft nach oben“, sagt sie dem RND. „Wir begrüßen aber, dass das Bundesamt für Justiz zwei Verfahren gegen Telegram eingereicht hat“, so Winter. Telegram habe ein enormes Radikalisierungs­potenzial, weshalb das NetzDG auch für Plattformen wie Telegram gelten müsse. Aber auch auf Facebook sehe sie viele Posts, die dort nicht sein dürften. „Da wünschen wir uns mehr Transparenz, warum die Tech­unternehmen manche Inhalte löschen und andere nicht“, sagt die Wissenschaftlerin.

Bundeszentrale informiert auf eigener Seite über Desinformationen

Über Fakten und Fake News zu Impfstoffen informiert in Deutschland unter anderem auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Im Internet stellt sie dazu auf www.infektionsschutz.de ein eigenes Angebot zur Verfügung. Gegenüber dem RND teilt die Bundeszentrale mit: „Zum Thema Desinformation über die Corona-Schutzimpfung stehen im FAQ-Bereich zu ‚Impfmythen‘ fachlich fundierte, aktuelle Informationen zur Verfügung, die in der Bevölkerung verbreitete Falsch­informationen aufgreifen, widerlegen und entkräften“, heißt es auf Nachfrage des RND.

Die BZgA warnt davor, dass in sozialen Netzwerken „Gerüchte beziehungsweise Falschinformationen aus zweifelhaften Quellen ungeprüft weitergeleitet und in kurzer Zeit einem sehr großen Personenkreis zugänglich gemacht werden“. Die Menschen müssten sensibilisiert werden, sich nur „aus verlässlichen, fachlich gesicherten Quellen und stets aktuell zu informieren“, so die BZgA.

Impfbotschafter wichtiger als Argumente

Die Studie des Institute for Strategic Dialogue enthält verschiedene Handlungs­empfehlungen, wie fundierte Informationen zu Covid-Impfstoffen vermittelt werden können. Wichtig sei, wer diese Informationen vermittelt, so Mitautorin Winter. „Das Allerwichtigste sind nicht die Botschaften an sich, sondern dass die Kommunikation über Impfstoffe über bereits etablierte Vertrauens­verhältnisse stattfindet“, sagt sie im Gespräch mit dem RND und betont, dass vertrauens­würdige Personen die Kommunikation übernehmen müssten. „Ganz wichtig sind zum Beispiel die Hausärzte, die langjährige Vertrauens­personen sind und auch die individuelle Patienten­geschichte kennen“, sagt Winter dem RND. Auch andere Bezugspersonen seien wichtig, etwa die Biologielehrerin, die das Kollegium aufkläre, oder Vertrauenspersonen im Fußballverein.

Die Bundesregierung wirbt derzeit zum Beispiel mit einer großen Kampagne, bei der viele Prominente mitmachen, für die Impfung. „Promis haben eine gute Reichweite, aber insbesondere lokale Kampagnen mit stadtbekannten Persönlichkeiten können hilfreich sein, da diese noch näher dran an den Menschen sind“, so die Einschätzung Winters.

Ein weiteres positives Beispiel sei, wie Youtube Sport- und Musik­influencer als Botschafterinnen und Botschafter für evidenzbasierte Informationen zu den Covid-Impfstoffen einsetze. Im April 2021 hatte der US-Konzern unter dem Motto „Get the Facts of Vaccines“ (übersetzt: „erhalte die Fakten über Impfstoffe“) eine Reihe kurzer Videos veröffentlicht. In Deutschland gab es seitens des Unternehmens eine solche Kampagne allerdings nicht.

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