Wovon die Szenarien im März ausgingen – und wie sich die Corona-Lage entwickelt hat

  • Im März gingen verschiedene Modellierungen von düsteren Prognosen für das Frühjahr aus.
  • Die dritte Welle hat sich wie erwartet mit einem hohen Infektionsgeschehen in der Bevölkerung und höherer Belastung in den Kliniken entwickelt.
  • Zum Worst-Case-Szenario ist es aber nicht gekommen.
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Seit Beginn der Pandemie ziehen Politiker bei den Entscheidungen zur Pandemiebekämpfung auch die Einschätzungen von Wissenschaftlern zu Rate. Errechnete Szenarien, wie sich das Infektionsgeschehen in naher Zukunft weiterentwickeln könnte, dienen als eine Orientierung, um ensprechende Regeln zu beschließen.

Von welchen Szenarien sind Wissenschaftler noch vor Beginn der dritten Welle ausgegangen – und wie hat sich die Lage dann bis Ende April entwickelt?

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Mit welchen Szenarien im März gerechnet wurde

Das RKI hatte Mitte März Szenarien berechnet, nach denen die Inzidenz bei gleichbleibendem Wachstum zu Ostern bei 350 liegen könnte. Im schlimmsten Fall, bei steiler ansteigender Wachstumskurve, hätten auch Inzidenzwerte von über 500 möglich sein können. Vor allem die britische Variante B.1.1.7 machte den Experten Sorge. Man gehe wegen seiner Ausbreitung von einer starken Zunahme der Fallzahlen aus, hatte das RKI gewarnt. Der Anteil hatte damals bereits bei mindestens 50 Prozent gelegen.

Modelle von Forschenden der Technischen Universität Berlin unter der Leitung von Prof. Kai Nagel rechneten Mitte März damit, dass ohne weitere Anstrengungen – etwa durch noch mehr Kontaktbegrenzungen – die dritte Welle höhere Inzidenzen aufweisen könnte als die zweite. Im Mai sei im Worst-Case-Szenario in Deutschland mit einer Sieben-Tages-Inzidenz von etwa 2000 zu rechnen.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hatte angesichts von Nagels Prognosen gewarnt, es sei dann mit „einer massiven Zunahme der Covid-Toten und -Invaliden“ zu rechnen. Sterben könnten „weit mehr als in allen Wellen bisher“. Auch die Schnelltests könnten das „nur bremsen, nicht voll vermeiden“.

Ein für die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung der Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) entwickeltes Modell um den Mathematiker Andreas Schuppert von der Technischen Hochschule Aachen zeigte Anfang März mögliche Szenarien, auf die sich die Kliniken und Intensivstationen einstellen mussten. Da zu diesem Zeitpunkt noch kein nennenswerter Impf- und Temperatureffekt zu verzeichnen war, rechneten alle Szenarien ab Mitte März mit einem wieder einsetzenden starken Anstieg bei der Anzahl der Covid-19-Patienten mit schwerem Verlauf.

Es seien Spitzenbelastungen mit weit über 4000 Covid-19-Patienten zu befürchten, hieß es. Erneut müssten dann auch andere Operationen, etwa von Tumor- und Herzpatienten, abgesagt werden.

Auch die Mathematikprofessorin Anita Schöbel, die als Leiterin des Fraunhofer-Instituts für Techno- und Wirtschaftsmathematik Modellierungen berechnet, ging davon aus, dass es im April wieder sehr hohe Fallzahlen in Deutschland geben würde – vor allem bei zu frühen Lockerungen „Es wird zwar zu sehen sein, dass die Sterblichkeit im Frühsommer durch die Impfungen nicht mehr so hoch ist wie jetzt“, sagte Schöbel Mitte Februar dem RND. „Wenn die Neuinfektionen bei Lockerungen aber drastisch steigen, werden sie auch wieder Erkrankungen und Todesfälle nach sich ziehen.“

Die Zahl der Kontakte sei wahrscheinlich noch bis zum Sommer der relevantere Faktor als die Impfgeschwindigkeit. Sie appellierte: Die Infektionsdynamik hänge also weiterhin sehr stark davon ab, wie sich die Menschen verhalten.

Wie hat sich die Lage nun bis Ende April entwickelt?

Die schlimmsten Szenarien haben sich bislang nicht eingestellt, aber die dritte Welle ist deutlich zu spüren. Die Sieben-Tage-Inzidenz bewegte sich in den vergangenen Tagen um den Wert von 160 – statt um 300, wie ein RKI-Szenario vom März befürchtete. „Nach einem vorübergehenden Rückgang der Fallzahlen über Ostern hat sich der starke Anstieg der Fallzahlen zunächst fortgesetzt, seit Mitte April hat sich die Zunahme etwas abgeschwächt“, berichtet das RKI in seinem aktuellen Situationsbericht vom 28. April.

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Gründe für den zwischenzeitlichen Einknick gibt es mehrere. So hat sich beispielsweise das Verhalten der Menschen zwischenzeitlich verändert. Über die Osterferien hat sich dem Modellierer Jan Fuhrmann zufolge ein deutlicher Rückgang der Mobilität gezeigt, allerdings nur vorübergehend. Zudem gibt es einzeln vereinbarte Notbremsen auf regionaler Ebene und inzwischen auch erneut verschärfte Maßnahmen durch die Bundesnotbremse.

Zudem wurden die Impfungen im April beschleunigt: Stand heute sind 7,3 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft, 23,9 Prozent haben eine erste Dosis erhalten.

Die Sieben-Tage-Inzidenz befindet sich aber deutschlandweit weiter auf hohem Niveau, berichtet das RKI. Immerhin: Der Sieben-Tage-R-Wert liegt aktuell wieder unter der kritischen Marke von 1. Diese Kennzahl ist aber oft unsicher. In den vergangenen Wochen wurden Werte, die am Anfang einer Woche berichtet wurden, typischerweise leicht nach oben korrigiert. Sie hatten also das reale Infektionsgeschehen in Deutschland leicht unterschätzt. Gegen Ende einer Woche geschätzte Werte sind oft stabiler, so das RKI.

Wie erwartet, ist die ansteckendere Variante B.1.1.7 inzwischen vorherrschend. Die Fallzahlen stiegen in den vergangenen Wochen wie vorausgesagt in allen Altersgruppen wieder, besonders stark jedoch in jüngeren Altersgruppen. Auch bei den über 80-Jährigen hat sich der wochenlang abnehmende Trend nicht fortgesetzt. Covid-19-bedingte Ausbrüche betreffen insbesondere private Haushalte, aber auch Kitas, Schulen und das berufliche Umfeld, während die Zahl der Ausbrüche in Alters- und Pflegeheimen abgenommen hat.

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Wie erwartet ist bundesweit seit Mitte März wieder ein deutlicher Anstieg bei den Erkrankten auf den Intensivstationen zu verzeichnen. Wie erwartet sind es deutlich mehr als 4000 Patienten, was eine erhebliche Belastung für das Personal bedeutet und das Verschieben von Behandlungen aus anderen Bereichen nach sich zieht. Laut dem RKI ist das eine Folge des Anstiegs der Fallzahlen insgesamt und den Infektionen durch B.1.1.7.

Allerdings ist es bislang nicht zum Worst-Case-Szenario mit bis zu 9000 Patienten gekommen, wie auch der Intensivmediziner und Divi-Beauftragte für das Intensivregister Christian Karagiannidis in einem Twitter-Beitrag vor wenigen Tagen verdeutlichte:

Glücklicherweise ist es bislang auch nicht zu sehr viel mehr Verstorbenen als noch während der zweiten Infektionswelle im Winter gekommen – wie etwa Karl Lauterbach Mitte März noch befürchtete. Pro Woche werden momentan im Schnitt rund 1000 an und mit dem Coronavirus Verstorbene gemeldet. Zum Höhepunkt der zweiten Welle waren es mehr als dreimal so viele.

Was können Corona-Szenarien leisten?

In Deutschland gibt es verschiedene Modellierergruppen: etwa beim Robert-Koch-Institut, am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen, am Forschungszentrum Jülich, an der RWTH Aachen. Sie alle können in der Regel nicht den Effekt einer einzelnen Maßnahme bewerten, sondern speisen bei der Berechnung möglicher Szenarien – je nach mathematischem Modell – unterschiedliche Daten ein.

Dabei wird nicht nur die Inzidenz betrachtet. Es finden unter anderem auch die Kontaktrate und Mobilitätsdaten Eingang, auch verschiedene Annahmen zu Eigenschaften von B.1.1.7 fließen ein, bei einigen Berechnungen sind auch Krankenhausdaten, Temperatur- und Impfeffekte involviert.

Da genau das auch die Faktoren sind, die sehr stark vom konkreten Verhalten der Bevölkerung abhängen, sind die Berechnungen nicht als Abbildung der Wirklichkeit oder konkrete Prognose zu verstehen, sondern als mögliche und sich auch wieder veränderbare Szenarien – je nachdem, wie die Faktoren zusammenspielen. Es gibt also Best-Case-Szenarien und Worst-Case-Szenarien.

Der Artikel wurde am 28. April in aktualisierter Fassung veröffentlicht.

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