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  • Corona-Gipfel: Beschlüsse stoßen auf begrenzte Zustimmung in der Wissenschaft

Experten nach Corona-Gipfel: „Wir müssen lernen, damit umzugehen, dass sich nicht alle impfen lassen“

  • Deutschlands Kurs für den Corona-Herbst steht – fürs Erste.
  • Bund und Länder setzen unter anderem auf kostenpflichtige Schnelltests, die 3-G-Regel und einen Indikatorenmix, um gegen die vierte Welle vorzugehen.
  • Doch nicht alle Ideen der Politik stoßen in der Wissenschaft auf Zustimmung.
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Berlin. Die steigenden Infektionszahlen haben Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten der Länder dazu gezwungen, ihr eigentlich auf Ende August datiertes Treffen vorzuziehen. Am Dienstag kamen sie per Videoschalte zusammen, um über den weiteren Umgang mit der Corona-Pandemie zu beraten. „Wir sind jetzt in einer völlig anderen Situation”, sagte Merkel in einer anschließenden Pressekonferenz. „Jetzt haben wir genug Impfstoff. Und wir müssen dafür werben, dass geimpft wird.”

Sie wies darauf hin, dass das Impftempo „erheblich” nachgelassen habe. 55,6 Prozent der Deutschen sind inzwischen vollständig geimpft, 62,7 Prozent haben mindestens eine Impfdosis erhalten (Stand: 11. August). Corona-Expertinnen und -Experten sind sich einig, dass diese Impfquote noch nicht ausreicht, um eine vierte Welle deutlich abzuschwächen. Es braucht also entsprechende Gegenmaßnahmen.

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Virologe befürwortet Indikatorenmix

Bund und Länder haben sich etwa darauf geeinigt, die Infektionslage nicht mehr nur anhand der Sieben-Tage-Inzidenz zu bewerten. Zukünftig sollen auch die Impfquote, die Zahl schwerer Krankheitsverläufe sowie die Belastung des Gesundheitswesens berücksichtigt werden.

Prof. Stephan Ludwig, Virologe am Universitätsklinikum Münster, befürwortet diesen neuen Indikatorenmix. „Gerade die Belastung des Gesundheitssystems ist eine wichtige Kenngröße”, sagte er auf Anfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND), „denn bei einer drohenden Überlastung kann die Situation sehr schnell außer Kontrolle geraten.” Er wies jedoch darauf hin, dass dabei nicht nur die Anzahl der Intensivbetten, sondern auch die Zahl der zur Verfügung stehenden Ärztinnen und Ärzte sowie des Pflegepersonals berücksichtigt werden müsse. „Bei dem Indikatorenmix wird es darauf ankommen, ein mathematisches Modell zu entwickeln, dass die wirkliche Belastung in allen Regionen des Landes gleichermaßen zuverlässig abbildet”, so Ludwig weiter.

Sieben-Tage-Inzidenz allein reicht als Parameter nicht mehr aus

Prof. Hans-Georg Kräusslich, Leiter der Virologie am Universitätsklinikum Heidelberg, bezweifelt, dass sich aus den vier Parametern „ein einfacher, verständlicher und allgemein akzeptierter Rechenwert” ableiten lässt. „Eher wird man in den zuständigen Behörden in Bund und Ländern eine Bewertung der unterschiedlichen Entwicklungen (Inzidenz, Impfung, Erkrankung) vornehmen und daraus das weitere Vorgehen ableiten”, sagte er dem RND. „Das erfüllt dann nicht den breiten Wunsch nach einer einfachen und für alle nachvollziehbaren Kennzahl – ich habe aber Zweifel, dass es die geben kann.”

Dennoch glaubt er werde der Indikatorenmix bei der Entscheidung über das weitere Vorgehen helfen, insbesondere dann, wenn die Parameter nach Altersgruppen betrachtet werden. Die Sieben-Tage-Inzidenz als alleiniger Parameter reiche jedenfalls nicht mehr aus. Ganz verzichten könne man auf die Kennzahl jedoch nicht, meint Virologe Ludwig. „Es ist die einzige Kennzahl, die uns eine klare Aussage über den Stand der Infektionen insgesamt gibt.”

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Merkel: „Müssen dafür werben, dass geimpft wird“
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Bundeskanzlerin Merkel hat ein weitgehendes Ende der Umsonsttests bestätigt.  © Reuters

Impfung der Risikogruppen beeinflusst Sieben-Tage-Inzidenz

Allerdings bedeutet ein Anstieg der Sieben-Tage-Inzidenzen nicht mehr automatisch, dass die Zahl der Intensivpatientinnen und -patienten ebenfalls zunimmt. Warum? Viele Menschen in den Risikogruppen haben mittlerweile eine Corona-Impfung erhalten, die das Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf deutlich reduziert. In den Niederlanden ist die Inzidenz derzeit beispielsweise noch höher als während der zweiten und der dritten Welle, trotzdem müssen weniger Menschen auf den Intensivstationen behandelt werden.

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Das bedeutet: Eine Inzidenz von 20 in diesem Sommer ist nicht gleichzusetzen mit einer Inzidenz von 20 im vergangenen Sommer. Ein ähnliches Beispiel wählte Prof. Bernd Salzberger: „Was sich geändert hat mit der hohen Rate von Impfungen bei Risikopersonen: Auch eine hohe Inzidenz, zum Beispiel von 400 Fällen pro 100.000 Einwohner, führt nicht automatisch zur hohen Belastung oder Überlastung des Gesundheitssystems.” Testungen und Teststrategien könne man weiter an die Sieben-Tage-Inzidenz koppeln, sagte der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie dem RND. Mit anderen Maßnahmen wie einem Lockdown funktioniere dies nicht mehr.

Modellierer: Inzidenz von 35 wird in rund zwei Wochen erreicht

Bund und Länder haben sich bei ihrer gemeinsamen Videokonferenz am Dienstag auf eine Inzidenz von 35 als Schwellenwert für weitere Maßnahmen geeinigt. „Im Mittel unserer Szenarien wird die bundesweite Inzidenz von 35 in ungefähr zwei Wochen erreicht”, sagte Mathematiker und Modellierer Jan Fuhrmann von der Universität Heidelberg. In Best-Case-Szenarien käme dieser Wert erst im Herbst zustande.

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Ab einer 35er-Inzidenz soll die sogenannte 3-G-Regel gelten. Diese sieht vor, dass nur noch Geimpfte, Genesene oder Getestete Zutritt zu Innenräumen wie Restaurants, Schwimmbädern oder Fitnessstudios erhalten. Corona-Schnelltests, die nicht älter als 24 Stunden sein dürfen, sollen zudem ab dem 11. Oktober kostenpflichtig werden. Weiterhin kostenlos bleiben sie hingegen für all diejenigen, die nicht geimpft werden können und für die keine allgemeine Impfempfehlung vorliegt.

Infektiologe bezeichnet Antigenschnelltests als „Notbehelf”

Infektiologe Prof. Matthias Stoll von der Medizinischen Hochschule Hannover sieht die Gleichsetzung von Geimpften, Genesen und Getesteten kritisch: „Es war grundfalsch, die Schnelltests als gleichberechtigte Alternative zu vermitteln”, sagte er im Interview mit der „Neuen Presse”. Die Tests seien lediglich ein „Notbehelf, der funktioniert, solange man nichts Besseres hat”. Jetzt gebe es aber Impfstoffe, die nachweislich schwere Krankheitsverläufe verhindern können.

„Ich verstehe nicht, wieso man bei Corona nicht offensiver ist”, so Stoll. „Die Politik versucht immer noch einen Spagat zwischen denjenigen zu machen, die gesund sind und sich aus egoistischen Motiven nicht impfen lassen und denjenigen, die altruistisch sind – darunter übrigens auch viele impfbereite Jugendliche und Kinder – und für die Gesamtgesellschaft einen immensen Nutzen bringen.” Ziel müsse sein, so viele Menschen wie möglich zu impfen – auch diejenigen, die eine Immunisierung bisher noch ablehnen.

Virologe: 2-G-Regel ist ethisch fragwürdig

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder glaubt, dass die 3-G-Regel nur eine vorübergehende Lösung sein wird. „Wir werden uns einer Debatte über 2G auf Dauer nicht verstellen können”, sagte der CSU-Vorsitzende am Dienstag bei der Pressekonferenz in Berlin. Eine 2-G-Regel würde bedeuten, dass nur noch Genesene und Geimpfte Zutritt zu bestimmten Bereichen des öffentlichen Lebens erhalten.

„Das ist ethisch sehr schwierig”, sagte Martin Stürmer, Virologe und Laborleiter am IMD-Labor für interdisziplinäre Medizin und Diagnostik in Frankfurt, dem RND. „Wir müssen als Gesellschaft lernen, damit umzugehen, dass sich nicht alle Menschen gegen Covid-19 impfen lassen werden.” Es werde immer Impfverweigerer und Impfverweigerinnen geben, trotzdem müsse man irgendwann zur Normalität zurückkehren. Auf Impfunsichere durch eine 3-G- beziehungsweise 2-G-Regel nun Druck auszuüben, hält Stürmer für den falschen Weg. Er plädierte für eine intensivere, zielgruppenspezifischere Aufklärung über den Nutzen der Impfung.

Geimpfte können immer noch infektiös sein

Bundeskanzlerin Merkel betonte bei der Pressekonferenz erneut: Wer gegen Covid-19 geimpft ist, schütze damit nicht nur sich selbst, sondern leiste einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft. Sie hatte sich mit den Ministerpräsidentinnen und -präsidenten zudem darauf verständigt, dass Geimpfte und Genesene weiterhin nicht in Quarantäne müssen, wenn sie aus einem Hochrisikogebiet nach Deutschland einreisen. Dabei würden verschiedene aktuelle Studien zeigen, dass auch sie sich weiter mit dem Coronavirus infizieren, eine hohe Viruslast in sich tragen und weitergeben können, merkte Virologe Ludwig an. „Dies kann natürlich zu einer großen Gefahr für Nichtgeimpfte werden und die Pandemie weiter am Fortschreiten halten.”

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Spahn appelliert an Patriotismus der Ungeimpften
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Die Appelle von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn an die noch nicht gegen das Coronavirus geimpften Bürgerinnen und Bürger werden immer eindringlicher.  © dpa

Ähnlich äußerte sich auch Infektiologe Salzberger: „Geimpfte und Genesene infizieren sich sehr viel seltener und auch bei Durchbruchsinfektionen ist die Infektiosität geringer”, erklärte er dem RND. „Das heißt aber nicht, dass ein Geimpfter beziehungsweise Genesener gar nicht infektiös sein kann – aber die Wahrscheinlichkeit ist einfach sehr gering.”

Maskenpflicht bleibt bestehen

Um die Infektionsgefahr insgesamt zu minimieren, wollen Bund und Länder weiter an Maßnahmen wie der Maskenpflicht im öffentlichen Personennahverkehr und in Geschäften festhalten. Auch die AHA+A+L-Regel (Abstand halten, Hygiene, Alltag mit Maske, Corona-Warn-App, Lüften) bleibt weiterhin Bestandteil der Corona-Prävention. So hatte es auch das Robert Koch-Institut empfohlen. Nach Ansicht der Behörde müssten diese Basismaßnahmen bis zum kommenden Frühjahr beibehalten werden.

Wie es mit den Schulen und Kitas im Herbst weitergeht, dazu äußerte sich Bundeskanzlerin Merkel nicht. Dabei dürften in den Bildungseinrichtungen nach den Sommerferien vermehrt Infektionen auftreten, weil ein Großteil der Schülerinnen und Schüler noch nicht vollständig geimpft ist. „Wir werden nur dann gut in den Herbst starten können, wenn wir bei den Schulen und Kitas aufpassen – und uns nicht zu sehr darauf verlassen, dass sich die Erwachsenen impfen lassen”, sagte Virologe Stürmer.

Lolli-Pool-PCR-Tests in Schulen und Kitas einsetzen

Gerade für die Kinder unter zwölf Jahren, für die bisher noch kein Corona-Impfstoff zugelassen ist, sei es wichtig, die Schulen durch technische Möglichkeiten, zum Beispiel Lüftungsanlagen, und vernünftige Testkonzepte sicher zu machen. Statt der Antigenschnelltests müssten zwei- bis dreimal pro Woche Lolli-Pool-PCR-Tests eingesetzt werden, rät Stürmer.

Der Virologe blickt insgesamt mit Unbehagen auf den Herbst: „Eigentlich hätte ich erwartet, dass die Fallzahlen über den Sommer niedriger bleiben und erst später ansteigen.” Der Anstieg käme zu früh, zumal die Impfquote noch zu gering sei. „Das ist nicht gut.” Modellierer Fuhrmann machte in diesem Zusammenhang deutlich: „Wenn es gelingt, in den kommenden Wochen genügend Personen zu impfen, die eine Impfung nicht prinzipiell ablehnen, aber bislang einfach nicht dazu gekommen sind, dann könnte die vierte Welle sogar in Sachen Fallzahlen hinter der zweiten und dritten Welle zurückbleiben.”

Bei deutlich steigenden Kontaktraten, einem stagnierenden Impffortschritt, nachlassender Beachtung der Hygieneregeln und einer möglichen Zunahme der Aggressivität der Virusvarianten könne nicht ausgeschlossen werden, „dass auch die Zahl der Covid-19-bedingten Hospitalisierungen im kommenden Winter auf ähnlichem oder sogar höherem Niveau liegt als in den letzten Wellen”. Dieses Szenario geht jedoch davon aus, dass bei hohen Inzidenzen keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden und die Menschen ihre Kontakte nicht reduzieren.

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