Steigende Zahlen, Rückkehr zum Lockdown: Europa hat wieder Angst vor Corona

  • Der französische Präsident ermahnt sein Volk, die Briten denken an einen zweiten Lockdown, die Niederlande können die medizinische Versorgung nicht mehr garantieren.
  • In Europa wächst die Angst davor, dass die erwartete zweite Welle der Corona-Pandemie nicht mehr beherrschbar sein wird.
  • Ein Überblick über die wichtigsten europäischen Hotspots.
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Die Gesundheitsämter in Deutschland haben nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) vom Mittwochmorgen erstmals seit Mitte April mehr als 5000 neue Corona-Infektionen innerhalb eines Tages gemeldet. Wie ist die Lage in anderen europäischen Ländern?

Frankreichs größtes Problem ist die medizinische Versorgung

Frankreichs Präsident macht selten offizielle Einlassungen zur Corona-Pandemie. Aber wenn Emmanuel Macron darüber spricht, dann gewaltig. „Wir sind im Krieg“, erklärte er Mitte März, um den Franzosen strikte Ausgangsbeschränkungen aufzuerlegen und meinte damit den Kampf gegen das Virus. Die Gastronomie und das Tourismusgewerbe genauso wie die Kulturindustrie, die alle ohnehin stark gebeutelt sind, fürchteten denn auch den für Mittwochabend angekündigten präsidialen Auftritt regelrecht. Werden die Beschränkungen des öffentlichen Lebens noch strikter?

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„Die zweite Welle hat uns ganz klar erreicht“, setzte Premierminister Jean Castex schon vorab den Ton. Seit Wochen steigen die Infektionszahlen kontinuierlich an. Frankreich führt derzeit 1,2 Millionen Tests pro Woche durch und damit mehr als jedes andere europäische Land, doch die Ergebnisse lassen meist mehrere Tage auf sich warten. Rund 33.000 Infizierte sind seit Ausbruch der Pandemie gestorben. Fast 125.000 Neuinfektionen gab es allein in der vergangenen Woche.

Frankreichs größtes Problem ist die medizinische Versorgung. In manchen großen Städten sind bis zu 40 Prozent der Betten auf den Intensivstationen mit Covid-19-Patienten belegt: Die Krankenhäuser warnen vor nahenden Engpässen, wie es sie bereits bei der ersten Welle gab. Das Versprechen, die Zahl der Intensivbetten bis zum Herbst auf 12.000 zu erhöhen, konnte die Regierung nicht halten. Es fehlt zudem an Pflegepersonal, obwohl die Gehälter im Zuge der Krise aufgestockt wurden.

78 der 101 französischen Departements befinden sich inzwischen in einer erhöhten Warnstufe mit alarmierenden Zahlen. Besonders angespannt ist die Situation in der Hauptstadtregion. Bereits vor einer Woche wurde dort der Katastrophenplan „plan blanc“ aktiviert: Nicht zwingend notwendige Operationen werden verschoben, Kliniken dürfen auch während der anstehenden Herbstferien Urlaubssperren verhängen und Mitarbeiter, die Überstunden abbauen, zurückholen.

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Trotzdem ist das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber der Regierung groß. Nur gut ein Drittel der Menschen bescheinigt ihr ein gutes Krisenmanagement. Die Bürgermeister von Regionalmetropolen wie Marseille, Lyon und Bordeaux beschwerten sich in der Folge lautstark darüber, dass sie beim Beschluss von Maßnahmen, die ihre Städte betreffen, nicht miteinbezogen wurden. Ein neuer, unabhängiger Expertenbericht zum Krisenmanagement, der auch einen internationalen Vergleich zieht, stellt der französischen Regierung kein gutes Zeugnis aus. Demnach herrsche in Frankreich ein Mangel an Abstimmung zwischen den medizinischen, wissenschaftlichen und politischen Stellen. Es fehle an Erklärung über die „Richtigkeit mancher Maßnahmen“, auch appelliere die Politik nicht genug an das Verantwortungsbewusstsein der Bürger.

Der französische Präsident Macron gibt am Mittwochabend ein landesweit im Fernsehen ausgestrahltes Interview, um über das Coronavirus zu sprechen – sein erstes seit Monaten. © Quelle: Lewis Joly/AP/dpa
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Großbritannien schließt zweiten Lockdown nicht aus

Auch Großbritannien ist verunsichert. Die Corona-Lage im Königreich spitzt sich zu. Die Infektionszahlen „leuchten wie Warnlampen in einem Passagierflugzeug“, sagte Premierminister Boris Johnson. 19.724 Neuinfektionen wurden am Mittwoch gemeldet, die Zahl der Todesfälle innerhalb von 24 Stunden lag mit 137 so hoch wie zuletzt im Juni. Mit bislang mehr als 43.000 Toten verzeichnet Großbritannien so viele Corona-Sterbefälle wie kein anderer Staat in Europa.

Zwar wurden bereits vor einigen Wochen die Regeln verschärft, doch vor allem im Norden Englands gerate die Situation „außer Kontrolle“, warnte ein Minister. Johnson steht massiv unter Druck, auch aus der eigenen Partei. Deshalb hat er gerade erst ein Drei-Stufen-System vorgestellt, das unterschiedlich betroffene Gegenden je nach Infektionsraten in eine von drei Risikostufen eingeteilt und dann bestimmten Restriktionen unterwirft. „Wir haben jetzt schon mehr Covid-19-Fälle in unseren Krankenhäusern als im März, als wir in den Lockdown gingen“, begründete der konservative Regierungschef das Vorgehen. Ein zweiter landesweiter Lockdown wäre ein „Desaster“. Aber er schließe nichts aus.

Die Opposition will den Lockdown schon jetzt. „Wir brauchen einen ‚Circuit Breaker‘ und wir brauchen ihn jetzt“, fordert Labour-Chef Keir Starmer. Als „Circuit Breaker“, wörtlich: Stromkreisunterbrecher, wird ein klar begrenzter Lockdown ähnlich jenem im Frühjahr verstanden – allerdings nur für zwei bis drei Wochen und ohne Schulschließungen, wie Starmer betonte.

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Damit schließt er sich den Ratschlägen des wissenschaftlichen Expertengremiums Sage an, die der Regierung bereits vor Wochen so einen landesweiten Lockdown empfahlen. Das geht aus einem am Montag veröffentlichten Protokoll hervor. Die Fachleute aus dem Gesundheitsbereich hatten gewarnt, dass Großbritannien sonst auf eine „große Epidemie mit katastrophalen Konsequenzen“ zusteuere. Schon ein zweiwöchiger „Circuit Breaker“ könne Tausende Leben retten.

Die Niederlande geht in den „Teil-Lockdown“

Die Niederlande sind das neue Sorgenkind innerhalb der EU: Die Corona-Krise gefährdet zunehmend die allgemeine medizinische Versorgung. In Amsterdam, Rotterdam und Den Haag mussten die Notaufnahmen von Krankenhäusern bereits zeitweilig geschlossen werden, wie der Leiter des Netzwerkes Akute medizinische Versorgung, Ernst Kuipers, am Mittwoch dem Parlament in Den Haag mitteilte. Weil alle Betten belegt waren und zu wenig Personal zur Verfügung stand, mussten Erste-Hilfe-Abteilungen für mehrere Stunden schließen und Krankenwagen Patienten in andere Krankenhäuser oder Städte bringen.

In Krankenhäusern und auf Intensivstationen nimmt die Zahl der Covid-19-Patienten schnell zu. Die Regierung verschärfte die Maßnahmen und verhängte einen „Teil-Lockdown“.

Trotzdem rechnen die Krankenhäuser damit, dass bis November mindestens 40 Prozent der regulären Versorgung gestrichen werden müsse. Sollten die Maßnahmen nicht greifen, wird im schlimmsten Fall mit einer Reduzierung von 75 Prozent gerechnet. „Dann bleibt neben der Covid-19-Pflege nur noch die Erste Hilfe übrig“, sagte Kuipers. Die Situation sei im Vergleich zur ersten Welle „düsterer“. Krankenhäuser strichen bereits Hunderte von Operationen und hätten zahlreiche Behandlungen abgesagt. In der vergangenen Woche waren in den Niederlanden fast 44. 000 Neuinfektionen registriert worden – 60 Prozent mehr als in der Vorwoche und 252 pro 100.000 Einwohner.

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Die tschechische Regierung eine Maskenpflicht an Haltestellen und in öffentlichen Verkehrsmitteln verordnet. © Quelle: Vít ?imánek/CTK/dpa

Tschechien: Nach großer Sorglosigkeit im Sommer starker Anstieg der Corona-Neuinfektionszahlen

In Tschechien gelten seit Mittwoch härtere Maßnahmen. Versammlungen mit mehr als sechs Menschen sind verboten, Restaurants, Bars und Klubs müssen bis auf Weiteres schließen. Der Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit wird untersagt. Alle Schulen müssen bis Anfang November für knapp drei Wochen zum Fernunterricht übergehen. Die Maskenpflicht gilt nicht mehr nur in Innenräumen, sondern auch an Haltestellen öffentlicher Verkehrsmittel. Geschäfte bleiben geöffnet. „Wir haben nur einen Versuch, der erfolgreich sein muss, damit wir als Nation diese Pandemie beherrschen“, sagte Regierungschef Andrej Babis.

Tschechien verzeichnete zuletzt – nach großer Sorglosigkeit in den Sommermonaten – einen frappierend starken Anstieg bei den Corona-Neuinfektionszahlen. Im Schnitt steckten sich binnen 14 Tagen 493,1 Menschen je 100.000 Einwohner an – der höchste Wert innerhalb der EU.


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