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Corona: Gibt es in Manaus, Neu-Delhi und Bergamo bereits eine Herdenimmunität?

  • Das Coronavirus hat Manaus, Neu-Delhi und Bergamo zu Infektions­hotspots gemacht.
  • Antikörperstudien und Inzidenzen legen jetzt nahe, dass es in den Städten bereits eine natürliche Durchseuchung gegeben haben könnte.
  • Das bedeutet aber nicht, dass die Einwohner zukünftig immun gegen Sars-CoV-2 sind.
Laura Beigel
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Es ist der Abend des 18. März 2020, als sich ein Konvoi aus mehreren Militärfahrzeugen vor dem Zentralfriedhof in Bergamo im Nordosten Italiens in Bewegung setzt. Die Lastwagen transportieren Särge mit Corona-Toten in benachbarte Städte in der Region Lombardei, weil das Krematorium in Bergamo bereits überlastet ist. Die Bilder des nächtlichen Beerdigungszuges gehen um die Welt – und zeigen, wie gefährlich Sars-CoV-2 sein kann.

Inzwischen scheint wieder mehr Ruhe in Bergamo eingekehrt zu sein. Die Tageszeitung „Il Fatto Quotidiano“ schreibt Ende Oktober, dass die Provinz im Oktober das langsamste Wachstum der Infektionszahlen in der gesamten Region gezeigt habe. Vom 2. bis 23. Oktober sei die Zahl der Corona-Infektionen um 6,9 Prozent gestiegen. Im nahe gelegenen Mailand seien es hingegen 60,7 Prozent gewesen. Die Zeitung spekuliert über eine bereits entstandene Herdenimmunität in Bergamo.

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Verhalten der Bürger ist wichtiger Einflussfaktor

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Wissenschaftler gehen davon aus, dass diese Form der Immunität erreicht ist, sobald sich 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung mit einem Erreger angesteckt und Antikörper entwickelt haben. Luca Lorini, Leiter der Abteilung für Notfallmedizin am Krankenhaus Papa Giovanni in Bergamo, glaubt, dass dieser Fall in Bergamo bereits eingetreten ist: „Die Antikörper schützen vor einer abermaligen Infektion. Darum erkranken die Menschen in Bergamo jetzt weniger“, sagte er der italienischen Tageszeitung.

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Der deutsche Epidemiologe Timo Ulrichs von der Berliner Akkon-Hochschule für Humanwissenschaften ist hingegen skeptisch, ob in Bergamo tatsächlich schon eine Herdenimmunität entstanden ist. „Es könnte sein, aber es gibt noch andere Faktoren, die das verlangsamte Wachstum der Infektionszahlen erklären könnten“, sagt er. Es könne sein, dass sich die Einwohner jetzt grundsätzlich vorsichtiger verhalten, nachdem sie im Frühjahr die direkten Auswirkungen der Corona-Pandemie durch Krankheit und Tod unmittelbar erfahren haben.

Antikörpertests sagen nur wenig über Immunschutz aus

Auch bei der Schutzwirkung der Antikörper ist Ulrichs zurückhaltender – und verweist auf Studien aus ehemaligen Corona-Hotspots wie Heinsberg: „Dort gab es zwar Antikörperträger, aber diese hatten dann zum Teil nicht so hohe Konzentrationen spezifischer Antikörper im Blut, als dass man davon ausgehen konnte, dass sie eine Immunität gegen Sars-CoV-2 besitzen.“ Wer sich mit dem Coronavirus ansteckt, ist nicht automatisch vor einer Reinfektion geschützt.

Deshalb seien Antikörpertests, wie sie in der brasilianischen Stadt Manaus und Indiens Hauptstadt Neu-Delhi durchgeführt wurden, nur bedingt aussagekräftig, so der Epidemiologe. Mehrere Berichte legen nahe, dass in den beiden Städten ebenfalls eine Herdenimmunität entstanden sein könnte.

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Antikörperstudie in Manaus nicht repräsentativ

So hatte eine von der indischen Regierung in Auftrag gegebene Corona-Antikörperstudie nachgewiesen, dass rund jeder Dritte Einwohner Neu-Delhis schon Antikörper gegen Sars-CoV-2 besitzt. Untersucht wurden Proben von 15.000 Bürgern.

Ein Team um Infektionsforscherin Ester Sabino vom Institut für Tropenmedizin der Universität von São Paulo hatte in Manaus ebenfalls Blutproben untersucht. In 44 Prozent der 1000 untersuchten Proben fanden die Wissenschaftler Antikörper. Weil die Antikörper mit der Zeit abnehmen, gehen die Forscher davon aus, dass sogar 66 Prozent der Blutspender mit Sars-CoV-2 infiziert waren. Dabei muss jedoch berücksichtigt werden, dass die Untersuchung nicht repräsentativ für die Bevölkerung ist. In Manaus leben rund 1,8 Millionen Menschen.

Herdenimmunität mit Impfstoffen verlässlicher

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Mithilfe von Antikörpertests lassen sich zwar Rückschlüsse auf den Grad der Durchseuchung einer Bevölkerung ziehen, aber nur bedingt auf das Ausmaß eines Immunschutzes. „Ob eine natürliche Durchseuchung einen Schutz gegen weitere Infektionen aufbaut, ist völlig unklar“, sagt Ulrichs. Zudem seien die Erkrankungs- und die Sterberate größer, wenn keine Maßnahmen getroffen werden, um das Virus einzudämmen. „Das hält kein Gesundheitssystem aus. Das kann man nicht riskieren wollen.“

Stattdessen ruhen alle Hoffnungen auf den Impfstoffen, die eine hohe Antikörper­konzentration gegen Sars-CoV-2 im Blut aufbauen können. Dem Verband Forschender Arzneimittel­hersteller zufolge laufen seit Beginn der Pandemie mindestens 225 Impfstoffprojekte weltweit. „Wir wissen ziemlich sicher, dass die Impfstoffe eine Herdenimmunität aufbauen können, die dann zum Ende der Pandemie führen wird“, zeigt sich Ulrichs optimistisch.

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