• Startseite
  • Gesundheit
  • Corona: Dritte Welle verstärkt Belastung in Pflege - Interview mit einer Fachkraft

Forscherin alarmiert: „Viele Pflegekräfte versorgen ihre Patienten nicht mehr so, wie sie es wollen“

  • 88 Prozent der Pflegefachkräfte spüren während der dritten Welle eine deutlich erhöhte Arbeitsbelastung, jeder siebte Mitarbeiter ist noch nicht geimpft.
  • Pflegewissenschaftlerin Uta Gaidys rechnet damit, dass bald viele Pflegende krankheitsbedingt ausfallen, in die Berufsunfähigkeit rutschen – oder den Job wechseln.
  • Im RND-Interview spricht die Expertin über die Ursachen der Erschöpfung, wo sich dringend etwas ändern müsste – und was sie persönlich von der Kampagne #allesdichtmachen hält.
|
Anzeige
Anzeige

Rund 4000 Pflegefachkräfte hat Professorin Uta Gaidys von der Hamburger Hochschule der Angewandten Wissenschaften (HAW) in einer Studie zu Arbeitsbedingungen während der Corona-Pandemie befragt. Das Ergebnis: 88 Prozent der Befragten sagen, in der dritten Welle gibt es eine unglaublich hohe Arbeitsbelastung, nur jede siebte Pflegefachkraft ist geimpft, der Corona-Bonus frustriert, statt zu helfen. Die Folgen treffen das Gesundheitssystem: Patienten werden schlechter versorgt, Pflegekräfte sind erschöpft und spielen mit dem Gedanken, den Beruf zu wechseln.

Die Lage ist dramatischer als während der ersten Welle, wo rund 20 Prozent der Pflegenden angaben, mit sehr hoher Arbeitsbelastung konfrontiert zu sein. Was hat sich geändert, welche Bereiche sind besonders getroffen und was bräuchte es jetzt am meisten? Davon berichtet Studienleiterin Gaidys, die auch Mitglied des Wissenschaftsrates in Deutschland ist, im RND-Gespräch.

Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise – jeden Donnerstag.
Anzeige

Frau Gaidys, Sie sind Pflegewissenschaftlerin und Expertin für das Gesundheitssystem. Was halten Sie persönlich von der Kampagne #allesdichtmachen?

Wir fokussieren uns bei der Bekämpfung der Pandemie vor allem auf die Patienten auf den Intensivstationen, die wir mit hochtechnischen Mitteln versuchen am Leben zu halten und mit hohem Aufwand versorgen. Und diesen Aufwand betreiben wir meiner Ansicht nach nicht im gleichen Umfang bei anderen vulnerablen Gruppen. Auch die Kollegen in psychiatrischen Abteilungen sind hochbelastet, jetzt in der dritten Welle noch einmal mehr. Das ist eine noch weniger sichtbare Nebenwirkung der Lockdownpolitik. Kinder und Jugendliche können bereits nicht mehr aufgenommen werden, weil die Plätze fehlen. Junge Patienten können nicht mehr entlassen werden, weil es keine Nachsorgeplätze gibt.

Der Lockdown trifft also eine ganze Generation, die in den Entscheidungen komplett aus dem Blick genommen ist. Ich glaube, auch auf diese Problematik haben die Schauspielerinnen und Schauspieler versucht hinzuweisen. Ich bin nur unsicher, ob die Art und Weise ein geeignetes Mittel ist, um auch auf andere gesundheitsbezogene Brennpunkte in der Pandemie hinzuweisen.

Ein großer Brennpunkt in dieser Pandemie ist auch die Arbeitsbelastung von Pflegenden. Seit April 2020 haben Sie für eine Studie rund 3800 von ihnen zu ihrer Arbeit befragt. Wie kam es dazu?

Anzeige

Uns war zu Beginn der Pandemie schnell klar, dass sich mit Corona die Arbeit von Pflegenden noch einmal dramatisch verändern würde. Deshalb wollten wir möglichst viele Mitarbeiterinnen während der Infektionswellen mit einer Studie begleiten. Die Pflegenden selbst können schließlich am besten ausdrücken, wie ihr Alltag aussieht, wie die Arbeitsbelastung ausfällt und was sie für ihre Patienten alles leisten können und müssen in dieser Zeit.

Deshalb haben wir zu Beginn der ersten Welle eine webbasierte Umfrage gestartet. Da wussten wir noch gar nicht, was die Schwerpunkte sein werden. Während der ersten Welle haben wir noch sehr offene Fragen gestellt, mit der zweiten Welle haben sich dann Versorgungsqualität, Arbeitsbelastung und Konflikte zwischen Beruf und Privatleben als Schwerpunkte herauskristallisiert. Und nun in der dritten Welle erfragen wir auch den Zugang zu Impfungen und Tests.

Dritte Welle trifft Pflegefachkräfte in allen Bereichen des Gesundheitssystems

Noch sind wir mitten in der dritten Welle. Kann man trotzdem schon Vergleiche zwischen 2020 und 2021 ziehen?

Der Unterschied zur ersten Welle ist, dass die Arbeitsbelastung für Pflegende durchweg in allen Settings gestiegen ist. 88 Prozent der Befragten sagen in der dritten Welle, sie haben mehr Arbeit als vorher. In der ersten Welle haben das nur rund 25 Prozent gesagt. Weniger Arbeit als sonst haben in der ersten Welle noch rund 17 Prozent der Befragten angegeben, heute sind es nur noch 3 Prozent.

Wenn keine Kommunikation mit dem Patienten stattfinden kann, nimmt der Grad der Verwirrtheit beim Patienten eher zu.

Anzeige

Was hat sich geändert?

Zum einen hat sich die Versorgungsqualität verschlechtert. Das heißt, es belastet viele Pflegende, dass sie ihre Patienten nicht mehr so versorgen können, wie sie es eigentlich wollen. Pflegefachkräfte müssen bei hohem Zeitdruck priorisieren. Darunter leiden grundlegende pflegerische Tätigkeiten: also Körperpflege, Mobilisierung, Prophylaxe. Und das hat Folgen. Zwei Beispiele: Wenn die Mundpflege wegfällt, steigt das Risiko einer Lungenentzündung. Wenn keine Kommunikation mit dem Patienten stattfinden kann, nimmt der Grad der Verwirrtheit beim Patienten eher zu.

Ein Problem ist auch die körperliche Anstrengung. Es gibt kaum noch Erholungsphasen zwischen den Diensten – und in den Diensten. Das hat auch damit zu tun, dass seit der zweiten Welle mehr Pflegende positiv getestet werden. Dann müssen die einen in Quarantäne und fallen aus, andere müssen spontan Dienste übernehmen. Mit den Impfungen wird das jetzt aber stückchenweise etwas besser.

Konflikt zwischen eigener Sicherheit und Pflege der Patienten

Welche Bereiche der Pflege sind besonders betroffen von hoher Arbeitsbelastung?

Pflegende, die im klinischen Bereich unmittelbar mit Covid-19-Patienten oder Verdachtsfällen zu tun haben, belastet das ständige An- und Ausziehen der Schutzkleidung, der hohe Betreuungsaufwand, die hohe Zahl der Sterbenden. Inzwischen zeigt sich aber, dass auch zunehmend Pflegende aus den ambulanten Diensten besonders belastet sind. In der häuslichen Pflege ist der Konflikt zwischen eigener Sicherheit und beruflicher Anforderung inzwischen fast so groß wie auf den Intensivstationen. Nur 8 Prozent aller Befragten aus der Pflege erleben diesen inneren Konflikt nicht. Dabei geht es um das persönliche Risiko, sich anzustecken, aber auch, das Virus von der Arbeit in die eigene Familie zu tragen – und umgekehrt.

Anzeige

Es erschreckt mich, dass Ende April in der dritten Welle jede siebte Pflegefachkraft noch nicht geimpft ist. Jede achte Pflegefachkraft wurde schon einmal coronapositiv getestet.

Aber dieses Risiko gab es doch schon zu Beginn der Pandemie, oder?

Die Infektionsgefahr ist in der dritten Welle überall größer geworden. Und in der ersten Welle konnte eine Pflegekraft im ambulanten Dienst ihre Patienten noch mit der selbst genähten Maske zu Hause betreuen. Das geht jetzt nicht mehr. Es braucht die FFP2-Maske und den Schutzkittel. Viele Befragte berichten aber, dass sie sich das oft privat vom eigenen Geld kaufen müssen. Zur Beschaffung von Schutzmaterialien muss der Hausarzt dem Patienten die Hygieneartikel verschreiben, damit der häusliche Pflegedienst dann damit arbeiten kann. In der Krise zeigt sich, wie sinnlos dieses Vorgehen aber oft ist. Denn viele Pflegebedürftige gehen ja gar nicht mehr zum Hausarzt. Solche Dinge belasten.

Was bräuchte es sofort, damit die Arbeitsbedingungen besser werden?

Es müssen Impfangebote erfolgen – nicht nur in den Kliniken, sondern auch in den ambulanten Pflegediensten. Es erschreckt mich, dass Ende April in der dritten Welle jede siebte Pflegefachkraft noch nicht geimpft ist. Jede achte Pflegefachkraft wurde schon einmal coronapositiv getestet. Das heißt, das Risiko ist aufgrund des Berufs um einiges höher als in anderen Bereichen. Es braucht auch regelmäßiges und gutes Testen in den Kliniken und Einrichtungen. Viele haben das inzwischen – aber eben nicht alle. Und vor allem im ambulanten Pflegebereich braucht es kostenlos zur Verfügung gestellte Schutzkleidung.

Studie zeigt: Pflegende empfinden Corona-Bonus als Abwertung

Pflegende und Ärzte kritisieren, dass Hilferufe von der Politik nicht rechtzeitig gehört wurden. Ist fehlende Wertschätzung auch etwas, wovon Ihnen Pflegekräfte berichten?

Jeder Pflegekraft ist von Anfang an klar, dass, wenn sie sich für diesen Beruf entscheidet, nicht über das Geld dazu motiviert wird. Geld ist trotzdem eine wichtige Sache. Natürlich werden gerade in der Pandemie Vergleiche zu anderen Branchen gezogen. Etwa, wieso die Lufthansa in der Pandemie durch staatliche Hilfen Ausgleichszahlungen bekommt, obwohl nicht gearbeitet wird – und bei den Pflegenden weiter diskutiert wird.

17 Prozent der Intensivpflegenden haben während der zweiten Welle angegeben, dass sie nichts mehr motiviert. Das ist ein alarmierendes Signal.

Damit ist der Corona-Bonus gemeint?

Genau. Die angedachte Anerkennung mit dem Corona-Bonus für Pflegende war nach unserer Datenlage komplett kontraproduktiv. Die meisten haben die Diskussion darüber, wer nun wie das Geld bekommen soll, als eine Abwertung empfunden. Sie fragen sich: Warum muss überhaupt so lange darüber gesprochen werden, welche Leistung wir bringen? Hängen geblieben ist dabei, dass die Politik sich ziert, einfach zu sagen: Ihr alle bekommt das jetzt.

Spielen aktuell viele Pflegende mit dem Gedanken, den Beruf aufzugeben oder sich etwas anderes zu suchen?

17 Prozent der Intensivpflegenden haben während der zweiten Welle angegeben, dass sie nichts mehr motiviert. Das ist ein alarmierendes Signal. Ich gehe davon aus, dass viele aus dem Beruf aussteigen werden. Erst mal wird sich die Überlastung aber in Form von Erschöpfung, Krankschreibungen und Berufsunfähigkeit bemerkbar machen. Die Daten von den Krankenkassen zeigen zwar, dass es im Januar und Februar noch keine erhöhten Krankschreibungen gab. Das hängt aber damit zusammen, dass die Pflegefachkräfte noch im Krisenmodus sind. Sie wissen: Wenn ich jetzt nicht komme, müssen meine Kollegen die ganze Arbeit übernehmen.

Machen sich die von Ihnen befragten Pflegekräfte Sorgen über die Zeit nach der Krise?

Auch nach der Krise werden die Krankenhäuser noch hart getroffen sein und sich neu aufstellen müssen. Das sehen auch die Pflegenden. Sie haben große Angst, dass es dann heißt: Wir müssen Kosten reduzieren. Die Erfahrung hat bisher gezeigt, dass das bei Strukturreformen am einfachsten über die Pflegenden geht, weil das die größte Berufsgruppe ist. Bislang war es immer so.

Was wünschen sich Pflegekräfte auf lange Sicht von der Politik?

Wir reden viel darüber, dass es genügend Pflegekräfte braucht. Aber wir vernachlässigen es, über die Qualität der Arbeit zu sprechen. Zum einen wünschen sich viele, dass ihre fachliche Kompetenz mehr anerkannt wird. Pflegefachkräfte wollen neben Ärzten in die Entscheidungen zur Versorgung ihrer Patienten mit einbezogen werden. Schließlich sind sie es, die sehr dicht an den Patienten arbeiten.

Das muss sich dann auch im Gehalt widerspiegeln. Zwar hat sich das Einstiegsgehalt schon erhöht. Das motiviert grundsätzlich, in die Pflege zu gehen. Allerdings fehlt bislang die Möglichkeit, bei weiter erworbenen Kompetenzen und Weiterbildungen das Gehalt signifikant zu steigern. Wenn ich im Beruf merke, welchen Belastungen ich ausgeliefert bin, und dann gibt es keine Möglichkeit, das zu honorieren, ist das frustrierend.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen