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Corona-Faktencheck: Steigt die Sieben-Tage-Inzidenz, weil mehr getestet wird?

  • In den vergangenen Wochen ist die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz deutlich gestiegen.
  • Grund dafür sei, dass mehr Corona-Tests durchgeführt werden, sagen einige Experten.
  • Was ist dran an dieser Behauptung? Ein Faktencheck.
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Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz ist zu einer der wichtigsten Corona-Kennzahlen geworden. Das Robert Koch-Institut (RKI) bezifferte sie am Montagmorgen mit 165,3 Fällen pro 100.000 Einwohner. Damit ist die Inzidenz in den vergangenen Monaten deutlich gestiegen. Mitte Februar lag sie noch bei rund 60 Fällen pro 100.000 Einwohner.

Auch für die Corona-Notbremse soll die Sieben-Tage-Inzidenz eine entscheidende Rolle spielen: Beträgt sie in einer Stadt oder einem Landkreis drei Tage hintereinander über 100 Fälle pro 100.000 Einwohner, sollen dort die meisten Geschäfte geschlossen bleiben und Ausgangsbeschränkungen gelten. So sieht es der von der Bundesregierung erarbeitete Entwurf zur Änderung des Infektionsschutzgesetzes bisher vor. Mehrere Corona-Experten bemängeln jedoch, dass sich die Inzidenz längst von der eigentlichen Corona-Lage entkoppelt habe.

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Positivenrate hat sich in vier Wochen fast verdoppelt

„Dieser Wert war schon immer problematisch, aber inzwischen wird er richtiggehend untauglich“, sagte etwa Epidemiologe Gérard Krause im tagesschau.de-Interview. Der Leiter der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig verwies darauf, dass inzwischen mehr Corona-Tests durchgeführt werden würden. Dies führe dazu, dass mehr Infektionen entdeckt werden, die zuvor unerkannt geblieben wären. Dem pflichtete der Virologe Klaus Stöhr bei: „Mit Zunahme der Schnelltests findet man mehr asymptomatische Fälle, die sonst im ‚Dunkelfeld‘ geblieben wären“, erklärte er der „Bild“-Zeitung.

In der 14. Kalenderwoche (5. bis 11. April) wurden nach Angaben des RKI insgesamt 1.152.511 Corona-Tests durchgeführt. In der Vorwoche sind es 1.167.760 Testungen gewesen. Davor waren es wiederum 1.415.220 Corona-Tests. Die Zahl der Testungen variierte also in den vergangenen Wochen. Trotzdem ist die Positivenrate kontinuierlich gestiegen – was der These von Stöhr und Krause widerspricht.

Die Positivenrate gibt an, wie viele der durchgeführten Corona-Tests tatsächlich positiv ausfallen. In der 14. Kalenderwoche lag der Anteil der positiven Tests bei 12,04 Prozent. Eine Woche zuvor waren es 10,98 Prozent, davor 9,32 Prozent. Ein Blick auf die RKI-Statistik zeigt zudem, dass sich die Positivenrate innerhalb der vergangenen vier Wochen sogar fast verdoppelt hat.

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Sieben-Tage-Inzidenz „sehr guter Indikator“

Geht man davon aus, dass der Anstieg der Sieben-Tage-Inzidenz auf die vermehrten Testungen zurückgeht, „sollte der prozentuale Anteil der positiven Befunde eigentlich deutlich geringer werden“, sagte Matthias Orth dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Leider ist gerade das Gegenteil der Fall.“ Orth ist Vorstandsmitglied im Berufsverband Deutscher Laborärzte und Chefarzt des Instituts für Laboratoriumsmedizin im Stuttgarter Marienhospital. Seiner Ansicht nach ist die Sieben-Tage-Inzidenz zurzeit ein „sehr guter Indikator“, weil in Deutschland ein diffuses Infektionsgeschehen herrscht.

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Corona-Lage in Deutschland: RKI meldet 11.437 Neuinfektionen
1:01 min
Die Gesundheitsämter in Deutschland haben dem Robert Koch-Institut (RKI) binnen eines Tages 11.437 Corona-Neuinfektionen gemeldet.  © dpa

Auch Charité-Virologe Christian Drosten hatte vor einigen Tagen der Aussage widersprochen, dass mehr Testungen zu einem Anstieg der Sieben-Tage-Inzidenz führten, und auf die Positivenrate verwiesen. Der Anteil der positiven Tests deute darauf hin, dass relativ zu den wahren Fällen weniger und zielgerichteter getestet wird. „Dies ist wahrscheinlich der Beitrag der Schnelltests (mehr positiv vorgetestete Patienten bekommen PCR)“, schrieb Drosten auf Twitter.

Lauterbach: Schnelltests finden kaum asymptomatische Fälle

„Gerade junge Menschen mit leichten Symptomen, die einen positiven Selbsttest gemacht haben, gehen oft gar nicht mehr zur Bestätigung durch die PCR und tauchen in den Zahlen gar nicht auf“, sagte zudem der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach der „Bild“-Zeitung. Damit dürfte die tatsächliche Sieben-Tage-Inzidenz sogar höher sein als die gemeldete.

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Gleichzeitig widersprach Lauterbach der Behauptung des Virologen Stöhr. „Dass durch die Schnellteststrategie zahlreiche zusätzliche Fälle gefunden werden, stimmt nicht“, so der Epidemiologe. Die Qualität der Corona-Schnelltests sei zu gering, um beispielsweise asymptomatische Fälle nachzuweisen.

Selbsttests sind bei niedriger Viruslast weniger zuverlässig

Drosten schätzt, dass 40 bis 60 Prozent der Infektionen bei Schnelltests übersehen werden. „Die Schnelltests schlagen erst am Tag eins nach Symptombeginn an, da ist man aber schon drei Tage lang infektiös“, sagte der Virologe im NDR-Podcast „Coronavirus-Update“. „Wenn man davon ausgeht, dass eine infizierte Person in der Regel acht Tage lang ansteckend ist, heißt das: An fünf von acht Tagen entdecke ich mit dem Antigentest eine Infektion, an drei Tagen werde ich sie übersehen.“

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Ebenso aussagekräftig sind die Selbsttests für Laien. In seiner neuesten Ausgabe des Epidemiologischen Bulletins schrieb das RKI, dass bei Testpersonen mit einer niedrigen Viruslast von einer deutlich niedrigeren Sensitivität ausgegangen werden müsse. Die Sensitivität gibt an, wie viel Prozent der positiven Testpersonen tatsächlich als positiv erkannt werden. Ist ein Corona-Test kaum sensitiv, kann er mitunter falsch negative Ergebnisse anzeigen.

Zuverlässiger seien Selbsttests, wenn sie bei einer hohen Viruslast beziehungsweise in der ersten Erkrankungswoche angewendet werden. Dann würden sie eine ähnlich hohe Sensitivität aufweisen wie Corona-Schnelltests, für die es medizinisch geschultes Personal braucht. Goldstandard bleibe jedoch der PCR-Test, heißt es vom RKI. Deshalb müsse ein positiver Selbst- und Schnelltestbefund immer durch eine PCR bestätigt werden.

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