Konfliktlinien im Corona-Herbst: Wie schützen wir die Schulkinder?

  • Fachleute und Politik betonen: Kinder sollen in diesem Corona-Herbst und Winter zur Schule gehen.
  • Bei hohem Infektionsgeschehen muss man die Schülerinnen und Schüler aber auch schützen.
  • Es gibt Empfehlungen zum Maskentragen, Testen, Quarantäne und Klassenteilung – aber die Umsetzung fällt nicht einheitlich aus.
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Kinder und Jugendliche gehen wieder regulär zur Schule. Präsenzunterricht ist das Gebot der Stunde, das bekräftigt die Politik und das begrüßt auch die Fachwelt. Gleichzeitig nehmen die Infektionen unter Jüngeren in der vierten Corona-Welle wieder zu. Es bleibt die große Herausforderung im Herbst, eine Balance zu finden zwischen dem Infektionsschutz in der Schule auf der einen Seite und möglichst normalem Unterricht auf der anderen.

Wie können die Schulen also trotz hohem Infektionsgeschehen offen gehalten werden? Strategien und Konzepte gibt es viele – und das auch schon seit dem vergangenen Pandemiewinter. Allerdings gehen die Meinungen auseinander, wenn es um die Umsetzung geht. Sowohl in der Fachwelt, etwa wenn sich Expertinnen und Experten aus Medizin und Epidemiologie gegenüberstehen, aber auch in den einzelnen Bundesländern, die jeweils für die Schulpolitik zuständig sind. Masken, Tests, Quarantäne, Impfungen: Wo verlaufen die Konfliktlinien?

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Anlasslos in Schulen testen – ja oder nein?

In der nationalen Teststrategie werden beispielsweise präventiv Lolli-PCR-Pooltestungen als Screening an Bildungseinrichtungen für Kinder unter zwölf Jahren empfohlen. Die Bundesländer sind für die Umsetzung der Konzepte zuständig. Die Tests könnten – zusätzlich zu bestehenden Hygienekonzepten – einen Beitrag leisten, um das Infektionsgeschehen in Kitas und Grundschulen überwachen zu können und gleichzeitig das Risiko für Übertragungen signifikant zu reduzieren. Das stellt das Robert Koch-Institut in seinem epidemiologischen Bulletin von Anfang Juli heraus.

Indes sprechen sich die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) und die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) in einer Mitte September veröffentlichten Stellungnahme dagegen aus, Kinder regelmäßig zu testen – weder mittels Antigen-Schnelltest noch PCR-Tests oder Gruppentests mit der Lollimethode. Erst bei Symptomen oder Quarantäne ist das den Medizinerinnen und Medizinern zufolge unter Fortführung des Präsenzunterrichts ratsam. Die Begründung: Valide Untersuchungen, die günstige Auswirkungen der nationalen Teststrategie auf die Einrichtungen belegen, lägen nicht vor.

Die S3-Leitlinie: Ein Fahrplan bei hohem Infektionsgeschehen

Die Testungen sind aber nicht das einzige Werkzeug, das Schulen nutzen können. DGPI und DGKH verweisen auf die S3-Leitlinie mit „Maßnahmen zur Prävention und Kontrolle der Sars-CoV-2-Übertragung an Schulen“. Veröffentlicht wurde dieser Fahrplan für möglichst sicheren Unterricht unter Pandemiebedingungen im Februar. Er wird fortlaufend aktualisiert. Daran sind rund 40 Fachgesellschaften beteiligt – darunter auch die Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie (DGEpi), die Deutsche Gesellschaft für Public Health (DGPH) und die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ).

Die Strategien sind noch vom vergangenen Winter bekannt. „Ab hohem Infektionsgeschehen soll ein medizinischer Mund-Nasen-Schutz zum Einsatz kommen“, heißt es etwa darin. Pausen vom Maskentragen sollte es im Freien, also außerhalb des Schulgebäudes, geben. Sportunterricht soll in kleinen und konstanten Gruppen durchgeführt werden – ohne Maske, aber mit Abstands- und Lüftungsregeln. Musikunterricht sollte ohne Singen und den Einsatz von Blasinstrumenten stattfinden. Schülerinnen und Schüler mit für Covid-19 typischen Symptomen sollten den Verdacht klären und vorerst dem Unterricht fernbleiben.

Auch auf dem Schulweg und in Schulbussen sollten medizinische Masken getragen werden. Die Jahrgänge und Klassen sollten bei hohem Infektionsgeschehen halbiert werden, der Unterricht gestaffelt. Dazu kommt inzwischen ein weiteres mächtiges Werkzeug, zumindest in den weiterführenden Schulen: Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt den über Zwölfjährigen ausdrücklich die Impfung gegen Covid-19. Bei sehr hohem Infektionsgeschehen braucht es der Leitlinie zufolge alle diese Maßnahmen auf einmal.

Maskenpflicht in Schulen: Bundesländer entscheiden jeweils für sich

So viel zur Theorie. In der Praxis zeichnet sich aber bereits ab, dass die Empfehlungen aus der Fachwelt in den Bundesländern auf unterschiedliche Weise umgesetzt werden. So ist das Aufteilen von Klassen in Kohorten im Moment beispielsweise komplett vom Tisch. Auch der Umgang mit der Empfehlung zum Maskentragen fällt unterschiedlich aus. Die meisten Bundesländer haben inzwischen zwar formuliert, dass Masken in den Schulen Standard sein sollen, diesmal unabhängig vom Inzidenzwert. Im Detail gelten dann aber wieder unterschiedliche Regeln.

So müssen in den hessischen Schulgebäuden medizinische Masken im Gebäude getragen werden – nicht aber am Sitzplatz, im Freien oder im Sportunterricht. In Niedersachsen müssen alle Schülerinnen und Schüler auch am Sitzplatz Maske tragen, sowie auch im Freien, in der Mensa, im Sportunterricht. In Baden-Württemberg hingegen wieder nicht am Sitzplatz. In Bayern gilt Maskenpflicht überall im Gebäude, auch am Sitzplatz, aber nicht im Freien und im Sportunterricht.

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Geimpfte versus Ungeimpfte: Das zeigt sich jetzt auch in der Schule

Uneinheitliches Vorgehen zeigt sich auch bei der Teststrategie: Ein Negativnachweis wird in Hessen und Berlin zweimal pro Woche fällig, in Niedersachsen, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen hingegen dreimal wöchentlich. Einig ist man sich allerdings darin, dass, wer vollständig geimpft oder genesen ist, sich nicht mehr testen lassen muss. Was dann aber auch bedeutet, dass geimpfte Schülerinnen und Schüler bei einem Ausbruch nicht mehr als potenzielle Überträger des Virus geprüft werden.

Die Quarantäneregeln wurden inzwischen bundesweit aufgeweicht, um so viel Präsenzunterricht wie möglich stattfinden zu lassen. Demnach sind bei einer Infektion nicht mehr ganze Klassen betroffen. Ist eine Schülerin oder ein Schüler nachweislich infiziert, müssen in den Bundesländern seit Mitte September nur noch sie selbst und nach Absprache mit dem Gesundheitsamt vor Ort die direkten Sitznachbarn in Quarantäne. Alle anderen müssen sich fünf Tage lang täglich mit einem Schnelltest testen, können aber weiter zur Schule gehen – vorausgesetzt, sie tragen in dieser Zeit Maske im Klassenraum. Ausgenommen von der Testpflicht sind auch in diesem Fall geimpfte oder genesene Kinder.

Diskriminierung von nicht geimpften Kindern?

Anders als im vergangenen Herbst sind unter den älteren Kindern nun also auch Geimpfte. Laut RKI-Daten sind inzwischen 27,2 Prozent der Zwölf- bis 17-Jährigen vollständig geimpft (Stand: 16. September). Auch darin liegt eine neue Herausforderung. Die Stellungnahme von DGPI und DGKH weist bereits darauf hin, dass Präventionsmaßnahmen wie die Verpflichtung zum Maskentragen unabhängig vom Impfstatus der Kinder und Jugendlichen für alle gelten müsse, „um nicht geimpfte Jugendliche nicht zu diskriminieren“. Der Zugang von Kindern und Jugendlichen zur Teilhabe an Bildung, Kultur und anderen Aktivitäten des sozialen Lebens dürfe nicht vom Vorliegen einer Impfung abhängig gemacht werden.

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