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Behandlung von Geimpften und Ungeimpften: Darf der Status bei Überlastung der Kliniken eine Rolle spielen?

  • Ein Verhaltensökonom hat vorgeschlagen, eine Vorfahrt für Geimpfte einzuführen, wenn die Krankenhäuser voll sind.
  • So könnten Zögerer zum Impfen motiviert werden.
  • Medizinethisch sei das aber keine Option, betonen Fachleute.
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Wenn man bei den Corona-Impfungen über die positiven Anreize nicht weiterkomme, sei er sehr wohl dafür, massiv zwischen Geimpften und nicht Geimpften zu diskriminieren, sagte vor wenigen Tagen der Verhaltensökonom Marcus Schreiber. „Wenn Sie sagen: Ab dem 1. Dezember gilt eine klare Triage-Regelung in unseren Krankenhäusern: Wenn die Krankenhäuser voll sind, gibt es Vorfahrt für Geimpfte. Das wäre eine Keule, mit der viele Zögerer wohl zu einer Entscheidung gezwungen werden könnten“, erklärte er dem „Spiegel“.

Dass so ein Vorgehen in Deutschland bei eng werdenden Kapazitäten im Gesundheitswesen tatsächlich umgesetzt würde, ist allerdings sehr unwahrscheinlich. Die Deutsche Gesellschaft für Internistische Intensiv- und Notfallmedizin (DGIIN) nimmt mit einer Anfang Oktober veröffentlichten Stellungnahme eine klare Position ein. „Der Impfstatus darf bei Behandlungsentscheidungen sowohl bei der Aufnahme in das Krankenhaus, auf die Intensivstation und im Verlauf einer Therapie und Pflege keine Rolle spielen“, heißt es darin.

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Medizinischer Grundsatz: Das Gleichheitsgebot

Soziale Merkmale, das Alter, Religionen, Grunderkrankungen oder Behinderungen, aber auch persönliche Hintergründe und Haltungen der Patientinnen und Patienten dürften auf Grund des Gleichheitsgebots keinen Einfluss nehmen – egal, ob es um Covid-19 oder eine andere Erkrankung geht. „Insbesondere darf somit auch der Impfstatus keine Grundlage für eine Entscheidung für oder gegen die Aufnahme und Behandlung auf eine Intensivstation sein“, betont die Medizingesellschaft.

Hinter dieser Aussage stehe ein ethischer Grundsatz: Das ärztliche Gelöbnis des Weltärztebundes, die „Deklaration von Genf“ aus dem Jahr 2017, sowie auch der Ethikkodex für Pflegende. Das sei die rote Linie medizinisch ethischen Handelns – und diese dürfe niemals überschritten werden. Dem stimmt auch die Ethikratsvorsitzende Alena Buyx zu – in persönlicher Funktion, wie sie in einem Tweet deutlich machte. So verständlich Belastung und Frust der MitarbeiterInnen auf Station seien, so wenig sollte der Impfstatus den Zugang zu Versorgung bedingen.

„Für Patientenversorgung gelten Fürsorge-, Solidaritäts- und Gleichheitsprinzipien“, schrieb sie. Ein Schuld-/Verursacherprinzip solle man für dringliche Versorgung nicht einführen. „Das ist etwas sehr anderes, als zum Beispiel den Impfstatus im Restaurant abzufragen oder beim Konzert zu berücksichtigen.“

Medizinische Erfolgschancen als Kriterium, wer behandelt wird

Kommt es zu einer Überlastung des Gesundheitswesens in der Pandemie, entscheiden Ärztinnen und Ärzte anhand der Leitlinie der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Darin wird empfohlen, sich am Kriterium der klinischen Erfolgsaussicht zu orientieren. „Dabei werden – wenn nicht anders vermeidbar – diejenigen Patienten nicht intensivmedizinisch behandelt, bei denen nur eine sehr geringe Aussicht besteht zu überleben“, heißt es. Die medizinische Indikation ist also ausschlaggebend, die Priorisierung erfolge „ausdrücklich nicht“ in der Absicht, Menschen oder Menschenleben zu bewerten.

Viele Krankenhäuser berichten seit Wochen von einer Dauerbelastung durch zahlreiche schwere Covid-Fälle, wobei die überwiegende Mehrheit ungeimpft sei. Das bestätigt auch der RKI-Wochenbericht. Insgesamt sind dem Divi-Intensivregister zufolge bundesweit 1363 Patienten und Patientinnen in intensivmedizinischer Behandlung, davon 58 Prozent beatmet.

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Die Statistiken decken sich auch mit Einzelschilderungen – etwa des Schauspielers Jan Josef Liefers, der zuletzt mit drastischen Worten von seinem kurzzeitigen Einsatz auf einer Corona-Intensivstation berichtete. Wegen der satirischen Aktion #allesdichtmachen stand er stark in der Kritik und meldete sich daraufhin freiwillig für ein „Praktikum“ auf der Intensivstation. „Alle Covid-Patienten hier auf Intensiv waren schwer erkrankt, dem Tod näher als dem Leben. Alle jung, von 28 bis 48 Jahre alt. Alle ungeimpft“, schrieb der 57 Jahre alte „Tatort“-Star in einem Gastbeitrag, der am Freitag bei bild.de zu lesen war.

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