Ärzte berichten: Long Covid trifft vermehrt junge Menschen

  • Zu Beginn der Corona-Krise gingen Experten davon aus, dass Kinder und Jugendliche weitgehend unbeschadet eine Infektion mit Sars-CoV-2 überstehen.
  • Mediziner berichten aber davon, dass ihre Patienten mit Long-Covid-Symptomen zunehmend jünger werden – und Hilferufe von Eltern vermehrt auftreten.
  • Eine schützende Impfung gibt es für junge Menschen vorerst nicht.
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Heiligendamm. Atemnot, Konzentrationsschwierigkeiten, neurologische Probleme: Wer unter für Long Covid typischen Symptomen leidet, hat es mit einer unberechenbaren Diagnose zu tun. Diese Anzeichen können nach einer schweren Covid-19-Erkrankung entstehen, aber auch nach einem milden Verlauf, manchmal auch mit Zeitabstand versetzt. Es kann ältere Menschen treffen. Und auch Kinder und Jugendliche sind, wenngleich in den meisten Fällen mit mildem bis symptomlosem Infektionsverlauf, betroffen. Erste Studien machen darauf aufmerksam – sowie auch Ärzte in Deutschland.

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Die auf die Behandlung von sogenannten Long Covid-Erkrankungen spezialisierte Median-Klinik in Heiligendamm verzeichnet, dass die Patienten immer jünger würden. Wie Chefärztin Jördis Frommhold der Deutschen Presse-Agentur berichtete, werden zunehmend 20- bis 30-Jährige stationär aufgenommen und im letzten Monat auch zwei 18-Jährige. Die Anfragen nach Rehaangeboten für pädiatrische Patienten häuften sich. Die Klinik stünde auch bereit, Jugendliche ab 14 Jahren in Begleitung eines Erziehungsberechtigten aufzunehmen.

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Auch ein milder Corona-Verlauf kann gefährlich sein

Kinder und Jugendliche haben in der Regel nicht so schwere Krankheitssymptome nach einer Corona-Infektion wie Erwachsene, sie können aber an unterschiedlichen Folgeerkrankungen leiden. Dazu gehören beispielsweise Leistungsminderungen, Atembeschwerden und kognitive Einschränkungen, sagte Frommhold. Die Expertin berichtete von einer zunehmenden Zahl von Hilferufen besorgter Eltern.

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Jördis Frommhold, Chefärztin, steht vor der Median-Klinik. In der auf die Behandlung von sogenannten Long-Covid-Erkrankungen spezialisierten Median-Klinik in Heiligendamm werden die Patienten immer jünger. © Quelle: Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/

Man müsse insgesamt von der Vorstellung Abschied nehmen, dass junge Menschen nicht erkranken können, sagte Frommhold. Dies habe sich mit der Virusvariante B.1.1.7 geändert. Aber auch schwache Symptome könnten höchst problematisch werden. So könnten beispielsweise auf Konzentrationsprobleme bei Schülern schlechte Schulleistungen folgen, die wiederum die Wahl des Studiums oder des Berufs beeinflussen.

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Kinder schützen vor Corona-Ansteckung

Auch der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warnte vor dem Glauben, dass Kinder und Jugendliche bei einer Corona-Infektion nur mit grippeähnlichen Symptomen zu kämpfen hätten. „Auch bei ihnen kann es eine Multiorganerkrankung werden.“ Die gefürchtete Entzündung der kleinen Gefäße könnte auftreten. Lauterbach kritisiert schon seit Längerem, dass die Bedeutung von Long Covid auch bei Erwachsenen dramatisch unterschätzt wird.

Er berichtete von einer britischen Studie, nach der 7 Prozent der Jugendlichen Long Covid entwickeln, bei Erwachsenen liege das Risiko bei 14 Prozent. Dies sei insbesondere unter dem Gesichtspunkt gefährlich, dass versucht werde, die Schulen weitestmöglich zu öffnen. Er forderte Wechselunterricht für die Schüler und deren Testung zweimal die Woche. „Wenn Eltern das nicht erlauben, dürfen die Schüler nicht in die Schule.“ Gleichzeitig appellierte er an Jugendliche, vor allem sich selbst zu schützen. Die Folgen könnten fatal sein.

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Grundsätzlich mache mit dem Fortschreiten der Pandemie die Menge der Patienten mit einer Fülle an Symptomen Wissenschaftler und Mediziner sehr aufmerksam, berichtete Prof. Andreas Rembert Koczulla bereits Ende März gegenüber dem RND. „Ich würde das nicht verharmlosen. Ich glaube schon, dass das ein sehr relevantes Problem ist.“ Beeinträchtigungen entstünden bei einigen Patienten bereits unmittelbar nach Abklingen der akuten Covid-19-Erkrankung. Bei manchen treten sie aber auch erst mit Zeitabstand auf.

Die Reha­patienten, die Koczulla am Zentrum für Lungenheilkunde an der Schön-Klinik im Berchtesgadener Landauf dem langen Genesungsweg begleitet, zeigten, wen Covid-19 am schwersten trifft. „Wir wissen, dass das Alter ein ausschlag­gebender Faktor bei der Schwere der Erkrankung ist“, erklärt der Mediziner. „Wir sehen hier aber durchaus auch 25-jährige Patienten.“ Ein Problem: „Mal eben ein Buch aufschlagen und nachlesen, welche spezielle Behandlung bei diesen oder jenen Symptomen erfolgen sollte – das gibt es de facto noch nicht“, erklärt der Mediziner. Es brauche dafür mehr Evidenz und auch zentrale Anlaufstellen in Deutschland.

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Bislang keine Corona-Impfung für Kinder und Jugendliche

Für die Gesellschaft sei es problematisch, dass es bisher keinen Impfstoff für Kinder und Jugendliche gebe, sagte Chefärztin Frommhold. Denn selbst wenn alle Erwachsenen durchgeimpft seien, könnten sich die jungen Menschen immer noch anstecken, erkranken und dann möglicherweise auch an Long Covid leiden. „Wir können deshalb nicht zur Alltagsordnung übergehen.“ So schnell wie möglich müssten Zulassungsstudien für kindgerechte Impfstoffe vorangetrieben werden, forderte vor wenigen Tagen auch der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ).

Die Firmen Biontech und Pfizer hatten Ende März berichtet, dass sie mit Studien zu Wirkung und Sicherheit ihres Corona-Impfstoffs bei Kindern bis einschließlich elf Jahren begonnen haben. Das aktuelle Vakzin der beiden Firmen ist für Jugendliche ab 16 Jahren bedingt zugelassen. Studien für die Altersgruppe 12 bis 16 laufen bereits. Nun werden auch Kinder ab sechs Monaten in die Studien einbezogen. Daten zur Altersgruppe der 12- bis 15-Jährigen aus einer klinischen Studie hätten eine Wirksamkeit von 100 Prozent gezeigt, hieß es seitens des Herstellers unter Berufung auf Ende März veröffentlichte Ergebnisse. Bei den US-Arzneimittelbehörden wurde bereits ein Antrag auf die Erweiterung der bestehenden Notfallzulassung für den Impfstoff bei den über 12-Jährigen eingereicht.

Ob es in Deutschland eine Zulassung für eine Impfung für Kinder und Jugendliche geben wird, sei „bisher noch nicht absehbar“, heißt es in einem Steckbrief zur Corona-Impfung auf der Homepage des Robert Koch-Instituts (RKI). Darüber müssten die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) und dann auch die Ständige Impfkommission hierzulande eine Empfehlung aussprechen.

RND/sbu/dpa

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