Der „gloriose“ Sommer fällt aus: Wie die Delta-Variante Großbritannien verändert

  • Die Infektionszahlen in Großbritannien steigen wieder.
  • Von den Bürgerinnen und Bürgern wird erneut Geduld verlangt – dabei wurde ihnen ein „glorioser“ Sommer versprochen.
  • Premierminister Boris Johnson steht wegen seines Krisenmanagements in der Kritik.
Peter Nonnenmacher
|
Anzeige
Anzeige

London. Dem Rest Europas einige Wochen voraus, findet sich Großbritannien dieser Tage mitten im Kampf gegen Delta – die zuerst in Indien identifizierte und bislang ­bedrohlichste Covid-19-Variante (B.1.617.2). Die Infektionszahlen steigen stetig. Mit Sorge schaut alles darauf, in welchem Maß sich auch die Zahl der Covid-Patienten erhöht.

Die Experten und Expertinnen sind in ihren Prognosen derzeit uneinig. Skeptiker und Skeptikerinnen fürchten, dass die Lage unter ungünstigen Umständen so schlimm werden könnte wie im Januar dieses Jahres, als fast 40. 000 Patienten in den Kliniken lagen. Optimisten und Optimistinnen machen dagegen bereits eine Abflachung der Kurve aus. Sie finden, dass man nicht mal von einer „dritten Welle“ reden könne, und dass die neue Zahl der Fälle jedenfalls nicht zu einer neuen Katastrophe führen wird.

Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise ‒ jeden Donnerstag.
Anzeige

Zahl der Patienten steigt – wenn auch langsamer

Davon geht auch Gesundheitsminister Matt Hancock aus: „Was wir sehen, ist bereits ein langsameres Wachstum der Infektionsrate. Und die Zahl der Patienten und Patientinnen steigt zwar, aber glücklicherweise nicht sehr schnell.“ Zu verdanken sei diese Situation natürlich dem Impf­erfolg des letzten halben Jahres. Tatsächlich sieht sich sein Land, in dem 82 Prozent aller Erwachsenen mit einer ersten Dosis und 60 Prozent vollständig geimpft sind, bei der Abwehr von Delta in einer wesentlich stärkeren Position als zuvor.

Einen „gloriosen“ Sommer hatte die Regierung der Bevölkerung bereits versprochen, mit Urlaubsreisen und weniger Restriktionen. Mittlerweile wird von den verunsicherten Bürgern und Bürgerinnen aber wieder „Geduld“ verlangt. Denn die Zahl der gemeldeten täglichen Neuansteckungen ist auf über 11. 000 gestiegen. Man geht davon aus, dass sie sich weiter erhöhen wird. Auch die Zahl der Infizierten und der Toten zieht wieder an.

Anzeige

„Beträchtliche Welle“ in ärmeren Gebieten erwartet

Jeremy Brown, Professor am University College London, sieht vor allem Gefahr für Stadtteile und Kreise in ärmeren und in ethnisch gemischten Gebieten, in denen weniger Menschen sich haben impfen lassen. An solchen Orten bestehe „zweifellos das Risiko einer beträchtlichen Welle“, die an das herankommen könnte, was das Land im Januar erlebt habe.

Anzeige

Dass die noch immer enge Verbindung Großbritanniens zur Ex-Kolonie Indien bei der frühen Verbreitung der Delta-Variante im Vereinigten Königreich eine Rolle spielte, bestreitet kaum jemand auf der Insel.

Vorwurf: Johnson reagierte zu langsam

Insbesondere wird Premierminister Boris Johnson vorgeworfen, nicht rechtzeitig Maßnahmen ergriffen zu haben. Noch als Johnson Anfang April dieses Jahres scharfe Quarantäneregeln für Reisende aus Pakistan und Bangladesch verhängte, sparte er Indien aus – obwohl es an Warnungen nicht fehlte und in Indien beängstigende Zustände herrschten. Erpicht auf einen Post-Brexit-Handelsvertrag mit Indien, hielt der Premier eisern fest an Plänen für einen persönlichen Besuch in Neu-Delhi. Erst am 23. April gab er diese Pläne auf.

Wenige Stunden nach Bekanntgabe der Reisestornierung verkündete Minister Hancock, dass nun auch Indien in die „rote Zone“ eingestuft werde und Reisende aus Indien sich nach ihrer Ankunft in Großbritannien zur Quarantäne in staatlich kontrollierten Hotels einquartieren müssten. In den drei fraglichen Wochen zuvor, kritisierten Medien, seien 20.000 Menschen aus Indien praktisch unkontrolliert eingereist.

Droht nächstes Superspreader Event?

Leichtfertigkeit wird der Regierung von Kritikern und Kritikerinnen auch nach dem jüngsten G7-Gipfel in Cornwall vorgeworfen, den Johnson unbedingt „in Person“ abhalten wollte.

Und viel Unmut hat Johnsons gestrige Entscheidung ausgelöst, auf Drängen der Uefa die erlaubte Zuschauerzahl bei den letzten drei Euro-2020-Spielen im Wembley-Stadion auf 60. 000 hochzuschrauben, und 2500 „offiziellen“ Gästen aus Europa zusätzlichen Zugang zu verschaffen. Dies geschehe unter strikten Auflagen, betont man in der Downing Street. Aber besorgte Briten und Britinnen sprechen schon jetzt von einem „Superspreader Event“.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen