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Von Corona genesen, aber nicht gesund: Was Ärzte über Long Covid und Spätfolgen wissen

  • Lungenprobleme, Gedächtnisstörungen, Müdigkeit, Herz - und Nierenschäden: Mit dem Fortlaufen der Pandemie zeigen sich auch die Spätfolgen von Covid-19.
  • Das Tückische: Corona kann auch bei nahezu symptomlosen Infektionen auf lange Sicht Erkrankungen auslösen.
  • Long Covid ist auch in Deutschland längst keine Ausnahmeerscheinung mehr bei Covid-19-Patienten.
Uwe Herzog
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Der Schauspieler, der plötzlich nicht mehr richtig riechen und schmecken kann. Die Bankangestellte, die mit chronischer Erschöpfung kämpft. Der Ingenieur, der unter anhaltender Atemnot leidet. Der Sportler, der eine Entzündung am Herzen davonträgt. Bislang schienen diese und zahlreiche weitere Erkrankungen, die nach einer Infektion mit dem Sars-CoV-2-Virus auftraten, eher Einzelfälle zu sein. Doch neue wissenschaftliche Studien legen nahe: Viele Spätfolgen der tückischen Viruserkrankung sind längst keine Ausnahmeerscheinungen mehr.

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Welche Langzeit- und Spätfolgen treten nach einer Corona-Infektion auf?

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In Deutschland gibt es laut Johns-Hopkins-Universität bislang rund 1,3 Millionen Infektionen mit dem Coronavirus. Etwa 990.000 Infizierte gelten als „geheilt“. Allerdings betrifft dies nur die eigentliche Viruserkrankung: Wer mindestens 48 Stunden frei von typischen Covid-19-Symptomen wie Husten, Fieber oder Atemnot ist und zweimal negativ auf aktive Viren getestet wurde, gilt laut Robert-Koch-Institut (RKI) als „genesen“.

Dennoch leidet ein großer Teil der Infizierten – selbst nach milden Verläufen – an sogenannten Long-Covid-Erkrankungen: Dabei handelt es sich entweder um Beschwerden, die bereits während der Infektion auftraten und sich chronisch fortentwickelt haben – oder aber um Diagnosen, die erst einige Wochen oder gar Monate nach einer Covid-19-Erkrankung gestellt wurden.

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Der Corona-Impfstoff der Unternehmen Pfizer und Biontech könnte bereits vor Weihnachten auch in der EU zugelassen werden.  © dpa

Das RKI unterscheidet ein Dutzend verschiedene „Manifestationen, Komplikationen und Langzeitfolgen“, die nach Infektionen mit dem Coronavirus beobachtet werden konnten. Demnach halten vor allem Lungenschäden oft noch lange nach einer Behandlung auf der Intensivstation an. „Darüber hinaus kommen auch bei milderen Verläufen längerfristige Müdigkeitserscheinungen, Merkstörungen, Gedächtnisprobleme oder Wortfindungsstörungen vor. Auch wird in der Literatur von ungewöhnlichen Symptomen wie plötzlichem Erbrechen und starkem Schwindel berichtet“, so das RKI in einer vorläufigen Einschätzung zum Long-Covid-Phänomen.

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Neben den vom RKI genannten Beschwerden berichten Ärzte aber auch von gestörtem Geruchs- und Geschmackssinn, Hautschäden, Gelenkschmerzen, Haarausfall, Albträumen, Erektionsstörungen, anhaltend schlechten Nieren-, Leber- oder Schilddrüsenwerten bis hin zu Herz- und Gefäßerkrankungen. Zudem deutet eine Auswertung von Daten aus britischen Krankenhäusern darauf hin, dass 40 Prozent von in England behandelten Covid-19-Patienten eine „längerfristige Unterstützung benötigen“ und auch „milde Erkrankungen länger als vier Wochen andauern“, so das RKI.

Nur Einzelfälle – oder systematische Folgen von Covid-19?

Noch immer ist über den genauen Zusammenhang zwischen einer eigentlich längst überstandenen Corona-Infektion und daraus folgenden späteren Leiden wenig bekannt. Doch mittlerweile liegen neuere Erhebungen zur Entwicklung von Long Covid vor. So hat die Deutsche Krankenversicherung (DKV) kürzlich Daten von 10.000 Privatversicherten ausgewertet, die eine Covid-Erkrankung durchgemacht haben:

In rund 50 Prozent aller Fälle registrierte die DKV danach höhere Leistungsausgaben als vor der – eigentlich bereits überstandenen – Infektion. DKV-Vorstand Clemens Muth: „Unsere Auswertung zeigt: Patienten sind noch lange nicht gesund, nur weil sie als nicht mehr infektiös gelten. Eine Covid-19-Infektion belastet die Gesundheit weit über die direkte Erkrankung hinaus. Die Folgewirkungen einer solchen Infektion sind demnach alles andere als nur ein gesundheitlicher Bagatellschaden.“

Studie: Die Lunge kann sich regenerieren

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Auf zwei Monitoren sind am Klinikum Stuttgart Computertomographieaufnahmen der Lunge eines Covid-19-Patienten zu sehen. © Quelle: Sebastian Gollnow/dpa

Bei den häufig langwierigen Lungenschäden macht eine Studie aus den Niederlanden dennoch Hoffnung: Ärzte des Radboud University Medical Centers in Nijmegen hatten 97 Covid-Patienten Monate nach ihrem Krankenhausaufenthalt durchgecheckt. Ein Teil der 45 bis 73 Jahre alten Patienten musste während der akuten Infektion künstlich beatmet werden. Bei allen Untersuchten waren die Entzündungen der Lunge jedoch nach einiger Zeit ausgeheilt.

Die Röntgenbilder zeigten zudem, dass sich auch das vom Virus stark angegriffene Gewebe in den meisten Fällen deutlich erholt hatte. Allerdings lag der Sauerstoffgehalt im Blut mehrerer Patienten noch immer nicht im Normalbereich. Ein Teil von ihnen klagte zudem nach wie vor über Schwächezustände und Atemnot, wie Lungenarzt Bram van den Borst in einem Bulletin zur Studie berichtet.

In dem auf Long-Covid-Fälle spezialisierten Radboud Center werden nicht nur schwere Fälle nachbehandelt, die zuvor auf der Intensivstation lagen. Zunehmend überweisen auch Hausärzte Patienten, die nach scheinbar milden Infektionsverläufen unter massiven Beschwerden leiden. So zeigen mehr als 30 Prozent der ausschließlich ambulant versorgten Covid-Erkrankten trotz längst überstandener Infektion starke kognitive Einschränkungen.

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Auch rasche Ermüdungserscheinungen und Kurzatmigkeit treten nach den Befunden aus Nijmegen noch lange nach der eigentlichen Erkrankung auf – selbst dann, wenn zuvor keine Lungenentzündung bestand: „Auffällig ist, dass wir bei diesen Patienten kaum Anomalien in der Lunge festgestellt haben. Angesichts der Vielfalt und Schwere der Beschwerden besteht ein dringender Bedarf an weiteren Untersuchungen zu Erklärungen und Behandlungsmöglichkeiten“, so Studienleiter Bram van den Borst.

Herzmuskelentzündung bei Profisportler schreckt die Wissenschaft auf

Nicht immer erkennen Ärzte den direkten Zusammenhang akuter Beschwerden mit einer früheren Covid-19-Erkrankung. In manchen Fällen, so sagen Wissenschaftler, habe das Virus Folgeerkrankungen auch nur „getriggert“, für die bereits eine Disposition bestand. Im Fall des Wolfsburger Eishockeyspielers Janik Möser sind sich die behandelnden Ärzte jedoch sicher, dass die bei ihm festgestellte Herzmuskelentzündung wesentlich auf eine Corona-Infektion zurückzuführen ist. Dabei war die Infektion selbst mild verlaufen. Auch danach zeigte der 25-jährige Profisportler keine Beschwerden. Erst durch eine MRT kam die gefährliche Myokarditis ans Licht.

Nach Überzeugung des Sportmediziners Wilhelm Bloch können Herzerkrankungen bei starker körperlicher Belastung zum Tod führen, falls sie unbemerkt bleiben. Gegenüber dem RND sagte der Leiter der sportmedizinischen Abteilung an der Deutschen Sporthochschule Köln: „Das Virus ist heimtückisch. Corona kann zum Beispiel bei nahezu symptomlosen Infektionen Herzrhythmusstörungen verursachen, die auf den ersten Blick nicht bemerkt werden. Für einen Leistungssportler kann das im Extremfall tödlich sein, weil das Herz bei fast allen Profisportarten in besonderer Weise belastet wird”.

In einer groß angelegten Studie im Auftrag des Bundesinstituts für Sportwissenschaft sollen nun 2000 Athleten – darunter 500 prognostizierte Covid-19-Fälle – auf „Herz und Nieren“ gecheckt werden. Dabei wollen Forscher unter Leitung des Tübinger Sportarztes Andreas Nieß unter anderem unerkannte Organschäden aufspüren und dabei Zusammenhänge mit vorausgegangenen Corona-Infektionen prüfen.

Herzspezialistin warnt vor körperlicher Belastung bei Müdigkeitssymtomen

Doch auch außerhalb des Leistungssports hat der Fall Janik Möser Ärzte und Wissenschaftler alarmiert: „Vor allem junge und sportlich aktive Patienten, die unter Myokarditis als Spätfolge ihrer Covid-Infektion leiden, versuchen, Müdigkeitserscheinungen durch Training zu bekämpfen. Das sollten sie lieber nicht tun“, warnt die Frankfurter Kardiologin Valentina Puntmann.

Die Wissenschaftlerin leitet ein Studienprojekt zu Long-Covid-Herzleiden am Klinikum der Goethe-Universität: „Die Symptome treten meist erst einige Wochen nach der eigentlichen Infektion auf und können monatelang anhalten. Dazu zählen allgemeine Erschöpfung, Kurzatmigkeit, Herzrasen oder Druckgefühl auf der Brust. Die Betroffenen müssen lernen, dass die Ausheilung viel Geduld erfordert und oft nur in kleinen Schritten erfolgt“, betont Valentina Puntmann im Gespräch mit dem RND.

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Der Beginn des verheerenden Coronavirus war vermutlich ein Tiermarkt in Wuhan/China. In nur wenigen Wochen erreichte das Virus auch Europa.  © RND

Zusammen mit dem Herzspezialisten Eike Nagel untersuchte die Fachärztin 100 Patienten im Durchschnittsalter von 49 Jahren, die zuvor an Covid-19 erkrankt waren. Die meisten von ihnen hatten während ihrer Infektion nur leichte Symptome gezeigt und waren überwiegend zu Hause genesen. Dennoch ergaben die MRT-Messungen der Frankfurter Forscher bei 78 Probanden Unregelmäßigkeiten am Herzen.

Bei 60 der 100 untersuchten Patienten wurde gar eine Herzmuskelentzündung diagnostiziert. Da lagen die ursächlichen Corona-Infektionen bereits Monate zurück. Eine Studie der Ohio State University kommt zu ähnlichen Befunden: Von 26 dort untersuchten Leistungssportlern, die leichte Corona-Infektionen hinter sich gelassen hatten, zeigten 16 kardiologische Befunde. Bei vier Profisportlern lag zudem eine Myokarditis vor. Alle waren vor ihrer Covid-Erkrankung kerngesund.

US-Studie deckt Nierenschäden nach Corona-Infektionen bei Kindern auf

Gleich mehrere internationale Studien belegen: Nicht nur schwer verlaufende Corona-Infekte können zu – vielfach unentdeckten – Schäden an Organen, Gefäßen oder Nervensystem führen. Und längst sind nicht nur Erwachsene vom Post-Covid-Syndrom betroffen: So untersuchte etwa das Kinderkrankenhaus in der US-Metropole Philadelphia 50 Kinder, von denen knapp die Hälfte keine oder nur geringe Symptome nach einer Corona-Infektion aufwies. Die anderen waren schwerer an dem Virus erkrankt. Doch unabhängig vom Grad der Erkrankung fanden die Ärzte unter Leitung von Caroline Diorio erhöhte Thrombosewerte in sämtlichen Blutproben.

Gemessen wurde unter anderem der sC5b9-Wert, der bei einer Überreaktion des Immunsystems eine Rolle spielt und Hinweise auf sogenannte thrombotische Mikroangiopathien (TMA) liefert. Solche Mikrothrombosen sind unter anderem für Nierenfunktionsstörungen verantwortlich: „Besonders auffällig ist das Vorhandensein von erhöhtem sC5b9 auch bei Kindern mit minimalen Symptomen einer Covid-19-Krankheit“, schreiben die Forscher in ihrer vor wenigen Tagen im Fachmagazin „Blood Advances veröffentlichten Studie.

Die überraschenden Ergebnisse veranlassen die US-Forscher zu einer deutlichen Warnung: „Bei Patienten mit TMA können lebenslange klinische Probleme auftreten – einschließlich Bluthochdruck, Hochdruck der Lunge, Schlaganfälle oder chronischer Nierenerkrankungen. Es ist daher möglich, dass eine thrombotische Mikroangiopathie auch bei Kindern aufgrund einer Sars-CoV-2-Infektion langfristige Folgen hat“.

In einer weiteren, größer angelegten Studie untersuchten US-Wissenschaftler Kinder, die unter dem sogenannten multiinflammatorischen Syndrom (MIS-C) leiden – eine schwere Entzündungskrankheit, die Gefäße und Herz schädigen kann. 84,7 Prozent der insgesamt 628 untersuchten Kinder waren coronapositiv. Oft gingen dem MIS-C „stumme“ Infektionen ohne typische Atemwegssymptome voraus.

Deutschland hinkt bei Long-Covid anderen Ländern hinterher

Trotz der beunruhigenden Forschungsergebnisse seien viele Betroffene hierzulande noch immer weitgehend auf sich selbst gestellt, sagt die Frankfurter Herzspezialistin Valentina Puntmann: „Medizinische Programme für Long-Covid-Patienten sind in Deutschland schwer zu finden. Dabei wären eine gezielte Physiotherapie und auch eine psychologische Betreuung sehr hilfreich“.

Bislang gibt es nur wenige Reha-Kliniken, die auf Long-Covid-Patienten spezialisiert sind. Im mecklenburgischen Badeort Heiligendamm werden Gymnastik- und Atemübungen angeboten, die der Kräftigung und Stabilisierung von Corona-Langzeitpatienten dienen. Und in Jena kümmert sich eine speziell eingerichtete Ambulanz um Menschen, die unter Post-Covid-Erkrankungen leiden. Doch eine flächendeckende Versorgung scheint noch in weiter Ferne. Und zahlreiche internationale Studien zeigen: Auch bei der Erforschung der Corona-Folgeerkrankungen hinkt Deutschland dem weltweiten Wissenspool bislang deutlich hinterher.

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