Corona-Auffrischungsimpfungen: Brauchen unter 70-Jährige die dritte Dosis?

  • Der Schutz der Corona-Impfungen lässt mit der Zeit nach.
  • Die Ständige Impfkommission empfiehlt deshalb Auffrischungsimpfungen – aber nur für bestimmte Personengruppen wie etwa über 70-Jährige.
  • Was heißt das für jüngere Menschen?
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Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt Boosterimpfungen zurzeit nur bestimmten Personengruppen. Dazu zählen Personen über 70 Jahren, Bewohnerinnen und Bewohnern sowie Mitarbeitenden in Alten- und Pflegeheimen, medizinisches Personal mit direktem Patientenkontakt sowie immungeschwächte Menschen. Sechs Monate nach der Zweitimpfung sollen sie eine dritte Dosis eines mRNA-Impfstoffs von Biontech/Pfizer oder Moderna erhalten.

Eine ähnliche Empfehlung haben die Gesundheitsministerinnen und Gesundheitsminister abgegeben. Allerdings raten sie schon Menschen ab 60 Jahren zu einer Auffrischungsimpfung. Doch was ist mit all den anderen, die jünger sind als 60 beziehungsweise 70 Jahre, die gesund sind und deren Zweitimpfung bereits oder bald sechs Monate zurückliegt? Sollten oder können sie sich ebenfalls ein drittes Mal impfen lassen?

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Das Problem mit den High und Low Respondern

Auch jüngere Menschen, für die in Europa ein Corona-Impfstoff zugelassen ist, haben Anspruch auf eine Boosterimpfung. So sieht es die aktuelle Impfverordnung vor, die das Bundesgesundheitsministerium erarbeitet hat. Sind sie vollständig gegen Covid-19 geimpft und liegt ihre letzte Impfung sechs Monate zurück, können auch sie sich um eine Auffrischungsimpfung bemühen.

Es ist auch aus immunologischer Sicht sinnvoll, dass sie sich boostern lassen. Denn auch bei ihnen lässt der Impfschutz mit der Zeit nach, wie inzwischen mehrere Studien zeigen konnten. Hinzu kommt, dass es sogenannte High und Low Responder gibt – das heißt Personen, die mal mehr, mal weniger gut durch die Impfungen vor dem Coronavirus geschützt sind. Vor allem Low Responder, deren Immunsystem durch die Impfungen kaum angeregt wurde und die folglich noch einen schweren Krankheitsverlauf entwickeln können, würden von einer Auffrischungsimpfung profitieren.

Immunologe: Impfempfehlung für Ältere notwendig

Dass die Stiko eine Auffrischungsimpfung vorerst nur bestimmten Risikopersonen empfiehlt, halten Experten wie der Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Immunologie (DGfI), Prof. Reinhold Förster, dennoch für sinnvoll. „Die Entscheidung der Stiko zu den Auffrischungsimpfungen war richtig“, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Denn gerade etwa ältere Menschen haben ein erhöhtes Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken, wenn sie nicht ausreichend vor dem Virus geschützt sind.

Der Immunologe glaubt jedoch, dass es bald eine Aktualisierung der Boosterimpfempfehlung brauchen könnte. „Wir müssen weiterhin extrem wachsam bleiben“, mahnte er. „Sobald die Zahlen weiter steigen, besser noch bevor sie stark zunehmen, braucht es eine Impfempfehlung für Menschen über 60 Jahren, vielleicht sogar über 50 Jahren.“

Israel impfte großflächig ein drittes Mal gegen Corona

Dass auch diese Altersgruppen von einer Auffrischungsimpfung profitieren könnten, zeigt eine Studie aus Israel, die im Fachmagazin „The New England Journal of Medicine“ veröffentlicht wurde. Sie kam Anfang Oktober zu dem Ergebnis, dass bei zweifach Geimpften über 60-Jährigen mehr als zehnmal so viele Infektionen und knapp 20-mal mehr schwere Erkrankungen auftraten als bei dreifach Geimpften.

Israel hatte Ende Juli mit den Auffrischungsimpfungen begonnen, als die Zahl der Neuinfektionen rapide gestiegen war. Mit einer dritten Dosis des mRNA-Impfstoffs von Biontech/Pfizer ist es dem Land schließlich gelungen, die Ausbreitung des Coronavirus wieder unter Kontrolle zu bringen.

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„Die Auffrischungsimpfungen waren in Israel umfassend erfolgreich“, sagte auch Förster. „Sie konnten einen erneuten Lockdown im Land verhindern.“ Allein von den 70- bis 79-Jährigen sind in Israel rund 82 Prozent dreimal geimpft, wie sich aus dem Corona-Dashboard des israelischen Gesundheitsministeriums ablesen lässt. Auch in den jüngeren Altersgruppen haben viele bereits eine dritte Impfung erhalten. So hat etwa jeder dritte Jugendliche zwischen zwölf und 17 Jahren eine Auffrischungsdosis bekommen.

In Deutschland fehlen hingegen noch Daten zu den Impfquoten in den einzelnen Altersgruppen. Das Robert Koch-Institut (RKI) gibt derzeit nur die Gesamtzahl der Auffrischungsimpfungen an. Demnach haben sich bislang rund 1,9 Millionen Menschen ein drittes Mal gegen Covid-19 impfen lassen. Die Behörde teilte auf Anfrage des RND mit: „Eine feinere Aufschlüsselung ist derzeit nicht möglich.“

Ein Correlate of Protection fehlt

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Doch nicht nur mangelt es an Daten zu den Impfquoten in den einzelnen Altersgruppen, es fehlt grundsätzlich auch ein sogenanntes Correlate of Protection. Gemeint ist ein bestimmter Schwellenwert, ab dem Personen als sicher geschützt gelten. Im Fall von Corona bedeutet das: Es gibt bislang keine Konzentration an Antikörpern, ab der sich sicher sagen lässt, dass jemand vor dem Virus geschützt ist.

Das macht es den Ärztinnen und Ärzten schwierig, einzuschätzen, ob ihre Patientinnen und Patienten noch ausreichend vor dem Coronavirus geschützt sind oder nicht. Gäbe es einen solchen Schwellenwert, ließe sich leicht ein Zeitpunkt bestimmen, ab dem es eine Boosterdosis braucht. „Es steht zu befürchten, dass dies noch für sehr lange Zeit so sein wird“, so Förster, „weil einfach viele Faktoren Einfluss nehmen.“

In der ursprünglichen Version des Artikels hieß es, dass unter 70-Jährige bislang keinen Anspruch auf eine Auffrischungsimpfung haben. Wir haben dies am 29. Oktober 2021 korrigiert.

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