Beherbergungsverbot: Hat die Maßnahme zur Corona-Eindämmung Sinn?

  • Das Beherbergungsverbot spaltet die Gemüter.
  • Gesundheitsexperten stehen der Regelung kritisch gegenüber.
  • Denn Daten zeigen, dass das Coronavirus Sars-CoV-2 aktuell vor allem im privaten Umfeld übertragen wird.
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Immer mehr Städte und Gemeinden überschreiten die kritische Grenze von 50 Coronavirus-Neuinfektionen innerhalb von sieben Tagen. Die Landespolitiker reagieren teils sehr unterschiedlich mit Maßnahmen, etwa nächtlichen Sperrstunden für die Gastronomie und Reduzierung der Gästeanzahl bei Privatpartys. Massive Kritik hagelt es für das mancherorts verordnete Beherbergungsverbot. Es fällt genau in die Herbstferiensaison. Aber ist es zur Pandemieeindämmung überhaupt sinnvoll, pauschal nicht in Hotels, Ferienwohnungen, Campingplätzen zu nächtigen, wenn man aus einem innerdeutschen Risikogebiet anreist?

Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach ist davon wenig überzeugt. Gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ sagte der Epidemiologe: „Da wurde ein Fehler gemacht, das müsste abgeräumt werden.“ Keine Studie zeige, dass das Reisen innerhalb Deutschlands ein Pandemietreiber sei. „Ich löse mit diesen Regeln also kein Problem, weil es da kein Problem gibt.“

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Die Grenze von 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner werde ohnehin in sehr kurzer Zeit an sehr vielen Orten in Deutschland überschritten werden. „Wenn man Regeln wie diese trotzdem aufrechterhält, verliert man die Unterstützung der Bevölkerung für Regeln, die sinnvoll und wichtig sind.“ Lauterbach plädiert stattdessen für einen Fokus auf große Privatfeiern, bei denen Superspreading-Events wahrscheinlicher seien.

Mehr Virus-Übertragungen im privaten Umfeld statt im Hotel

Ein ähnliches Bild zeigen die Daten des Robert-Koch-Instituts, zumindest mit Blick auf Auslandsreisen. Zwar gibt es im Moment einen Eintrag durch Reisen, aber im Vergleich eher niedrigschwellig: Im Situationsbericht vom 11. Oktober heißt es beispielsweise, der Anteil der Fälle mit Exposition im Ausland sei inzwischen auf unter 10 Prozent gesunken. Fallhäufungen gebe es vor allem bei Feiern im Familien- und Freundeskreis, in Alten- und Pflegeheimen, Krankenhäusern, Einrichtungen für Asylbewerber und Geflüchtete, Gemeinschaftseinrichtungen, fleischverarbeitenden Betrieben und im Rahmen religiöser Veranstaltungen.

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Einen detaillierten Blick auf das Infektionsumfeld erfasster Corona-Fälle in Deutschland hat das Robert-Koch-Institut Mitte September in einem epidemiologischen Bulletin geworfen. Dabei wurden Infektionen hierzulande bis einschließlich zum 11. August näher unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: „Übertragungen im öffentlichen Bereich (in Verkehrsmitteln, Gaststätten, Hotels) kamen, sicher auch bedingt durch die massiven Gegenmaßnahmen, vergleichsweise deutlich seltener vor.“

Das RKI plädierte in der Analyse dafür, vor allem die mögliche Unterbrechung von Infektionsketten zwischen privaten Haushalten in den Fokus zu nehmen. Denn „neben einzelnen spektakulären und bundesweit bekannt gewordenen großen Ausbrüchen sind es insbesondere Übertragungen im familiären und häuslichen Umfeld, die nicht unbedingt zu vielen Folgefällen führen und nur wenige Fälle pro Ausbruch aufweisen, aber offensichtlich sehr häufig vorkommen.“

Flickenteppich: Braucht Deutschland wieder einheitliche Maßnahmen?

Von den lokal unterschiedlich geltenden Regeln sind Experten aus dem Gesundheitswesen und der Wissenschaft nicht überzeugt. „Ich bedaure, dass wir einen Flickenteppich an Maßnahmen haben und in jedem Bundesland unterschiedliche Regeln gelten“, sagte beispielsweise Frank Ulrich Montgomery, Präsident des Weltärzteverbands, vergangene Woche in einem Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Der Virologe Christian Drosten geht davon aus, dass die derzeit regional unterschiedlichen Regeln in den nächsten Monaten einem bundeseinheitlichem Vorgehen weichen werden. „Es ist gut, wenn es klare Regeln gibt“, sagte er dem RND vor Kurzem. „Das ist ganz eindeutig.“

Sie durchzusetzen sei angesichts einer regional unterschiedlichen Häufigkeit der Krankheit derzeit verständlicherweise noch schwierig, fügte Drosten hinzu. „Eine gewisse lokale Nachjustierung ist im Moment deshalb schon notwendig.“ Doch das Virus werde „sich immer gleichmäßiger verteilen“, sagte der Virologe. „Und wir werden mehr und mehr in eine Situation kommen, wo man besser pauschal reguliert. Im Moment ist das eine Übergangsphase.“

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Urlaub ist nicht gleich Urlaub: Jeder Einzelne beim Infektionsschutz gefragt

Um auf individueller Ebene beurteilen zu können, ob beispielsweise der Herbsturlaub im Ferienhaus an der Ostsee ein Infektionsrisiko darstellt, kommt es nicht zuletzt auf das Verhalten jedes Einzelnen an. Die Pandemie-Modelliererin Anita Schöbel, Leiterin am Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik der Fraunhofer-Gesellschaft, erklärte in einem Gespräch mit dem RND: „Ich rate davon ab, im Urlaub Party zu machen und an der Bar Leute zu umarmen. Aber wer mit dem Auto in eine Ferienwohnung fährt, wandern geht, für sich selbst kocht und mit Maske einkauft, hat weniger Probleme.“ Absolute Sicherheit gebe es aber nie. „Vielleicht stecke ich mich beim Reisen an, bringe das Virus mit und infiziere unwissentlich viele Menschen“, gibt Schöbel zu bedenken.

An die Verantwortung jedes Einzelnen bei einem Anstieg der Fallzahlen plädiert auch das Robert-Koch-Institut. „Viele der genannten Ausbruchssituationen sind durch eine freiwillige Kontaktreduktion vermeidbar“, heißt es im epidemiologischen Bulletin. Empfohlen wird auch, den Überblick über die eigenen engen Kontakte zu behalten, beispielsweise durch Führen von Listen. Dies würde den Gesundheitsämtern helfen, die ansteckungsverdächtigen Personen beim Auftreten einer Infektion schnell zu benachrichtigen und eine Quarantäne anzuordnen. Der Virologe Christian Drosten nannte so eine Liste zuletzt Cluster-Tagebuch. Wer also einen Urlaub plant – ob innerhalb Deutschlands oder ins Ausland – sollte nach Möglichkeit alle Kontakte während der Reise festhalten. So wird die Kontaktnachverfolgung einfacher.


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