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Sachverständige zu Corona-Maßnahmen

Gemischtes Urteil: Wie sinnvoll waren nun Maskenpflicht, Lockdown und Schulschließungen?

Ein Mann sitzt mit FFP2-Maske in einer Bahn. Die Maskenpflicht in Bus und Bahn gilt weiterhin.

Ein Mann sitzt mit FFP2-Maske in einer Bahn. Masken schützen, wenn man sie korrekt trägt, betonen Experten und Expertinnen.

Den Menschen wurde so einiges abverlangt. Belastende Kontaktbeschränkungen, Schul­schließungen, ja gar harte Lockdowns. Und immer wieder die Maske tragen. Doch haben die bisherigen Corona-Schutzmaßnahmen auch tatsächlich etwas gebracht, um die „epidemische Lage von nationaler Tragweite“ in Deutschland in den Griff zu bekommen?

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Laut Corona-Sachverständigenrat: Maskenpflicht nur in Innenräumen sinnvoll

Die Experten und Expertinnen haben auch die mangelnde Datenlage zur Pandemie kritisiert.

Mit dieser zentralen Frage hat sich ein Sachverständigenrat beschäftigt und am Freitag den mit Spannung erwarteten Bericht vorgelegt. Bundesregierung und Bundestag hatten das Gremium mit 18 Fachleuten aus den Bereichen Jura, Medizin und Wissenschaft zusammen­getrommelt, damit sie die Corona-Politik bewerten. Das Zeugnis für Regierende und Abgeordnete fällt durchmischt aus.

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Das sei nun keine Abrechnung mit der Politik, sondern solle vielmehr Empfehlungen und Wissenslücken für die Zukunft aufzeigen, machte Helga Rübsamen-Schaeff, stellvertretende Vorsitzende des Gremiums und Virologin, bei der Vorstellung des Berichts deutlich. Das heißt dann etwa: Masken ja – aber nur wenn sie gut sitzen. Zugangsbeschränkungen: Ja, aber lieber mit Tests statt mit Einlass per Impfnachweis. Weniger Kontakte? Bremsen das Virus, aber nur, wenn alle mitmachen.

Inzwischen, im Übergang zur Endemie, müssten sich Maßnahmen zudem vor allem auf Menschen konzentrieren, die am stärksten von der Krankheit bedroht sind. Also etwa Ältere und in Pflegeheimen Lebende. Es müsse das Ziel sein, eine Überlastung des Gesundheits­wesens zu vermeiden.

Corona-Maßnahmen lassen sich nicht einfach bewerten

Wir haben eine schlechte Datenlage.

Hendrik Streeck

Virologe

Eine übersichtliche Liste mit einem Daumen hoch oder Daumen runter hinter einzelnen Maßnahmen aus zwei Jahren Corona-Pandemie bietet der Bericht hingegen nicht. Wer auf einen Katalog mit klaren Anweisungen für den Herbst gehofft hatte, dürfte enttäuscht worden sein. Der Grund? „Wir haben eine schlechte Datenlage“, erklärte Kommissionsmitglied und Virologe Hendrik Streeck. Ob nun die Absage von Veranstaltungen im Bereich Sport mehr gebracht hat als in der Kultur? „Das können wir einfach nicht bewerten“, sagte der Virologe von der Universität Bonn.

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Eigentlich sollte die Evaluation „interdisziplinär erfolgen“ und „insbesondere auf Basis epidemiologischer und medizinischer Erkenntnisse“. So lautete im September des Vorjahres der Auftrag. Ganz so einfach ist das aber offensichtlich nicht. Die „Graubereiche“ habe die Kommission so gut wie möglich ausgeleuchtet, machte Streeck deutlich. Nur so viel sei klar: Jede Maßnahme habe ihre Zeit in unterschiedlichen Phasen der Pandemie gehabt und geholfen. Die Experten und Expertinnen haben für ihr Urteil zwar nicht selbst geforscht, sich aber durch zahlreiche Studien und Daten zu verschiedenen Bereichen gekämpft:

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Lockdown: Am wirksamsten sei er „in der frühen Phase“ der Eindämmung, wenn erst wenige Menschen infiziert sind. Es gebe „keinen Zweifel, dass generell die Reduktion enger physi­scher Kontakte zur Reduktion von Infektionen führt“ – so die Expertinnen und Experten. Gerade zu Beginn einer Pandemie sei es sinnvoll, die Ansteckungen so weit es geht zu reduzieren, um das Gesundheitssystem auf mehr Erkrankte einzustellen und Ausbrüche lokal zu begrenzen. Je länger der Lockdown aber andauere und je weniger Menschen bereit seien, die Maßnahmen mitzutragen, desto geringer sei der Effekt, umso schwerer die Folgen.

Maskenpflicht: Das Tragen von Masken sei „ein wirksames Instrument in der Pandemie­bekämpfung“. Eine schlecht sitzende und nicht eng anliegende Maske habe jedoch einen verminderten bis keinen Effekt. „Die Effektivität hängt daher vom Träger oder der Trägerin ab“, hält die Kommission fest und rät dazu, zukünftig besser über richtiges und konsequentes Tagen von Masken aufzuklären. Eine Maskenpflicht sei eine Option, sollte aber zukünftig auf Innenräume und Orte mit einem höheren Infektionsrisiko beschränkt bleiben. Dort breitet sich das Virus stärker aus als draußen. Ob FFP2‑Masken oder medizinische Masken wirksamer sind, sei aus den bisherigen Daten hingegen nicht ableitbar. In medizinischen oder pflege­rischen Bereichen sollte die FFP2‑Maske aber bevorzugt werden.

Zugangsbeschränkungen: Der Effekt von 2G/3G, also dass nur Geimpfte, Genesene und Getestete Zugang zu öffentlichen Bereichen haben, sei nur schwer zu beurteilen. Es brauche dazu mehr Forschung. Bei Omikron könne man aber sagen: Es gibt vor allem einen Effekt in den ersten Wochen nach einer Impfung oder Infektion. Danach lasse der Schutz vor Ansteckung aber deutlich nach. Das Gremium spricht sich deshalb dafür aus, bei einer Über­lastung des Gesundheitswesens unabhängig vom Impfstatus eine Testung an den Zugang zu knüpfen.

Schulschließungen: Komplett offen ließ die Kommission, wie wirksam Schulschließungen waren. An den Schulen seien zeitgleich mehrere Maßnahmen eingeführt worden, sodass der Effekt jeder einzelnen nicht gemessen werden könne. Das Gremium stellt zugleich fest, dass im Gegensatz dazu aber die „nicht intendierten Wirkungen“ durchaus untersucht worden seien – also beispielsweise psychische Folgen für Kinder und Jugendliche. Das Gremium rät, eine weitere Expertenkommission sollte diese nicht beabsichtigten Folgen „unter besonderer Berücksichtigung des Kindeswohls“ genau prüfen.

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Kontaktnachverfolgung: In der Frühphase der Pandemie sei die Kontaktnachverfolgung wirksam. Das zeigten die Erfahrungen der Gesundheitsämter. Es sollte aber „dringend“ erforscht werden, inwiefern die Nachverfolgung mehr Effekte mit sich bringt als eine reine Isolation in den eigenen vier Wänden, wenn sich coronatypische Symptome bemerkbar machen. Eine bessere Digitalisierung bei der Erfassung von Infektionen mit bundesweit einheitlichen Systemen sei in Zukunft zudem „unabdingbar“.

Krisenkommunikation: Neue Regeln müssten schneller und transparenter kommuniziert werden, um Menschen in die Lage zu versetzen, bewusste Entscheidungen zu treffen. „Die Potenziale der Risikokommunikation blieben in Deutschland jedoch weitgehend ungenutzt“, mahnt das Gremium an. Versäumt worden sei bislang auch, sich mehr auf vulnerable Gruppen und in Armut Lebende konzentrieren.

Ein abschließendes „Corona-Zeugnis“, ein konkreter Maßnahmenkatalog für verschiedene Corona-Szenarien der Zukunft ist das 160‑Seiten-Dokument ganz eindeutig nicht. Es braucht den Sachverständigen zufolge mehr Forschung, um konkrete Effekte messen zu können – am besten schon direkt zu Beginn einer Pandemie. Vorbilder seien etwa Großbritannien und die USA, Ländervergleiche aber auch schwierig.

Dass so eine Maßnahmenevaluation nicht mal eben zu machen ist, wurde schon im Vorfeld kritisiert. So hatte der Charité-Virologe Christian Drosten das Gremium Ende April verlassen. Eine wissenschaftliche Beurteilung der Maßnahmen sei so nicht möglich – unter anderem wegen der personellen Zusammensetzung, der fehlenden Ausstattung, dem Zeitdruck und der Arbeitsweise. Ersetzt wurde er Anfang Juni schließlich durch den Virologen Klaus Stöhr, der früher bei der Weltgesundheitsorganisation das Influenza-Programm leitete.

Masken schützen – aber Effekte sind im Alltag schwer messbar

Die notwendigen Daten zu bekommen, das ist in einer absoluten Notlage wie der Pandemie aber auch gar nicht so einfach. Beispiel Maskenpflicht: „Um wissenschaftlich zu belegen, was einzelne Maßnahmen konkret bringen, braucht es eigentlich immer eine Kontrollgruppe“, erklärte der Corona-Experte und Immunologe Carsten Watzl schon im Vorfeld gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Es bräuchte dann quasi ein Deutschland, in dem alle eine Maske tragen. Und ein Deutschland, in dem konsequent niemand Maske trägt.

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„Man kann ja nicht einfach mitten in der akuten Krise sagen: Lasst uns in dieser Region mal keine Maske tragen, in der anderen aber doch“, betont der an der Universität Dortmund ansässige Wissenschaftler. „Wir werden niemals eindeutig sagen können: Durch das Tragen von Masken haben wir im Jahr 2021 so und so viele Millionen Infektionen und Todesfälle verhindert.“

Trotzdem kann die Politik viel aus dem Bericht lernen. Auch für die nahe Zukunft im Herbst und Winter, wenn womöglich wieder Maßnahmen beschlossen werden müssen. Das große Abwägen zwischen Freiheit und Gesundheitsschutz, es bleibt ein Thema. Rein rechtlich sieht der Sachverständigenrat auch Reformbedarf beim Infektionsschutzgesetz. Der Corona-Expertenrat der Bundesregierung, ein weiteres beratendes Gremium mit Fachleuten aus der Wissenschaft, hatte bereits deutlich gemacht, dass sich die Infektionslage mit sinkenden Temperaturen wahrscheinlich noch einmal verschlimmern wird. Schon jetzt gehen deutsch­land­weit die Inzidenzen mit der neuen Corona-Variante BA.5 deutlich nach oben. Das Risiko, sich anzustecken, steigt wieder.

Vertrauen in Corona-Maßnahmen: Eine Entschuldigung könnte helfen

Viel hängt auch vom Vertrauen in Maßnahmen ab. Um das im Herbst zu steigern, sei es beispielsweise sinnvoll, sich offen zu entschuldigen, machte die Sachverständige und Soziologin Jutta Allmendinger deutlich. „Wir sollten schon in die Kameras sagen, dass wir es besser machen können, als wir es in den letzten zwei Jahren gemacht haben.“ Von zentraler Bedeutung sei dabei auch die Beantwortung der Fragen, warum und wie es besser laufen könnte. Nötig sei auch „so etwas wie ein Rechtsanspruch auf ein Mindestmaß an sozialen Kontakten“. In Familien sei es während der Pandemie zu einem „Rückfall in alte Geschlechter­rollen“ und zu einem „unglaublichen Ausmaß an mentaler Erschöpfung“ gekommen.

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Momentan ist sich die Ampel uneins, welche Corona-Maßnahmen im Herbst und Winter gelten sollen. Von ihrer Verantwortung, über einzelne Maßnahmen zu entscheiden und sich auf Krisen bestmöglich vorzubereiten, werden die Politiker und Politikerinnen mit dem Urteil der Sachverständigen aber nicht befreit. Ebenso lässt sich nicht vorhersagen, in welche Richtung sich das Virus weiterentwickeln wird. Die Zeit wird knapp, viel Zeit für Diskussionen bleibt nicht. In wenigen Tagen geht der Bundestag in die Sommerpause.

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