Corona-Forschung: Die Chef-Varianten-Jägerin aus Cambridge

  • Um Corona-Mutationen auf die Spur zu kommen, spielt die Sequenzierung der Viren eine entscheidende Rolle.
  • Großbritannien liegt dabei ganz vorn – dank der Initiative COG-UK rund um die Mikrobiologin Sharon Peacock.
  • Der "Chef-Varianten-Jägerin“ ist dabei über ihre wissenschaftliche Arbeit hinaus Bemerkenswertes gelungen.
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London. Am 4. März 2020 waren es gerade einmal 84 bestätigte Corona-Fälle im Vereinigten Königreich. Doch schon damals war für die Mikrobiologin Sharon Peacock klar, dass die britischen Labore sich stärker auf die genetische Untersuchung des neuen Virus konzentrieren müssten, um ihm Einhalt zu gebieten. Sie schloss sich mit Kolleginnen und Kollegen in ganz Großbritannien zusammen und schmiedete einen Plan.

Der genaue Blick auf das Erbgut des Corona-Virus und konsequente Genom-Sequenzierung sollte sich als hilfreiches Werkzeug im Kampf gegen Covid-19 erweisen: beim Aufspüren der Verbreitungswege, bei der Kontrolle von regionalen Ausbrüchen – und bei der Entwicklung von Impfstoffen. Denn mit der genetischen Überwachung des Erregers kommen die Forscher auch Virusvarianten auf die Schliche und können deren Spuren nachverfolgen.

„Der Welt gezeigt, wie man es macht“

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Innerhalb eines Monats sicherten sich die Cambridge-Professorin Peacock und ihre Mitstreiter 20 Millionen Pfund (rund 23 Millionen Euro) Unterstützung der Regierung. Dank ihrer Initiative steht Großbritannien nun mit an der Spitze bei der schnellen und umfangreichen Analyse von Corona-Gen-Material. Aktuell liegt der Schwerpunkt auf den Varianten. Die Forscherinnen und Forscher versuchen, schnellstens Mutationen zu entdecken, die möglicherweise gefährlicher sind oder den bisherigen Impfstoffen entkommen können. Diese Informationen sind entscheidend für die Weiterentwicklung der Vakzine und der Suche nach neuen Impfstoffen gegen ein sich stetig veränderndes Virus.

„Sie haben der Welt gezeigt, wie man es macht“, sagt der Medizinexperte Eric Topol vom US-Forschungsinstitut Scripps Research in San Diego über die Briten. Das von Peacock mit ins Leben gerufene Covid-19 UK Genomics Consortium - bekannt als COG-UK - ist inzwischen fest etabliert. Die 62 Jahre alte Cambridge-Professorin ist seine Exekutivdirektorin.

Entdeckerin von B.1.1.7

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Allein in der ersten Märzwoche dieses Jahres sequenzierte COG-UK 13 171 Viren. Vor einem Jahr im März waren es in den ersten zwölf Arbeitstagen von COG-UK noch 260, wie aus den Berichten der Gruppe hervorgeht. Der Genom-Check folgt einem klaren System: Positive Corona-Tests aus den Krankenhäusern und kommunalen Testzentren werden an ein Netzwerk von 17 Labors geschickt, in denen Wissenschaftler das Gen-Material jeder Probe analysieren, um den Code jedes Virus zu identifizieren.

Die Ergebnisse werden mit weiteren Gesundheitsdaten der Behörden abgeglichen, um die Verbreitung von Covid-19 und seinen Varianten besser zu verstehen und nachzuvollziehen. Wenn also in einer Region Mutationen gefunden werden und die Infektionsfälle dort ansteigen, ohne dass sonstige Gründe erkenntlich sind, deutet das klar auf die Gefährlichkeit einer neuen Variante hin. So wie Ende vergangenen Jahres im Südosten Englands: Dort fanden die Forscher eine Variante mit einer Reihe von Mutationen – die mittlerweile quer durch Europa verbreitete und deutlich ansteckendere B.1.1.7.

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Die wissenschaftliche Detektivarbeit sei wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen, meint die Mikrobiologin Peacock. Denn die Forscherinnen und Forscher müssten sich durch das Gen-Material Tausender harmloser Varianten arbeiten, um die wenigen gefährlichen aufzuspüren. Ihre Arbeit sei aber immens wichtig und ausschlaggebend, um zu verstehen, welche Varianten in Umlauf seien, betont Peacock. Das habe besonders für die Impfstoffentwicklung und die Anpassung der bisherigen Vakzine Konsequenzen.

Forscher zur Zusammenarbeit bewegt

Weltweit tragen inzwischen mehr als 120 Länder Corona-Genomsequenzen zusammen. Gebündelt wird dies bei GISAID, einer globalen Wissenschaftsinitiative zum Datenaustausch, die ursprünglich zum Nachverfolgen von Influenza-Viren gegründet wurde. Island, Australien, Neuseeland und Dänemark sequenzieren dabei noch einen größeren Prozentsatz ihrer Covid-19-Fälle als Großbritannien. Angesichts der Größe des Vereinigten Königreichs und der hohen Zahl der Infektionen stehen die Briten mit COG-UK aber an der Sequenzierungs-Spitze. Von den knapp 898.000 Sequenzierungen in der GISAID-Datenbank stammen bislang 379.294 aus dem Vereinigten Königreich.

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Ein großen Teil des Erfolgs schreiben Kolleginnen und Kollegen der Initiatorin Peacock zu. Sie habe es geschafft, führende Wissenschaftler dazu zu bringen, ihre akademischen Rivalitäten beiseitezuschieben und im Kampf gegen die Pandemie zusammenzuarbeiten, sagt COG-UK-Analyseexperte Andrew Page. Peacock hat dies unter anderem den Spitznamen „Chef-Varianten-Jägerin“ eingebracht. Die 62-Jährige selbst nennt sich bescheiden „Wissenschaftlerin“. Vielleicht gebe es einen besseren Ausdruck für ihre Arbeit, sagt sie. „Aber Wissenschaftlerin passt schon.“

RND/AP

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