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Corona: Hilferufe von Kindern und Jugendlichen nehmen zu, viele haben Suizidgedanken

  • Angst und Verzweiflung, Stress und Suizidgedanken: Viele Kinder und Jugendliche leiden unter den Folgen des Lockdowns.
  • Die Zahl der Hilferufe nimmt zu, auch die der Einweisungen in die Psychiatrie.
  • Hauptsächliche Ursachen für die psychischen Probleme seien Kontaktverlust und Perspektivlosigkeit, so Experten.
Katrin Schreiter
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Hannover. Kinder und Jugendliche leiden besonders unter der Corona-Pandemie. Bei vielen jungen Menschen entwickeln sich durch den Lockdown psychische Belastungen, die bis zu Krankheiten und Suizid führen können. Um eine zielgruppengerechte Ansprache zu schaffen, wurde die Website krisenchat.de ins Leben gerufen. Seit dem Start im Mai 2020 hätten etwa 20 Prozent der rund 7300 Hilfesuchenden Suizidgedanken gehabt, so Mitgründerin Melanie Eckert.

„Unsere Idee ist es, psychosoziale Ersthilfe für Kinder und Jugendliche zu schaffen, die immer verfügbar, kostenlos und wirkungsvoll ist“, sagt die Psychologin. „Wir wollen damit die offenkundig wachsende Dunkelziffer von jungen Hilfesuchenden reduzieren. Dabei hätten wir nicht gedacht, dass der Zuspruch so groß ist.”

15.000 Beratungsgespräche bisher

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Krisenchat.de arbeitet nach eigenen Angaben bundesweit mit 250 geschulten Psychologen und Sozialpädagogen zusammen. „7300 Kinder und Jugendliche haben sich seit Beginn der Pandemie an unsere Whatsapp-Hotline gewendet, es gab insgesamt 15.000 Beratungsgespräche”, sagt Melanie Eckert. „Pro Tag sind es zurzeit mehr als 100 Hilferufe, Tendenz steigend.”

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Am häufigsten litten die Nutzer der Hotline an Depressionen und Ängsten, „aber auch familiäre Konflikte und Mobbingprobleme sind keine Seltenheit”, erzählt Eckert. Erschreckend sei vor allem die Anzahl derjenigen, die Suizidgedanken hegten.

Ernst nehmen, Mut machen

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Je nach Problem wird Hilfe angeboten: „Als Erstes haben wir ein offenes Ohr und nehmen das Anliegen ernst. Dann schauen wir gemeinsam, wie der nächste Schritt sein könnte.” Dabei gehe es auch darum, Mut zu machen – zum Beispiel, zu einer Therapie zu gehen. Bei akuter Suizidgefahr gebe es Anbindung an professionelle Hilfe.

„Oft sind wir der Erstkontakt”, sagt Eckert und nennt den Grund dafür: „Wir verwenden das am häufigsten genutzte Kommunikationstool der Zielgruppe: den Chat. Das ist für die Kinder und Jugendlichen vertraut und trotzdem vertraulich.” Anders als am Telefon könnten sie so das Tempo selbst bestimmen – in Echtzeit. Ohne, dass man auf eine E-Mail oder einen Rückruf warten müsse. „Manchmal beginnt der Kontakt mit einem kurzen: ‚Hilfe, ich kann nicht mehr!‘ Dann wird Schritt für Schritt Vertrauen aufgebaut, um ins Gespräch zu kommen.”

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Auch nach dem Lockdown gebe es für Krisenchat.de jede Menge zu tun, ist sich die Psychologin sicher. „Keiner kann heute einschätzen, wie lange die Nachwehen uns beschäftigen werden.” Die Plattform schließe auch weiterhin die Versorgungslücke als anonymes Beratungsangebot, ohne Registrierung, telefonischen Kontakt oder lange Wartezeiten.

Auch mehr Einweisungen in Psychiatrie

Der seelische Druck bei jungen Menschen ist im Vergleich zum Frühjahr gestiegen – das bestätigen mehrere Studien. Fast jedes dritte Kind im Alter zwischen sieben und 17 Jahren zeige inzwischen psychische Auffälligkeiten, berichten etwa die Autoren der Hamburger Copsy-Studie. Risikofaktoren seien ein geringes Bildungsniveau und begrenzter Wohnraum.

Deutschlandweit haben Experten festgestellt, dass deutlich mehr Kinder und Jugendliche zur Behandlung in psychiatrische Kliniken kommen. So zeigt eine aktuelle Auswertung der Krankenkasse DAK, dass sich in Berlin im ersten Halbjahr 2020 die Psychiatrieeinweisungen junger Menschen fast verdoppelt hat. Im ersten Halbjahr 2019 wurden danach 22 junge Leute bis 17 Jahre wegen depressiver Episoden in Klinikpsychiatrien behandelt. In den ersten sechs Monaten 2020 waren es 39.

Viele essgestörte Mädchen

Christoph Correll, Direktor der Klinik für Kinder-und Jugendpsychiatrie am Charité-Campus Virchow, zählt auf, was jetzt in seiner Klinik häufiger vorkommt als vor der Pandemie: „Sehr magere essgestörte Mädchen, noch dünner als früher. Wahrscheinlich, weil Lehrer, Freundinnen oder Kinderärzte als Korrektiv fehlen.”

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Kinderpsychiater Gottfried Maria Barth, stellvertretender Ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Uniklinikums Tübingen, erklärt die Zwangs- und Essstörungen: Die Betroffenen würden sich Bewältigungswege suchen. „Sie verschaffen sich Sicherheit, indem sie angesichts der allgegenwärtigen Bedrohung durch die Pandemie einzelne Bereiche kontrollieren – zum Beispiel das Essen.”

Auch Jugendforscher und -forscherinnen der Universitäten Hildesheim und Frankfurt am Main stellen in ihrer aktuellen Studie fest, dass im zweiten Lockdown die psychischen Belastungen weiter zunehmen. Knapp 46 Prozent von rund 7000 befragten 15- bis 30-Jährigen stimmten der Aussage zu, Angst vor der Zukunft zu haben. „Das hat mit einer großen Verunsicherung zu tun”, sagt die Soziologin Lea Heyer, die in der Forschungsgruppe mitarbeitet. „Depressionen, Essstörungen und Angst um andere – zum Beispiel um die Eltern – sind nur einige Begleiterscheinungen der Pandemie.”

Perspektive fehlt derzeit

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Grundlegendes Problem sei der Kontaktverlust: „Fast alles spielt sich inzwischen online ab. Damit kommen manche Jugendliche nicht gut zurecht. Freundschaften sind weggebrochen und wichtige Ausgleichsmöglichkeiten in der Freizeit sind weggefallen”, so Lea Heyer. Jeder sitze zu Hause allein vor seinem Laptop an seinem Handy oder PC, oft in seiner eigenen digitalen Welt. Es fehle der regelmäßige Tapetenwechsel, der direkte Austausch, der gemeinsame Spaß und das miteinander Rumhängen – „alles Voraussetzungen, um überhaupt eine Perspektive entwickeln zu können”, sagt Heyer. „Nicht nur, was die berufliche Entwicklung betrifft: Jugendliche sind mehr als Schüler, Azubis oder Studentinnen.”

Alarmierend findet die wissenschaftliche Mitarbeiterin ein weiteres Ergebnis der Studie: 60 Prozent der Befragten gaben an, Politiker und Politikerinnen würden sich nicht für ihre Sorgen interessieren. „Die Politik ist in der Pflicht, Jugendliche nach dem Lockdown mit vielfältigen außerschulischen Möglichkeiten zu unterstützen.” Jugendzentren, Sportvereine, soziokulturelle Zentren, Musikschulen: „Diese Treffpunkte sind extrem wichtig, um den Weg aus der verschärften Einsamkeit wieder herauszufinden und Perspektiven zu entwickeln.” Darum müsse sich die Politik jetzt kümmern.

Mit dpa

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