Ist die Drittimpfung gegen das Coronavirus nötig?

  • In Deutschland wurde mit Booster-Impfungen gegen das Coronavirus begonnen.
  • Die Ständige Impfkommission empfiehlt diese bisher nicht. Forschende bezweifeln die Notwendigkeit für die Gesamtbevölkerung.
  • Selbst wenn eine „Boosterung“ das Erkrankungsrisiko mittelfristig noch weiter senke, könnten Impfstoffe mehr Leben retten, wenn sie in einer noch ungeimpften Bevölkerung eingesetzt würden
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Der Schutz der Corona-Vakzine kann mit der Zeit nachlassen. Aber ist eine Booster-Impfung wirklich die Lösung? Die Ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut (Stiko) empfiehlt bisher keine dritte Dosis. Auch die europäische Arzneimittelkommission EMA hat die Dreifachimpfung noch nicht offiziell zugelassen, sie sichtet derzeit die Daten. Trotzdem wurde in mehreren Staaten und auch in Deutschland bereits mit der Booster-Impfung für bestimmte Bevölkerungsgruppen wie Hochbetagte und Menschen in Pflegeheimen begonnen.

Unter anderem hatten der Ärztepräsident und der deutsche Hausärzteverband dieses Vorgehen kritisiert. Ein internationales Forschungsteam hat sich in einer am Montag im Wissenschaftsmagazin „The Lancet“ veröffentlichten Analyse gegen eine Dreifachimpfung für die Gesamtbevölkerung ausgesprochen. Diese werde bisher nicht benötigt, resümieren die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen nach der Analyse aller derzeit verfügbaren Studien zum Thema.

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Impfung bietet weiterhin Schutz gegen schwere Verläufe

Selbst wenn die Antikörperspiegel bei geimpften Personen im Laufe der Zeit nachlassen und der Schutz vor milden Verläufen bei der Delta-Variante niedriger ausfällt, bedeute dies nicht unbedingt eine Verringerung der Wirksamkeit gegen schwere Erkrankungen, heißt es im „Lancet“-Beitrag. Wichtig zum Schutz vor schweren Erkrankungen sei auch die zelluläre Immunität durch Gedächtniszellen und andere Immunzellen. Diese sei auch bei niedrigeren Antikörperspiegeln oft noch vorhanden. Die Impfung biete daher weiterhin einen Schutz vor schweren Verläufen, das gelte auch bei Infektionen mit der Delta-Variante, heißt es in der Stellungnahme.

Selbst wenn eine „Boosterung“ das Erkrankungsrisiko mittelfristig noch weiter senke, könnten Impfstoffe mehr Leben retten, wenn sie in einer noch ungeimpften Bevölkerung eingesetzt würden, schreiben die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen. Ähnlich sieht es auch die Weltgesundheitsorganisation WHO: Sie hatte mehrfach vehement gefordert, Impfdosen zunächst ärmeren Ländern zugänglich zu machen, anstatt Drittimpfungen durchzuführen.

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Wie entsteht ein Impfstoff?
1:52 min
Nach einem Impfstoff gegen Covid-19 wird unnachgiebig geforscht. Innerhalb von nur einem Jahr war bereits der erste Kandidat in der Zulassungsphase.

Impfschutz kann vor allem bei Älteren nachlassen

Das Robert Koch-Institut (RKI) geht ebenfalls davon aus, dass die Impfungen die meisten schweren Verläufen weiterhin verhindern können, auch wenn Impfdurchbrüche zuletzt häufiger auftraten. Zu noch mindestens 80 Prozent seien Geimpfte vor einem schweren Verlauf geschützt, schätzt das RKI, das gelte für alle in Deutschland verwendeten Impfstoffe. Der Impfschutz kann vor allem bei Älteren tendenziell stärker nachlassen und hängt immer auch davon ab, wie lange die Immunisierung im Einzelfall zurückliegt.

Eine „Auffrischimpfung“ könnte den Impfschutz zwar tatsächlich wieder erhöhen, die Verfasser und Verfasserinnen des „Lancet“-Beitrags fordern aber, genauer zu untersuchen, ob diese wirklich notwendig ist. Booster-Impfungen seien riskant, wenn sie in der Breite zu früh oder zu häufig angewendet würden, heißt es in dem Artikel. Die Forschenden verweisen dabei unter anderem auf selten auftretende Nebenwirkungen der Impfungen, die durch eine Überreaktion des Immunsystems ausgelöst werden können, wie eine Myokarditis nach mRNA-Impfungen oder das Nervenleiden Guillain-Barre Syndrom nach Vektorimpfungen.

Verträglichkeit der dritten Impfung?

Nach Angaben von Biontech/Pfizer löste die Drittimpfung in einer Studie um ein vielfaches höhere Antikörperspiegel aus als die Zweitimpfung. So sollen 15 bis 21-mal mehr Antikörper gegen die Variante Beta und fünf- bis elfmal mehr Antikörper gegen die Delta-Variante gebildet worden sein – ein Hinweis auf eine extrem starke Reaktion des Immunsystems. Biontech und Pfizer geben an, dass in ihrer laufenden Studie die dritte Impfung trotzdem ein „konsistentes Verträglichkeitsprofil“ gezeigt habe. Allerdings hatten nur etwa 300 Probanden an der Studie teilgenommen.

Erste Daten zur Verträglichkeit der Drittimpfung gibt es auch aus Israel. Das Land hatte als eines der ersten mit der Booster-Impfung begonnen. Es sollen dort nicht nur wie in Deutschland vorrangig Ältere, sondern alle bereits geimpften Personen ab zwölf Jahren ein weiteres Mal geimpft werden. Israel hatte zudem angekündigt, dass in der Zukunft nur noch die dreimalige Impfung als Impfnachweis akzeptiert werden soll. In einer Umfrage der israelischen Krankenkasse Clalit gaben 10 Prozent von 4500 Geimpften an, dass sie die Drittimpfung schlechter vertragen hatten als die zweite Impfung. Bei einem Prozent traten so starke Nebenwirkungen auf, dass sie ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen mussten.

Gesundheitliche Probleme nach Drittimpfung

Für Verunsicherung sorgten auch gesundheitliche Beschwerden bei neun von 89 Bewohnern und Bewohnerinnen eines Pflegeheims in Oberhausen nach der Drittimpfung. Zwei der Geimpften entwickelten so starke Gesundheitsprobleme, dass sie drei Tage nach der Impfung wiederbelebt werden mussten. Ihnen geht es inzwischen wieder besser.

Laut der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVNO) ist ein Zusammenhang mit der Impfung nicht belegt. Auf Nachfrage des RedaktionsNetzwerk Deutschland teilte die KV mit, bisher seien in Nordrhein etwa 12.000 Booster-Impfungen durchgeführt worden. Ähnlich schwere Gesundheitsprobleme wie bei den Wiederbelebten in Oberhausen seien dabei bislang noch nicht beobachtet worden.

Ärzte: kein Grund zur Eile

Die Kassenärztliche Vereinigung wies am Mittwoch darauf hin, dass sie aufgrund der Vorfälle in Oberhausen ein generelles Aussetzen der Auffrischungsimpfungen nicht für notwendig halte. Allerdings sollten die Auffrischungen von über 60-Jährige nach ärztlichen Ermessen sowie individueller Abwägung erfolgen. Es bestehe außerdem kein Grund zur Eile, weil sich der schon bestehende Impfschutz nur langsam abbaue.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz mahnt zur Vorsicht beim Umgang mit der Drittimpfung. Diese werde angeboten, ohne dass ausreichend Wissen darüber vorhanden sei, wie der Körper auf die ersten beiden Spritzen oder auf eine Infektion reagiert habe, sagte deren Vorsitzender Eugen Brysch gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. „‚Viel hilft viel‘ kann hier nicht das Motto sein“, so Brysch. Es solle zunächst der Immunstatus erhoben werden, ehe eine Drittimpfung erwogen wird. Dabei schlägt Brysch eine Überprüfung der vorhandenen Gedächtnis- oder T-Zellen vor, die aussagekräftiger als Antikörpertests sei.

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