Pandemiebeschleuniger Fußball-EM? Wieso das wahrscheinlich ist

  • Nach dem Start der Fußball-EM im Juni bemerken erste Länder inzwischen vermehrt Corona-Fälle, die im Zusammenhang mit den Spielen in den Stadien stehen.
  • Die WHO fürchtet, dass sich dadurch die Delta-Variante in Europa schneller ausbreitet.
  • Das ist aus mehreren Gründen ein wahrscheinliches Szenario.
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Bei den ersten Spielen während der Fußball-EM ist es vermehrt zu Ansteckungen unter Fans aus ganz Europa gekommen. In mehreren europäischen Ländern melden die Gesundheitsbehörden inzwischen im Zusammenhang mit Spielen festgestellte Fälle aus der zweiten Junihälfte – auch mit der ansteckenderen Delta-Variante.

Schottland, Dänemark, Finnland: Fußball-EM-Fälle bereits im Juni

In Schottland etwa lassen sich nach offiziellen Angaben knapp 2000 Corona-Fälle in Verbindung mit Spielen der EM bringen. Zwei Drittel von 1991 positiv Getesteten seien Fans, die entgegen der Ratschläge aus dem Norden zu Spielen nach London gereist seien, wie die Gesundheitsbehörde Public Health Scotland am Mittwoch mitteilte. Am 18. Juni hatten die Schotten in London gegen England gespielt. Knapp 400 betroffene Personen aus Schottland sollen im Stadion gewesen sein, während in der Innenstadt Tausende weitere Fans Straßen und Plätze bevölkerten.

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Die Infektionszahlen beziehen sich auf positiv Getestete, die während ihrer ansteckenden Phase EM-Spiele oder Fan-Events besucht haben – und zwar zwischen dem 11. und dem 28. Juni. Drei Viertel der Infizierten waren der Behörde zufolge zwischen 20 und 39 Jahre alt, neun von zehn waren Männer.

Nach dem Spiel zwischen Dänemark und Russland wurden am vergangenen Montag in Kopenhagen 16 Menschen positiv auf das Coronavirus getestet. Darunter sei viermal die Delta-Variante nachgewiesen worden, teilte die dänische Behörde für Patientensicherheit über Twitter mit. Alle Zuschauer auf der Tribüne B – eine Tribüne hinter einem der beiden Tore – wurden daraufhin zum PCR-Test aufgefordert. Delta-Befunde gab es auch nach dem vorherigen Dänemark-Spiel gegen Belgien: Die Variante sei bei neun Fans entdeckt worden, schrieb die Behörde.

Auch Finnland berichtet von rund 300 Fans, die infiziert von der EM zurückgekehrt seien. Rund 800 Menschen seien zudem ohne Test eingereist, weil die Testkapazitäten an der Grenze nicht ausgereicht hätten. Aus Schweden kommen ähnliche Klagen. In Ungarn, wo in Budapest vor vollen Rängen gespielt wird, war nach dem Spiel der Franzosen gegen Ungarn der Fall einer positiv getesteten französischen Familie bekannt geworden.

Bei den drei EM-Spielen in München waren dem Gesundheitsreferat zuletzt zwölf positive Schnelltests gemeldet worden. Bei „mehreren Tausend Testungen“ seien sechs Personen positiv gewesen, die ins Stadion gehen wollten. Sechs weitere positiv getestete Fans waren aus anderen Gründen wegen der EM in der Stadt, etwa zum Public Viewing.

Sankt Petersburg und London: Die größten EM-Spiele stehen noch bevor

Mit besonderer Sorge blicken Politiker und Corona-Expertinnen und -Experten deshalb und wegen der Ausbreitung der Delta-Variante auf die weiteren geplanten Wettkämpfe. In der Kritik stehen insbesondere das Viertelfinalspiel im Delta-Hotspot in Sankt Petersburg und das Endspiel in London, bei dem rund 60.000 Zuschauerinnen und Zuschauer im Wembley-Stadion erwartet werden.

So sprach Bundessportminister Horst Seehofer von einem absolut verantwortungslosen Verhalten der Uefa. RKI-Präsident Lothar Wieler betonte mehrfach, dass Zehntausende Fans im Stadion aus infektionsmedizinischer Sicht „keine gute Idee“ seien. Auch nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) tragen die großen Turniere zu einer schnelleren Verbreitung der Delta-Variante in Europa bei. „Ja natürlich, wir sind eindeutig besorgt“, sagte der WHO-Regionaldirektor für Europa, Hans Kluge, am Donnerstag in Kopenhagen.

Ein scharfes Urteil fällte auch Gesundheitsexperte und SPD-Politiker Karl Lauterbach, nachdem 45.000 Fans beim Achtelfinale im Londoner Wembley-Stadion das Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen England verfolgt hatten. „Das Spiel hat gestern noch mal gezeigt wie eng die Fans stehen, wie oft sie sich umarmen und anschreien“, schrieb Lauterbach auf seinem Twitter-Account und rechnete grob ein wenig freudvolles Szenario vor: „Es haben sich sicherlich Hunderte infiziert und diese infizieren jetzt wiederum Tausende. Die Uefa ist für den Tod von vielen Menschen verantwortlich.“

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Hohe Zuschauerzahlen trotz Delta-Variante – Kritik an Uefa
1:06 min
Tausende Fans feierten – oder trauerten – erst am Dienstag wieder im Londoner Stadion, trotz der Gefahr durch die Delta-Variante.  © dpa
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Die große EM-Frage: Wie viele Corona-Ansteckungen gibt es noch?

Erst in den kommenden Tagen und Wochen lässt sich anhand von Fallzahlen ablesen, ob sich die prognostizierten Ansteckungen von Gesundheitsbehörden, Politik sowie Epidemiologie und Virologie bewahrheiten. Dass erste Infektionen unter Zuschauerinnen und Zuschauern oder auf Fanmeilen per Schnelltest oder PCR entdeckt wurden, ist besser, als wenn sie erst gar nicht registriert worden wären. Dann können sich Betroffene isolieren und größere Ansteckungsketten möglicherweise noch vermeiden.

Günstig ist auch, dass Stadien keine geschlossenen Räume darstellen. Übertragungen im Außenbereich kommen seltener vor und haben einen geringen Anteil am gesamten Transmissionsgeschehen. Die Dunkelziffer der Ansteckungen und weiterführenden Infektionsketten könnte aber auch bereits um einiges höher sein als die bisher verzeichneten Corona-Fälle. Und die Wahrscheinlichkeit, dass es zu weiteren Infektionen kommen kann, ist hoch. Acht Faktoren spielen dabei eine entscheidende Rolle:

  • Schnelltests springen oft erst an, wenn jemand besonders stark infektiös ist. Sie sind nur eine zeitlich eng begrenzte Momentaufnahme und müssen regelmäßig wiederholt werden.
  • Beim Reisen und beim Feiern außerhalb der Stadien werden, wie etwa in Finnland geschehen, wegen begrenzter Kapazitäten nicht alle Menschen getestet.
  • Bilder aus den Stadien zeigen, dass Maske tragen und Abstand halten oft nicht eingehalten werden. Naher Kontakt kann dann auch in nicht geschlossenen Räumen zum Problem werden, weil größere infektiöse Virenpartikel per Tröpfcheninfektion direkt übertragen werden können – vor allem beim lauten Sprechen, Schreien und Singen.
  • Wie die schottische Gesundheitsbehörde meldete, sind die meisten infizierten Fans zwischen 20 und 39 Jahre alt. Es ist zu vermuten, dass die Quote der vollständig Geimpften unter den Stadionbesuchern deshalb noch nicht sehr hoch ist.
  • Wer bereits Virus ausscheidet, muss nicht unbedingt Symptome verspüren und kann unbemerkt andere anstecken.
  • Bei der ansteckenderen Delta-Variante ist die Übertragungswahrscheinlichkeit noch einmal höher. Auch Geimpfte und Genesene können Überträger des Virus sein.
  • Die Inkubationszeit nach einer Ansteckung beträgt in der Regel fünf bis sechs Tage. Es könnten also in den kommenden Tagen noch mehr Infektionen auftauchen - auch nach der Heimkehr nach Hause, auch unbemerkt.
  • Die Kontaktnachverfolgung ist bei so großen Events erschwert. Für die regionalen Gesundheitsämter vor Ort ist es in der Praxis schwierig, den Nachweis über den tatsächlichen Infektionsort zu bringen - gerade auch, wenn es sich um ein internationales Publikum handelt.

Superspreading-Events treffen ganz Europa: Das Beispiel Ischgl

Dass feiernde Menschenmengen mit internationalem Publikum zu europaweiten Ansteckungen ein besonderes Risiko für den Pandemieverlauf darstellen können, hat bereits zu Beginn der Pandemie eindrücklich das Superspreading-Ereignis im österreichischen Ischgl im Februar/März 2020 gezeigt. Am Party-Skiort und insbesondere in einer Après-Ski-Bar aus steckten sich viele Urlauber mit dem Coronavirus an, und brachten den Erreger dadurch in den Folgewochen in ganz Europa in Umlauf.

mit Material von dpa

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