Virologe Streeck lehnt Lockdown mit Ausgangssperren ab: „Feuern Infektionsgeschehen weiter an“

  • Der Virologe Hendrik Streeck hat sich gegen einen härteren Lockdown und Ausgangssperren in Deutschland ausgesprochen.
  • Es sei nicht die Lösung, dass Menschen sich in private Räume zurückziehen, „wo keiner sehen kann, ob die Regeln eingehalten werden“.
  • Stattdessen schlägt er sichere Bereiche im Freien oder zum Beispiel in Turnhallen vor.
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Hamburg. Der Bonner Virologe Hendrik Streeck warnt vor einem härteren Lockdown mit Ausgangssperren. „Dadurch feuern wir das Infektionsgeschehen weiter an“, sagte er im Videocast „19 – die Chefvisite“. Aktuell würden sich laut Robert-Koch-Institut (RKI) vor allem sozial Schwache in beengten Wohnverhältnissen infizieren. Diese Menschen hätten bei einer Ausgangssperre nicht die Möglichkeit, sich Corona-konform aus dem Weg zu gehen, so Streeck.

Seine Forderung: „Wir schaffen sichere Bereiche draußen, wo die Menschen sich treffen können, anstatt sie weiter zusammenzudrängen.“ Dabei denkt der Virologe zum Beispiel an gelüftete Turnhallen mit Sicherheitspersonal. Diese Lösung sei besser als private Grauzonen, wo keiner sehen kann, ob die Regeln eingehalten werden – und es würden Ventile geschaffen. Auch die Außengastronomie, wo das Infektionsrisiko vergleichsweise gering ist, könne dabei laut Streeck eine Rolle spielen.

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Am Ostermontag hatte sich der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) angesichts der dritten Corona-Welle für das Vorziehen der Bund-Länder-Runde auf den 12. April ausgesprochen – und für einen harten und kurzen Lockdown im April. Sein Vorschlag: ein „Brückenlockdown“ bis genügend Menschen gegen Covid-19 geimpft sind. Nachdem es unter anderem wegen der Begrifflichkeit Kritik hagelte, sprang Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Laschet zur Seite. Auch sie sprach sich für härtere Maßnahmen aus.

Virologe Streeck fordert „ruhige Abwägung und Langzeitblick“

Nach Monaten liegt die Zahl der Covid-19-Patienten auf Deutschlands Intensivstationen wieder über 4000. Angesichts der dritten Corona-Welle haben auch Deutschlands Intensivmediziner einen harten und umgehenden Lockdown von zwei bis drei Wochen gefordert. Die Lage sei zutiefst besorgniserregend, sagte Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, am Freitag. „Es brennt. Jeder Tag zählt.“ Es gebe einen ungebremsten und dramatischen Anstieg von Covid-Patienten. Ihr Alter liege nun zumeist zwischen 40 und 70 Jahren. Bei den unter 50-Jährigen sterbe jeder fünfte Intensivpatient, bei den Älteren im Schnitt jeder zweite, sagte Marx.

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Intensivmediziner Marx kritisiert Absage von Corona-Gipfel: „Die Zeit drängt“
6:52 min
Gernot Marx, Chef der deutschen Intensivmediziner, kritisiert im Video-Interview die Absage des Corona-Gipfels und legt die aktuellen Probleme offen.  © RND

Virologie-Professor Streeck zeigte sich verwundert über die Alarmrufe. In Frankreich liege die Inzidenz bei 400 auf 100.000 Einwohnern binnen einer Woche – und damit viermal höher als in Deutschland. „Die gehen damit relativ entspannt um“, sagte er. Er frage sich, warum wir bei einer Inzidenz von 110 so nervös seien und ein Überlaufen der Intensivstationen hätten. „Da muss es einen Fehler bei uns im Gesundheitssystem geben“, so Streeck. Angesichts der unklaren Datenlage nach Ostern mahnte er mit Blick auf einen geringer als erwartet ausgefallenen Effekt nach Weihnachten „ruhige Abwägung und Langzeitblick“ an.

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Er geht davon aus, dass sich Coronaviren saisonal verhalten und rechnet mit einem Abfall des Infektionsgeschehens in den kommenden Monaten, wenn es wärmer wird. Hinzu kämen die Fortschritte der Impfungen.

Streeck überrascht über Empfehlung nach Astrazeneca-Impfung

Obwohl in Sachen Impfkampagne Schnelligkeit gefragt ist, kritisiert Streeck gegenüber der „Fuldaer Zeitung“ allerdings die Empfehlung, Menschen nach einer Corona-Impfung mit dem Präparat von Astrazeneca eine Zweitimpfung mit Biontech- oder Moderna-Wirkstoffen anzubieten: „Da sind die klinischen Studien noch nicht gelaufen. Ich hielte es für notwendig, sich an die Regeln zu halten und abzuwarten, ob die Studien erfolgreich sind.“ Er halte es aber für eine „nachvollziehbare“ Entscheidung, das Astrazeneca-Vakzin nicht mehr an Menschen unter 60 Jahren zu verabreichen – auch wenn der Impfstoff an sich gut und sicher sei.

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Nachdem nun auch Hausärzte in Deutschland impfen dürfen, schnellt die Zahl der täglichen Covid-19-Impfungen in die Höhe. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) sind rund 12,2 Millionen Bundesbürger mindestens einmal gegen das Coronavirus geimpft worden. 4,8 Millionen Menschen – also 5,8 Prozent der Gesamtbevölkerung – haben bereits zum zweiten Mal einen Impfstoff erhalten und gelten damit als vollständig immunisiert.

Mit dpa

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels war die Einordnung von Streecks Einschätzung zur Lage in Frankreich missverständlich formuliert. Wir haben den entsprechenden Textabschnitt präzisiert.

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