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Modellierer über die Infektionslage im Herbst

„Wenn wir Pech haben, kommt die nächste Corona-Welle schon im Sommer“

Eine Krankenpflegerin betreut einen Covid-19-Patienten: Taucht eine gefährlichere Virusvariante auf, könnte die Belastung in den Krankenhäusern wieder zunehmen.

Herr Nagel, wovon hängt es ab, wie sich die Corona-Lage in Deutschland weiter entwickelt?

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In erster Linie von der Evolution des Coronavirus. Es gibt weltweit noch sehr viele Ansteckungen, und damit genügend Möglichkeiten für das Virus, sich weiterzuentwickeln. Derzeit bilden sich Virusvarianten heraus, die vor allem leichter übertragbar sind. Doch nicht nur auf die Übertragbarkeit wird es ankommen, sondern auch auf die Krankheitsschwere – also darauf, ob mehr Menschen schwer erkranken und im Krankenhaus behandelt werden müssen, wenn sie sich infizieren. Und als Letztes spielt noch die bevölkerungsweite Immunität eine Rolle. Also wie gut Menschen, die genesen oder geimpft sind, vor einer Infektion geschützt sind. Ich glaube, da müssen wir damit rechnen, dass das nur eingeschränkt der Fall sein wird.

Kai Nagel ist Professor für Verkehrssystemplanung an der Technischen Universität Berlin und modelliert seit Beginn der Pandemie die Verbreitung des Coronavirus.

Kai Nagel ist Professor für Verkehrssystemplanung an der Technischen Universität Berlin und modelliert seit Beginn der Pandemie die Verbreitung des Coronavirus.

Das heißt, sie rechnen mit weiteren Reinfektionen.

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Definitiv. Bislang spricht alles dafür, dass es eine weitere Infektionswelle geben wird. Wenn wir Glück haben, kommt diese Welle erst im Herbst. Wenn wir Pech haben, kommt sie schon im Sommer. Vermutlich wird der Verlauf ähnlich sein wie bei der Omikron-Welle. Das heißt, es wird viele Infizierte geben, die sich isolieren müssen und damit auch eine hohe Zahl von Krankschreibungen.

Wovon hängt es ab, wann die Infektionswelle beginnt?

Vom Zeitpunkt, wann sich eine neue Virusvariante in der Gesellschaft durchsetzt. Mit BA.4 und BA.5 wurden bereits zwei Varianten in Deutschland nachgewiesen, die stärker übertragbar scheinen. Die gute Nachricht ist: Ihre Anteile wachsen nicht sehr stark an; bisher machen BA.4 und BA.5 weniger als zwei Prozent der positiven Corona-Proben aus. Dies kann aber in zwei Wochen schon anders aussehen.

Sie haben für den kommenden Corona-Herbst drei Szenarien modelliert. Szenario Nummer eins: Es bleibt bei Omikron oder es tritt eine sehr ähnliche Variante auf. Was würde das bedeuten?

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Hier geht es um Virusvarianten, bei denen die derzeit vorhandene Immunität weitgehend wirksam bleibt. Damit würden wir tatsächlich erst im Herbst oder Winter eine erneute Infektionswelle sehen, die ähnlich wäre wie die in diesem Frühjahr.

Szenario Nummer zwei: Es taucht eine immunflüchtige Variante auf, die genauso krankmachend ist wie Omikron.

In diesem Fall würde es wohl nochmals mehr coronabedingte Krankschreibungen geben als während der Omikron-Welle. Gleichzeitig würde die Belastung der Krankenhäuser, insbesondere der Intensivstationen, aber beherrschbar bleiben.

Wir sollten damit rechnen, dass Einschränkungen nochmals sinnvoll sein könnten.

Und was würde passieren – Szenario Nummer drei –, wenn eine immunflüchtige Virusvariante mit höherer Krankheitsschwere als Omikron auftritt?

Bei diesem Szenario könnten höhere Inzidenzen als bei Omikron und eine deutlich höhere Belastung der Intensivstationen zusammenfallen. Sogar eine Überlastung des Gesundheitssystems wäre dann nicht ausgeschlossen, wenn keine Gegenmaßnahmen ergriffen würden.

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Reden wir da wieder über einen Lockdown?

Ich möchte diesen Begriff gerne vermeiden, weil er viele verschiedene Interpretation zulässt. Wir sollten aber damit rechnen, dass Einschränkungen nochmals sinnvoll sein könnten.

Welches von den drei Szenarien ist denn Ihrer Ansicht nach am wahrscheinlichsten?

Wir wissen nicht, wie sich das Virus weiter entwickelt. Immerhin ist das dritte Szenario nicht das wahrscheinlichste, weil da gleich zwei zufällige Entwicklungen – Übertragbarkeit und Krankheitsschwere – in die für uns „falsche“ Richtung fallen müssten. Aber es ist eines, auf das wir uns als Gesellschaft vorbereiten sollten.

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Sollte sich die Corona-Lage mit den Impfungen und der gesteigerten Immunität in der Bevölkerung nicht bessern? Jetzt könnte uns schon wieder ein turbulenter Herbst bevor stehen.

Wir dürfen nicht vergessen: Ohne die bisher aufgebaute Bevölkerungsimmunität sähe die Lage viel schlechter aus. Die Immunität hilft dabei, das Risiko für Infektionen und schwere Erkrankungen deutlich zu reduzieren. Aber dadurch, dass mit Omikron eine Virusvariante dominiert, die immunflüchtig ist, ist die jetzige Bevölkerungsimmunität nicht mehr so viel wert wie vorher. Zumindest sind wir nicht so gut geschützt, dass wir auf jeden Fall gar keine Gegenmaßnahmen mehr brauchen. Ein Beispiel: Um bei Szenario Nummer drei eine Überlastung des Gesundheitssystems ohne Gegenmaßnahmen zu verhindern, bräuchte es laut unserem Modell einen wirksamen Omikron-Impfstoff sowie eine Impfquote von 100 Prozent bei allen Menschen ab fünf Jahren. Das ist utopisch.

Wir sollten nicht die Augen verschließen und glauben: Jetzt ist alles vorbei, es ist das dritte Jahr mit Corona, es braucht keine Gegenmaßnahmen mehr.

Wie zuverlässig lässt sich zurzeit die zukünftige Pandemieentwicklung überhaupt modellieren? Schließlich gibt es eine hohe Dunkelziffer bei den Corona-Fallzahlen, es ist noch nicht klar, wie gut Geimpfte und Genesene vor kommenden Varianten geschützt sind oder wann ein an Omikron angepasster Impfstoff kommt. Das nimmt doch Einfluss auf das Infektionsgeschehen.

Tatsächlich ist unser Modell seit dem Beginn der Pandemie deutlich komplexer geworden. Jede Abfolge von Impfungen und Ansteckungen führt zu einer anderen Immunität gegen die unterschiedlichen Virusvarianten. Und wie gut diese Immunität gegen zukünftige Virusvarianten hilft, wissen wir natürlich nicht, sondern können es nur innerhalb plausibler Bereiche abschätzen, und darauf basierend unterschiedliche Szenarien rechnen.

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Was sollten die Lehren aus Ihren Modellierungen sein?

Wir sollten uns auf alle Eventualitäten vorbereiten, so dass wir schnell reagieren können. Und wir sollten die Entwicklung der Fallzahlen genau im Blick behalten: Bei allen bisherigen Virusvarianten haben wir gesehen, dass ihr Anteil zunächst sehr gering gewesen ist, dann aber von Woche zu Woche schnell zulegt hat. Das heißt, es gab immer auch eine gewisse Vorlaufzeit. Es braucht also gute Überwachungssysteme, mehr Sequenzierungen, mehr Kapazitäten in den Laboren, um diese Vorlaufzeit festzustellen und um dann mit entsprechenden Maßnahmen auf die Infektionslage zu reagieren. Wir sollten nicht die Augen verschließen und glauben: Jetzt ist alles vorbei, es ist das dritte Jahr mit Corona, es braucht keine Gegenmaßnahmen mehr.

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