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Corona-Bilanz eines Infektiologen: „Wir werden auch 2021 eine Abfolge von Lockdowns und Lockerungen haben müssen“

  • Clemens Wendtner hat im Januar die ersten Covid-19-Patienten in Deutschland behandelt.
  • Im RND-Interview zieht der Infektiologe Bilanz zum Pandemiejahr 2020 – zur Krankheit, zum Lockdown, zu Forschungsfortschritten und Maskenverweigerern.
  • Der Chefarzt prognostiziert: Auch 2021 werde eine Herausforderung – mit Massenimpfungen, der Suche nach Medikamenten und weiter notwendigen Corona-Maßnahmen.
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Herr Prof. Wendtner, Sie sind als Infektiologe seit rund einem Jahr nonstop mit Sars-CoV-2 und Covid-19 beschäftigt. Was war Ihr erster Kontakt mit dem neuartigen Virus?

An Patient Nummer eins kann ich mich noch gut erinnern. Unsere Station hat den ersten Covid-19-Patienten in Deutschland behandelt. Am 27. Januar 2020 wurde er an unsere Klinik überwiesen. Bei der Anamnese hatte er etwas Fieber und erwähnte, Kontakt mit einer Chinesin gehabt zu haben. Da klingelte es gleich bei den Kollegen: Sie attestierten ihm das Wuhan-Virus. So haben wir Sars-CoV-2 am Anfang noch genannt. In derselben Woche sind noch acht weitere Patienten aus dem Webasto-Cluster zu uns gekommen. Bei dem Autohersteller südlich von München gab es den ersten Ausbruch in Deutschland – mit 16 Patienten insgesamt.

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Clemens Wendtner ist Chefarzt der Klinik für Infektiologie in der München-Klinik Schwabing. © Quelle: -/München Klinik/dpa

Wie verlief die Erkrankung bei diesen ersten Covid-19-Patienten?

Die München-Klinik Schwabing hat die einzige Sonderisolierstation in Bayern. Das heißt: Wir waren als Abteilung auch schon vor der Pandemie gut ausgerüstet für den Umgang mit hochinfektiösen Infektionserkrankungen. Auch Ebolapatienten landen beispielsweise bei uns. Die Symptome der ersten Covid-19-Patienten waren da im Vergleich erst mal recht unspektakulär: ein bisschen Husten, Schnupfen und Heiserkeit.

Die Therapie bestand im Wesentlichen darin, zu inhalieren, etwas Flüssigkeit über die Vene und etwas Sauerstoff über die Nase zu bekommen. Anders als heute wurde zu Beginn auch noch jede Person mit einer nachgewiesenen Sars-CoV-2-Infektion in Isolation ins Krankenhaus geschickt – obwohl der Genesungsprozess dadurch nicht wirklich verkürzt werden konnte.

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Long-Covid: Mehr als eine reine Lungenkrankheit

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Das Corona-Jahr 2020 in Deutschland - ein Blick zurück
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Seit fast einem Jahr hält das Coronavirus die Welt in Atem. Allein in Deutschland sind mittlerweile mehr als eine Million Fälle registriert.  © dpa

Wie sieht die Lage Ende 2020 aus?

Die Dinge haben sich sehr verändert. Die Patienten auf unserer Station sind in der Regel schwer krank. Über die Monate haben wir gelernt, dass es sich um eine Multiorgankrankheit handelt. Ich weiß noch, wie uns erste Patienten davon berichtet haben, dass sie kaum etwas schmecken. Andere berichteten von einem Vanillegeruch in der Nase.

Es hat sich gezeigt, dass das Spektrum der Symptome sehr mannigfaltig ist. Und bei Covid-19 ist nicht nur die Lunge betroffen. Es gibt schwere Nierenschädigungen, neurologische Defizite und Langzeitfolgen, bekannt als Long-Covid. Rund die Hälfte der Covid-19-Patienten, die im Krankenhaus behandelt werden, leidet acht Wochen danach noch an Spätfolgen.

War Ihnen damals direkt klar, womit es die Welt zu tun haben wird?

Das war am Anfang noch nicht greifbar. Eine globale Pandemie mit zig Millionen schwer Infizierten und über anderthalb Millionen Toten am Ende des Jahres hatten Wissenschaftler im Januar so nicht auf dem Radarschirm. Die Dimension der Erkrankung wurde erst bei weit mehr Infizierten im Frühjahr klarer. Es wurde klarer, dass die Viruslast enorm groß und damit die Ausbreitung enorm schnell ist, dass Menschen auch ohne nennenswerte Symptome infektiös sein können – und dass das zu einem Riesenausbruch führen kann.

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Chronologie des Coronavirus
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Der Beginn des verheerenden Coronavirus war vermutlich ein Tiermarkt in Wuhan (China). In nur wenigen Wochen erreichte das Virus auch Europa.  © RND

Wie haben Sie den Beginn der ersten Welle wahrgenommen?

Ich weiß noch, dass Bayern Ende Februar für wenige Stunden coronafrei war. Die letzten Webasto-Patienten waren gerade entlassen. Alle dachten: Jetzt haben wir es erst mal geschafft. Aber dann wurde Fasching gefeiert und dann kam die Party in Ischgl. Die erste Welle in Deutschland und Europa ging da eigentlich erst so richtig los. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war die Dynamik offensichtlich – dass das mehr wird als ein eingeschlepptes Virus aus China, das bei einigen Mitarbeitern in einer Firma zu Problemen führen könnte.

Sommer 2020: Niedrigere Infektionszahlen – und die Geburt der Skepsis

War der Sommer nach der ersten Welle eine Verschnaufpause für Sie?

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Im Sommer gab es für uns Mediziner viel nachzuholen – zum Beispiel wegen Covid-19 aufgeschobene Transplantationen oder ambulante Sprechstunden für Krebspatienten. Das Virus war auch nie weg: Unsere Station hat auch im Sommer eine Reihe Covid-19-Patienten behandelt. Ich weiß noch, dass ich meinen Sommerurlaub im August wegen steigender Infektionszahlen vorzeitig abgebrochen habe, weil ich da wusste: Jetzt geht es wieder los. Nicht alle Entscheidungsträger haben das geglaubt. Ende September war die zweite Welle in Deutschland aber nicht mehr wegzudiskutieren.

Auch Verharmloser der Pandemie sind im Laufe der Monate auf der Bildfläche erschienen.

Massendemos mit Maskenverweigerern, Corona-Leugnern und Impfgegnern sind aus ärztlicher Sicht nur sehr schwer zu ertragen. Insbesondere, wenn ich an meine Patienten und die Gefahr von Long-Covid denke. Ein Beispiel: Im März kam ein 29-jähriger Patient zu uns. Das war damals ein junger, fitter Mann. Er hatte sich bei Kollegen angesteckt, die in Ischgl feiern waren. Er erkrankte sehr schwer und musste sechs Wochen intubiert werden. Noch heute läuft er mit Rollator und benötigt Schienen, weil die Beine sonst zusammenknicken würden. Es wird viele Monate bis Jahre brauchen, bis er sich erholt. Diese Krankheit kann also sehr viel anrichten.

Zweite Welle im Winter: Lockdown als das Mittel der Wahl

Im Sommer regte sich noch Zweifel, im Herbst war aber klar: Eine zweite Infektionswelle kommt auf Deutschland zu. © Quelle: GGGraphics/shutterstock

Seitdem hat sich die Lage immer weiter verschärft. Was ist im Winter anders als im Frühjahr?

Die zweite Welle ist viel heftiger als die erste. Wir haben uns an mehr als 20.000 Neuinfektionen pro Tag gewöhnt – das gab es im Frühjahr so nicht. Deshalb ist auch in den Kliniken die Belastung sehr stark. Es gibt viele ältere und damit schwer kranke Patienten und eine zunehmende Inanspruchnahme von Intensivkapazitäten.

Deutschland hat im europäischen Vergleich die meisten Intensivbetten pro Einwohner. Das ist super – aber die Reserve schmilzt auch hierzulande. Es ist am Ende ein Rechenexempel: Die Neuinfektionen müssen auf niedrigem Niveau bleiben, weil 5 bis 10 Prozent der Infizierten in den Kliniken landen – und mindestens ein Drittel dieser Patienten intensivpflichtig wird.

Hat sich gezeigt, dass ein Lockdown das geeignete Mittel ist, um das Virus einzudämmen?

Es gab Anfang November gar keine andere Wahl als einen zweiten Lockdown. Wenn mehr als 75 Prozent der Infektionen nicht mehr nachvollziehbar sind, tappt man komplett im Dunkeln. Es hat sich inzwischen auch gezeigt, dass ein milderer Teil-Lockdown nur einen geringen Effekt auslöst. Ein harter Lockdown für einige Wochen ist ein effizientes Mittel, um die Zahlen herunterzubringen.

Herausforderung für 2021: Impfung, Medikamente, Lockdowns

Ist es denn realistisch, 2021 genug Menschen für eine weitgehende Entspannung zu impfen?

Das Impfen eines Großteils der Bevölkerung ist eine Mammutaufgabe: Selbst wenn jeden Tag in der Woche, montags bis sonntags, 100.000 Personen eine Impfung erhalten, wären Ende 2021 nur rund 35 Millionen von 83 Millionen Menschen geschützt. Das ist weniger als die Hälfte der Einwohner Deutschlands. Wir haben es also für einen noch nicht absehbaren Zeitraum weiter mit dem Virus und der Krankheit Covid-19 zu tun. Eine Verschnaufpause werden wir aber hoffentlich ab Mai oder Juni erleben. Die warmen Temperaturen waren auch das große Glück in der ersten Welle im Frühjahr 2020. Sie haben dazu beigetragen, dass das Spreading nicht ganz so exponentiell zunimmt.

Mit Impfungen sind wir weitergekommen. Wie sieht es nach einem Pandemiejahr mit Medikamenten gegen Covid-19 aus?

Es gibt zwei Medikamente, die in Deutschland eingesetzt werden. Remdesivir hat klare Vorteile in der Frühphase der Erkrankung, um den Klinikaufenthalt zu verkürzen. Unsere klinischen Erfahrungen zeigen, dass Covid-19-Patienten bei früher Gabe im Schnitt nicht mehr 15, sondern zehn Tage im Krankenhaus behandelt werden. Studien konnten bislang allerdings nicht zeigen, dass dieses Medikament die Sterblichkeit reduziert.

Zusätzlich hat Dexamethason flächendeckend Einsatz gefunden, das die Sterblichkeit um rund 20 Prozent senken kann. Das Steroid wird Patienten frühestens am siebten Tag nach Erkrankungsbeginn verabreicht. Absolut zufriedenstellend ist das natürlich noch nicht.

Gibt es darüber hinaus vielversprechende Entwicklungen?

Wir haben zum Beispiel mit Kollegen der Universitätsklinik in Köln eine Studie gestartet, in der wir den Effekt der Gabe bestimmter neutralisierender Antikörper kurz nach Symptombeginn untersuchen wollen. Diesen Ansatz verfolgen im Moment viele Forschungsprojekte.

Es bräuchte jetzt eigentlich mehr Medikamente für die Zeit, in der die mittels Impfung hergestellte Herdenimmunität noch nicht greift. Forscher in Deutschland haben da bereits gute Ideen: Es könnten bestimmte Substanzen inhaliert werden – statt diese über die Vene zu spritzen. Es könnte Nasen- oder Rachensprays geben. Es wird auch an völlig neuen Wirkmechanismen gearbeitet, um Entzündungen im Körper direkt zu blockieren. Aber der Sprung vom Labor in die Klinik ist eine Herausforderung. Es braucht dafür aufwendige und länger laufende Studien. Das geht am Schluss nur mit Geld.

Bleiben dann Maßnahmen zur Eindämmung auch im kommenden Jahr das Mittel der Wahl?

Die bittere Wahrheit ist: Wir werden auch 2021 eine Abfolge von Lockdowns und Lockerungen haben müssen. Die Pandemie ist wie ein anspruchsvoller Marathonlauf. Anders werden wir keine Kontrolle über das Virus halten können. Denn eine Mutation, durch die das Virus plötzlich verschwinden würde, ist sehr unwahrscheinlich. Für eine künstliche Herdenimmunität braucht es 60 bis 70 Prozent Geimpfte – und es ist noch eine offene Frage, ob die Impfung die Weitergabe von Sars-CoV-2 zu 100 Prozent verhindern wird.

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